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Tischreden und Lesekost

Monika Müller - Bürgermeisterin Pforzheim

Tischrede zum Frauenmahl am 21.10.2016 „Stadt der Frauen“ im Sparkassensaal in Pforzheim

Was bedeutet es für Sie als Bürgermeisterin, in einer Männerriege zu arbeiten? So lautete die erste Frage, die mir zur Vorbereitung auf das Frauenmahl zugesandt wurde.

Ich finde übrigens die Idee des gemeinsamen Essens und der Reden von und für Frauen unter dem Gedanken der Reformationsdekade sehr schön… bin mir allerdings ziemlich sicher, dass sich dies nur bedingt mit dem Frauenbild des Reformators Martin Luther und seiner Zeit deckt. Frauen und Politik, Frauen in beruflichen Spitzenämtern, Frauenbünde – all das war ihm bestimmt eher fremd. Aber da ich mir sicher bin, dass Martin Luther durchaus lernfähig war - und die Bibel heute vermutlich nicht nur in die deutsche Sprache, sondern auch in eine gendergerechte Sprache übersetzt hätte - gehe ich fest davon aus, dass er, würde er heute leben, den einzigen Makel des Abends darin sähe, dass ihm eine Teilnahme leider nicht vergönnt wäre.

Nun aber von Luther zurück zu uns:
Als Frau in einer Bürgermeisterriege anzukommen, bedarf einer gewissen Beharrlichkeit. Aber Beharrlichkeit ist ohnehin eine Eigenschaft, die erforderlich ist, wenn Frauen etwas verändern wollen. Stete Kompromissbereitschaft oder die grundsätzliche Tendenz, sich selbst zurückzunehmen sind ja scheinbar typisch weibliche Tugenden, die allerdings der beruflichen und vielleicht auch der persönlichen Selbstverwirklichung nicht immer dienlich sind. Daher trifft man dies bei Männern auch vergleichsweise seltener an.
Für Frauen in politischen Ämtern gilt meiner Erfahrung nach immer noch, dass sie eigentlich nie als passend empfunden werden- entweder sind sie zu alt oder sie sind zu jung, achten zu sehr oder nicht ausreichend auf ihr äußeres Erscheinungsbild; haben sie Kinder, widmen sie sich angeblich nicht mit der erforderlichen Hingabe dem Amt, kinderlosen Frauen hingegen wird oftmals soziale Kälte und Ahnungslosigkeit in allen Fragen rund um Familie und Verantwortungsgemeinschaften unterstellt. Überhaupt wird weiblichen Amtsträgerinnen nicht nur die Frage nach Kindern gestellt - das will man auch von Männern wissen – sondern auch oft noch eine Erklärung dazu abgerungen, wo sich die armen Kleinen denn befinden, während die Mutter sich in ihrem Egoismus selbst verwirklicht.
Leider sind es nicht selten Frauen, die diese Fragen stellen…

Eine weitere Frage, die mir von den Veranstalterinnen mit auf den Weg gegeben wurde, will ich versuchen, aus meiner Perspektive heraus zu beantworten.
Welche Herausforderungen sehen Sie für die Stadt Pforzheim insbesondere mit Blick auf die Situation von Frauen?
Obwohl wir als familienfreundliche Kommune zertifiziert sind, erleben wir ab und an bei der Besetzung von interessanten Positionen innerhalb der Stadtverwaltung, sofern die Favoriten männlich sind, dass diese absagen … weil ihre Frauen sich einen Umzug nach Pforzheim nicht vorstellen können. So begrüßenswert es ist, dass die Frauen bestimmen oder zumindest mitbestimmen, wo der Lebensmittelpunkt der Familie liegt, so schwierig ist doch das damit verbundene Signal an uns als Stadt: Pforzheim hat demnach weder den Ruf, besonders familien- oder vor allem frauenfreundlich zu sein noch bieten wir als Stadtverwaltung besondere Anreize, um Familien den Zuzug nach Pforzheim zu erleichtern.
Eine frauenfreundliche Stadt ist eine attraktive Stadt - und Frauenfreundlichkeit ist eben nicht das Aneinanderreihen von Schuhgeschäften, Boutiquen und Friseursalons, sondern sehr viel mehr:

Frauen müssen in allen Politikfeldern der Stadtentwicklung mitgedacht, vor allem aber beteiligt werden. Ganz wichtig ist, dass wir für eine Stadt sorgen, in der Frauen sich wohl fühlen, in der sie sich sicher fühlen. Gerade das Thema Sicherheit oder vielmehr das Gefühl von Sicherheit ist sehr wichtig. Dafür reicht nicht, ein paar Parkplätze zu Frauenparkplätzen zu erklären. Es braucht dazu weibliche Sichtweisen, die Prioritäten setzen und in konkreten Maßnahmen münden. Konkrete Belange von Frauen müssen auch in meinen Politikfeldern mehr Raum finden- beim Sport ist auch zu fragen, ob es wirklich immer nur Bolzplätze braucht, auf die sich kaum je ein Mädchen verirrt. Oder ob Frauenschwimmen vielleicht doch möglich ist? Dient unsere Jugendförderung auch den Interessen von Mädchen? Und läuft unsere Bildungs- und Sozialpolitik nicht eher darauf hinaus, Familien in der klassischen Rollenteilung zu bestärken? Welche Wohnformen wünschen sich Frauen im Alter?
Und kann es sich eine Stadt in Zeiten der Haushaltskonsolidierung leisten, an Frauen zu sparen, ist also eine Kürzung in Bereichen, die der Vereinbarkeit von Familie und Beruf dienen, bei Angeboten wie Familienberatung, Krebsberatungsstellen oder im psychosozialen Bereich frauenpolitisch vertretbar?
Wenn wir in all diesen Bereichen etwas verändern wollen, ist es wichtig, dass Frauen mitreden und mitbestimmen können, bei den Fachthemen, aber vor allem auch bei der Frage, was mit Steuergeldern gemacht wird- in der Kommune, aber auch auf allen anderen staatlichen Ebenen.
Frauen in Verantwortungspositionen zu bringen, sie dabei zu unterstützen, ihre Interessen durchzusetzen, ist daher unabdingbar, wenn eine und damit auch unsere Stadt attraktiv werden oder bleiben will.

Wie schätzen sie die Chancen von Frauen in der Politik ein?
Frauen haben Chancen in der Politik, allerdings meist dann, wenn entweder kein Mann bereit ist, das betreffende Amt zu übernehmen oder wenn ein Mann abgewählt werden soll. Bei der Frage nach Frauen im Berufsfeld Politik (beim Ehrenamt gelten teilweise etwas andere Regeln) gilt nach wie vor, dass die Wahrscheinlichkeit, als Frau aktiv „Politik als Beruf“ zu wählen weitaus geringer als bei Männern ist. Was vielleicht auch daran liegt, dass das Ansehen von Politikerinnen/Politikern gering ist und Frauen im Zweifelsfall lieber einen gesellschaftlich anerkannteren Beruf als einen Beruf mit einem gewissen Machtfaktor wählen. Macht anzunehmen ist etwas, dass Frauen erziehungsbedingt noch immer schwer fällt. Dabei beinhaltet ein politisches Amt und die damit verbundene politische Macht vor allem Verantwortung…und das ist wiederum etwas, das Frauen tagtäglich und überall auf der Welt übernehmen- für die Familie, die Kinder, die Eltern, den Partner, sogar für die Kollegen am Arbeitsplatz oder die Nachbarn- wieso also nicht auch als Politikerinnen?

Verantwortung haben natürlich auch Politikerinnen für das Wohlergehen anderer- und weil für Frauen zum Wohlergehen nicht nur Zuhören, sondern auch Unterhaltung gehört und Essen in der Gemeinschaft sowieso, kommen wir nun zum 3. Gang. Ich wünsche Ihnen noch einen weiterhin anregenden Abend!

Dieser Internetauftritt gehört zum Studienzentrum der EKD für Genderfragen in Kirche und Theologie (vorher: Frauenstudien- und -bildungszentrum in der EKD, FSBZ).
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