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Tischreden und Lesekost

Marita Natt - Prälatin der Evangelischen Kirche von Kurhessen-Waldeck

TISCHREDE zum Frauenmahl Hanau im Oktober 2015 von Prälatin Marita Natt

Nach köstlichem Mahl und wunderbarer Musik, mit Schokoladen- und Aprikosengeschmack auf der Zunge, nun also zu später Stunde die letzte Rede von einer Kirchenfrau:

„Hanna hat die Welt im Kopf“ das ist der Titel eines Kinderbuches, der mir spontan zur ersten Hälfte des Leitthemas unseres heutigen Hanauer Frauenmahles eingefallen ist. Die Welt im Kopf haben, das ist möglich, weil Tausende von Bildern in unserem Gehirn gespeichert sind, Bilder, die wir jederzeit abrufen können. Wenn Sie die Augen schließen und an Ihren Lieblingsurlaubsort denken, sind in Nullkommanichts die Bilder da: von Meer und Palmen, von Bergen und Seen, von Museen, von Pyramiden, von allem, was immer Sie in diesem oder vergangenen Jahren an Eindrücklichem gesehen haben…

Bilder sind ein Geschenk, etwas Kreatives, etwas, das die Seele berührt. Bilder geben Worten Gestalt. Bildersprache weckt Phantasie. Sie lässt Vergangenes gegenwärtig sein. Bilder geben unseren Toten ein Gesicht und uns lebendige Erinnerung.

Es gibt Bilder, die uns wohl tun und Bilder, die schmerzen. Es gibt Kunst und es gibt Kitsch. Der einen gefällt ein Gemälde von Rembrandt oder Cranach, die andere bevorzugt Abstraktes, Provokatives.

Ich bin froh, dass es in unseren Kirchen trotz des nachreformatorischen Bildersturms immer noch einen großen Reichtum an Bildern gibt! Darstellende und Abstrakte. Es gibt eindrucksvolle bunte Kirchenfenster, ältere und moderne. Es gibt großartige Bildzyklen, Fresken und  Skulpturen.

Bildersprache, das ist für den Reformator Martin Luther ein wichtiges pädagogisches Hilfsmittel zur religiösen Erziehung gewesen. Wer nicht lesen konnte, konnte schauen.

Dass das Sehen oft tiefere Schichten anspricht, habe ich als Kind erfahren: Ich hatte Masern. Die Folge waren Fieber, Verdunklung, Weltschmerz! Am Bett saß treu meine alte, unverheiratete Tante, Schwester meines Opas, die mit uns auf dem Bauernhof lebte. Sie sollte bei mir bleiben während der Rest der Familie draußen zu tun hatte. Und sie las mir vor. Aus der Bibel. Ich verstand kein Wort, was am Fieber gelegen haben mag. Dann zeigte sie mir die Bilder dazu – und es liefen ganze Filme in meinem Inneren ab! Von Adam und Eva angefangen über Mose, den Weg des Volkes durch die Wüste, zu Elia, Saul und David begannen die Bilder „laufen zu lernen“. So sausten wir innerhalb einer Woche durch das AT und kamen ins Neue Testament. Da saß Jesus, langhaarig mit Bart, umgeben von Kindern und Frauen, von Kranken und Gesunden. Im Gespräch, als Prediger, auf dem Boot, beim Abendmahl, im Garten Gethsemane, am Kreuz – im strahlenden Licht des Auferstandenen.

Kitschig, würde ich heute sagen. Ganz schwierig! Aber wenn ich ehrlich bin erinnere ich mich noch sehr genau an diese Krankheitstage und die Sprache der Bilder.

Sie haben mir Lust gemacht die Geschichten der Bibel näher kennenzulernen, Theologie zu studieren, Gottesbildern zu begegnen und der tiefen Bedeutung von Jesu Wirken, Leben, Sterben und seinem Auferstehen nachzuforschen. Schön hat F. Steffensky ausgedrückt, was ich damals empfunden habe. „Warum liebe ich die Bibel“, heißt der Artikel in dem er schreibt: „Biblische Geschichten sind Lebensmäntel, die uns Gott genäht hat und die uns die Toten hinterlassen haben.“ So ein ‚Lebensmantel‘ ist mir damals umgelegt worden und darum bin ich eine Verfechterin der religiösen Kunstwerke in Kirchen und Museen.

Im Sprengel Hersfeld sind sie mir in vielen Gottesdiensten, die ich als Pröpstin besuchen und gestalten durfte in herrlichen alten Barockkirchen begegnet: Da finden sich Adam und Eva mit den Gesichtern früherer Vorfahren auf die Empore aufgemalt, Mose ist erkennbar als Dorfbewohner aus vergangener Zeit. Die Jünger um Jesus: Männer aus der Ortsgemeinde. Die Frauen: Persönlichkeiten, die vor Hunderten von Jahren gelebt haben. Menschen wie Du und ich sind in den Bildern zu glaubwürdigen Zeugen des Evangeliums geworden. Den Nachfahren kostbar, den Kindern Vorbild.

Heute sehe ich die medialen Bilder derer, die sich auflehnen gegen „das Fremde“, das kommt. Ich sehe die langen Menschenschlangen, die sich durch Wälder, Schlamm und Äcker bewegen, in Booten über das Meer. Und ich erinnere mich an meine Kinderbibel und die Bilder von Mose und den Israeliten. Ich sehe vor meinen inneren Augen die Männer, Frauen und Kindern, die vor Pharao und seinen Soldaten durch das Meer fliehen und denen Gott in einer Rauch- und Feuersäule vorangeht, damit sie das gelobte Land erreichen. Und ich denke: Wie aktuell sind diese Bilder, diese Geschichten! Heute sind es u.a. verfolgte Christen, die vor der IS die Flucht ergreifen. Ihr Schicksal darf uns nicht unberührt lassen!

„Die Bibel bildet unser Herz und unser Gewissen“ hat Fulbert Steffensky gesagt. Sie sei wie eine Lehrerin, die einen nicht da lässt, wo man gerade ist. Wie Recht er hat!

Die Bibel in Bildern ist eine solche Lehrerin, weil sie jenseits der Muttersprache wertvolle Lebensbotschaften vermittelt. Bildersprache ist Verkündigung auf besondere Weise!

Das habe ich bei einer Motorradfreizeit empfunden, die mein Mann in Norditalien geleitet hat. Fresken an der Außenwand einer Kirche haben mich im Vorbeifahren als Sozia so fasziniert, dass alle anhalten mussten: Totentanzdarstellung aus frühester Zeit! An der Außenwand waren sie rund um die Kirche überlebensgroß aufgemalt, weithin sichtbar. Großartige Mahnung!

„Carpe diem“ stand unter der bunten Schar vom König bis zum Bettelmann, die vom Tod zum Tanz geladen waren…

Bildersprache und Bildersturm:

„Du sollst dir kein Bildnis noch irgendein Gleichnis machen“, heißt es im 2. Buch Mose und das genügte als Begründung für Bilderstürme im 8. und im 16. Jahrhundert. Zu wenig wurde bedacht, dass es sich dabei um das Verbot der Götzenverehrung gehandelt hat. Der Tanz um das goldene Kalb war gemeint. Bilder allein sind noch keine Götzenverehrung. Sie sind Abbilder. Nicht mehr und nicht weniger. Darstellungen, die nicht zu verwechseln sind mit dem Eigentlichen. Da gilt es achtsam zu sein. Und es ist zutiefst erschütternd, dass fundamental eingestellte Menschen wie die IS den Unterschied nicht beachten. Schätze von unglaublichem Wert sind so in den letzten Monaten zerstört worden. Ein Bildersturm, der weltweit Entsetzen ausgelöst hat, der meines Erachtens dennoch viel zu wenig Beachtung gefunden hat.

Bildersprache in der Kirche. Gottesbilder! Mich faszinieren die alten Sprachbilder der Psalmen. Andere wie Tillmann Moser haben sie abgestoßen, für ihn wurden sie bedauerlicherweise zu „Gottesvergiftungen“ Für mich nicht! Unvergessen ein Urlaub in Dänemark, Halbinsel Fynen, Faaborg:

Eine Augustnacht, die Familie längst schlafend und ich allein im stillen Garten. Urlaubsleicht und empfänglich für die Wunder der Schöpfung. Es war eine Nacht voller Sternschnuppen, mit weißen Wolken, die am Himmel zogen und mit fast vollem Monde.

„Er fährt auf Wolkenwagen und Flammen sind sein Kleid Windfittiche ihn tragen, zu Diensten ihm bereit.“ Im Kirchenchor gesungen und nun mit allen Fasern erlebt. Psalm 104: „Lobe den Herrn, meine Seele! Herr, mein Gott, du bist sehr herrlich; du bist schön und prächtig geschmückt. Licht ist dein Kleid, das du anhast. Du breitest den Himmel aus wie einen Teppich; du fährst auf Wolken wie auf einem Wagen und kommst daher auf den Fittichen des Windes, der du machst Winde zu deinen Boten und Feuerflammen zu deinen Dienern.“

Eine Sprache voller Bilder! Gott, der Schöpfer! Der sich zeigt in Himmel, Erde, Luft und Meer. Gott, der Schöpfer, manchmal nah, manchmal fern. Nicht greifbar. Nicht in ein Bild zu pressen.

Es sind viele Bilder für Gott, die in den Psalmen begegnen: Fels, Burg, König, Schild, Hirte, Quelle, Adler. Mir sind sie alle wichtig. Ich spüre in verschiedenen Lebensphasen ihre Stärke und Aussagekraft und ich weiß:  Gott lässt sich nicht festlegen! Er begegnet auf Wolkenwagen, Windfittichen, im leisen Säuseln, in den offenen Armen des Vaters, der den verlorenen Sohn willkommen heißt, im Trösten, wie einen seine Mutter tröstet. Er begegnet in vielen Bildern, die Jesus schenkt!

Barmherzigkeit und Freiheit! Das sind entscheidende/entschiedene Gottesbilder, die Jesus vermittelt. Ermutigend und beflügelnd gerade auch in diesen Tagen, in denen viele verstörende Bilder uns überfluten.

Ich brauche solche Bildersprache, um Vergangenes und Gegenwärtiges zu deuten. Und ich bin dankbar, dass es eine Bildersprache gibt, die mir Gott als den Schöpfer allen Lebens vermittelt und die mich ermahnt, meine Grenzen immer wieder neu zu erkennen und zu akzeptieren.
 

Bildersprache ist für mich ein kostbares Kleinod.

Bildersturm trägt in sich die Bedeutung, die alle Stürme in sich tragen: Zerstörung!

Dankbar bin ich für diesen Abend, der uns zum Nachdenken beim Genießen angeregt hat. Mich selbst hat schon der Einladungsflyer begeistert mit seiner Bildersprache:

Buchstaben, Kerzen, Kochtopf, Löffel und Lorbeerblätter!

Was braucht`s der Bilder mehr?!

Mein Appetit ist gestillt auf wunderbare und vielfältige Weise und dafür sage ich „Danke“! Und danke Ihnen allen für Ihre Aufmerksamkeit am Ende eines erfüllten, schönen Abends, an dem eigentlich nur noch „Mr. Sandmann“ und das Vokalensemble eine Bereicherung darstellen kann…

Vielen Dank!

Dieser Internetauftritt gehört zum Studienzentrum der EKD für Genderfragen in Kirche und Theologie (vorher: Frauenstudien- und -bildungszentrum in der EKD, FSBZ).
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