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Tischreden und Lesekost

Marita Natt - Prälatin in der Evangelischen Kirche von Kurhessen-Waldeck

Witzenhausen 02.06.2013


„Tritt fest auf, mach´s Maul auf, hör bald auf“,


soll  Martin Luther gesagt haben. Es trifft den Kern, ist kurz und knapp, und doch  kommen mir die prägnanten Worte gar nicht so leicht über die Lippen. Liegt es daran, dass wir nicht mehr im Mittelalter leben? Oder weil ich eine Frau bin…?


Wie auch immer, was er sagen wollte, ist:

„Sei selbstbewusst im Auftreten. Misch dich ein, wo es nötig ist. Schwinge keine unnötig langen Reden, sondern sag, was gesagt werden muss, kurz und bündig!“


Die Veranstalterinnen haben es ähnlich gesehen und den Tischrednerinnen sieben Minuten für ihre Tischreden und Impulse zugestanden. Also los:


Als Eltern dreier, mittlerweile erwachsener -und wie ich finde, wunderbarer- Töchter, haben mein Mann und ich früh gelernt, was Toleranz bedeutet. Der Kampf um Kleidung, Frisuren, Ausgehzeit, Musik, Zukunftsvorstellungen, usw., usw. hat  unseren Horizont deutlich erweitert! Die meisten von Ihnen kennen das, nehme ich an.


Es waren gute Lehrjahre für das Amt, das ich jetzt innehabe: Personalchefin sein und die Zukunft unserer Kirche verantwortlich mitgestalten. Da spielt Toleranz eine ziemlich große Rolle!


Umgangssprachlich bezeichnen wir jemanden als tolerant, der/die sich seines eigenen Standpunktes bewusst ist und ihn vertreten kann, der/die aber auch für andere Meinungen, Überzeugungen oder Lebensformen offen ist. Da lerne ich täglich dazu. Während einer Synodentagung ist Toleranz genauso gefragt, wie in einem Personalgespräch oder einem Treffen mit Kirchenvorständen, die sich gegen die Pfarrstellenanpassung wehren, im Austausch zwischen katholischer und evangelischer Kirchenleitung und mit Vertretern der Politik.


Da muss ich erdulden, ertragen und aushalten, dass andere anders denken. Aber genauso müssen andere mein Handeln und mein Denken erdulden und ertragen. Paulus schreibt: „Einer trage des anderen Last“. Sehr schön, aber nicht leicht!


Was heißt Toleranz innerhalb der  christlichen Konfessionen, gegenüber Judentum und Islam? Wir sind diejenigen, die schon seit vielen Generationen in Deutschland leben und meist christlich geprägt sind, die anderen sind sogenannte Zuwanderer. Sie bringen ihre Kultur und ihren Glauben mit. Wie gehen wir miteinander um?  Fordernd oder gleichgültig?  Verachtend oder mit Achtung?

Um jemanden  zu verstehen, muss ich seine  Geschichte kennen. Deshalb gehören für  mich zur Toleranz zuallererst der Dialog, das Gespräch, die Begegnung.


Aber ich muss auch wissen, wo ich stehe.


„Toleranz beginnt, wo man lernen muss, das scheinbar Unerträgliche zu ertragen“, heißt es im Ausschreibungstext für den diesjährigen Kurhessischen Medienpreis. Und weiter:

„Dafür muss ich wissen: Wo stehe ich? Wo komme ich her? Was ist mir wichtig? Wo sind die Grenzen? Was denken und fühlen die Anderen? Warum tun sie, was sie tun, warum sagen sie, was sie sagen?“


„Hier stehe ich, ich kann nicht anders, Gott helfe mir. Amen“, ist eines der bekanntesten Lutherzitate. War Luther tolerant?


Seine Entdeckung von der „Freiheit eines Christenmenschen“ hat sein Leben komplett umgekrempelt, ähnlich wie Paulus es erlebt hat.

Es war ihm wichtig, seine Erkenntnis weiterzugeben. Mit dem Thesenanschlag in Wittenberg hat er seine Mitmenschen zur Diskussion über den Ablass aufgefordert. Er wollte die Augen öffnen für den garstigen Graben zwischen dem, was die damalige Kirche verkündete und dem, was in der Bibel zugesprochen wird: Gottes Liebe und Vergebung lassen sich nicht mit Geld kaufen. Sie sind uns geschenkt durch Jesus Christus, wir sind gerechtfertigt.

Nichts war ihm so wichtig, wie diese Botschaft „unters Volk“ zu bringen. Aber eben  nicht mit Gewalt, sondern mit Worten. „Sine vi, sed verbo“!


„Predigen will ich´s, sagen will ich´s, schreiben will ich´s. Aber mit Gewalt dringen will ich niemanden; denn der Glaube will willig, ungenötigt angenommen werden“, hat er in seiner zweiten Invocavit Predigt 1522 geschrieben.


Leider hat sich diese wunderbare Einstellung in den kommenden Jahrhunderten nicht halten lassen. Evangelische und Katholische, Lutheraner und Reformierte haben sich erbitterte Kämpfe geliefert. Gnadenlos ist gegen die Täufer vorgegangen worden.


Auch Luthers Haltung gegenüber Widertäufern, aufständischen Bauern und Juden ist später alles andere als tolerant gewesen.

Da hat er sich dem Diskurs verweigert und ist fundamentalistisch geworden. Und es tut gut, zu wissen, dass 2010 in einem Bußgottesdienst zwischen Delegierten des lutherischen Weltbundes und der Mennonitischen Konferenz für diese schwere Schuld um Vergebung gebeten wurde.


Andererseits verdanken wir Luther und Melanchthon, dass alle Zeitgenossen Schreiben und Lesen lernen konnten. Auf Bildung haben beide langfristig gesetzt, um einem friedlichen Miteinander die Tür zu öffnen. Grundvoraussetzung für Toleranz! Wer lesen und schreiben kann, kann sich kundig machen, um was es geht. Der geht nicht so leicht Vorurteilen und Hetzpredigten auf den Leim, kann sich ein eigenes Urteil bilden.


Einander tolerieren zu können, das bedeutet, voneinander zu wissen, sich gegenseitig einzuladen, miteinander zu sprechen.

Das geschieht in vielen Gemeinden durch die sogenannten runden Tische, wo sichtbar werden soll: Die Anderen bedrohen mich nicht. Ihnen zu begegnen kann bereichernd sein für meine eigenen Ansichten und Lebensvorstellungen.


„Wie kann der Weg zum Anderen aussehen“, werden die Teilnehmer am Kurhessischen Medienpreis gefragt. „Wie bereite ich dem Anderen den Weg zu mir? Nur so kann ich einüben, damit zu leben, dass es neben meiner Vorstellung von Wahrheit noch viele andere gibt.“


Einander tolerieren heißt für mich, den anderen in seinem Sosein zu ertragen. Aber: „Toleranz sollte eigentlich nur eine vorübergehende Haltung sein“, hat Goethe gesagt, „sie muss zur Anerkennung führen.“


Nun ist das mit der Anerkennung so eine Sache. Wenn ohne tiefergehende Informationen über die Beschneidung geurteilt wird, oder friedliebende islamische Mitbürger mit Terroristen auf eine Stufe gestellt werden, sind wir noch weit davon entfernt.


„Wie kann es gelingen?“  endet unser Ausschreibungstext, „erzählt gute Geschichten dazu, dokumentiert, wo es gelungen ist“.


Ich bin gespannt auf die Einsendungen. Vielleicht gibt es ja auch heute Abend schon  passende Geschichten dazu. Besonders gelungen fände ich solche, die nicht so tierisch ernst, sondern mit Humor gewürzt sind. So wie unsere köstlichen Speisen nicht schmecken würden ohne ausgefeilte Gewürze, so ist Toleranz üben kaum möglich ohne ein kräftiges Quäntchen Humor!

„Und Fronleichnam hängen wir die Wäsche raus“, ist ein lesenswerter Aufsatz von Petra Bosse-Huber betitelt, in dem sie von der Fremdheit zwischen katholischer Mehrheit und evangelischer Minderheit im Rheinland nach dem Krieg erzählt.

Angeblich haben stattdessen die katholischen Bauern am Karfreitag Gülle gefahren…


Wie schön, dass es solche Probleme  an der Basis mittlerweile nicht mehr gibt. Jedes Jahr zum WGT ist es wieder großartig, zu erleben, wie wir als Christinnen aller Konfessionen miteinander weltweit verbunden sind.

Bleibt zu hoffen, dass es auch kirchenleitend immer mehr gelingt von der Toleranz zur Anerkennung zu kommen!


Toleranz ist immer nur aus einer Position der inneren Klarheit heraus möglich. Wer ängstlich ist oder sich benachteiligt fühlt, hat es schwer mit ihr.  Im Altstädter Gemeindehaus in Hofgeismar gehörten die Kinderlesestuben zum festen Wochenprogramm.  Mindestens ein Drittel der Kinder kamen aus muslimischen Familien. Und sie haben auch unsere Kinderkirche vielfältig bereichert!  „Wir wollen aufstehn, aufeinander zugehn, voneinander lernen, miteinander umzugehn“, immer wieder gern haben wir dieses schöne Lied gesungen.


Und für alle, die sich damit schwer tun, zu guter Letzt ein Hinweis:

Gott ist sehr tolerant mit uns! Er erträgt uns mit unseren Schwächen und Fehlern und Eitelkeiten. Jesus hat wunderbare Gleichnisse dazu erzählt. Denken wir nur an den Verlorenen Sohn, oder die Samariterin, oder den Zöllner.

Wer sich dessen einmal richtig bewusst wird, der wird erstens sehr dankbar und zweitens viel großherziger gegenüber anderen. Und er bewahrt sich das Lachen, das nicht nur in biblischen Zeiten zu unglaublichen Erfolgen geführt hat.


In diesem Sinne wünsche ich uns allen, dass wir tolerant miteinander umgehen in Kirche und Gesellschaft, vor allem aber, dass wir im Wissen um Gottes Liebe einander anerkennen können, so wie wir sind und hin und wieder mit einem fröhlichen Augenzwinkern!


Ich danke Ihnen für Ihre Aufmerksamkeit!



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