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Tischreden und Lesekost

Bilkay Önay - Ministerin für Integration Baden Württemberg

Liebe Frauen,

es ist eine schöne Tradition, während eines guten Essens interessante Gespräche zu führen. Ich bedanke mich daher herzlich bei den Frauen, die dies ermöglicht haben!

Die Integrationspolitik in Deutschland ist – so könnte man sagen – weiblich dominiert. Der Posten der Integrationsbeauftragten der Bundesregierung war, bis auf seinen ersten Amtsinhaber Heinz Kühn, durchgehend von Frauen besetzt.

In den Bundesländern sind in vielen Ressorts Frauen für das Thema Integration verantwortlich. Auf der Konferenz der Integrationsminister in diesem Frühjahr waren wir immerhin sieben Ministerinnen aus 16 Ländern.

Würde es allein danach gehen, sähe es eigentlich ganz gut aus. Aber wie steht es denn tatsächlich um die Integration zugewanderter Frauen und ihrer Töchter bei uns in Baden-Württemberg?

In Baden-Württemberg leben rund 2,9 Millionen Menschen mit Migrationshintergrund. 1,4 Millionen, also knapp die Hälfte, sind Frauen.

Diese Frauen sind eine sehr heterogene Gruppe: Sie kommen aus unterschiedlichen Ländern und Kulturkreisen. Sie kamen zu unterschiedlichen Zeiten. Und aus unterschiedlichen Gründen.

Es sind Frauen, deren Männer als Gastarbeiter nach Deutschland kamen und die ohne Bildungsabschluss und Deutschkenntnissen hier ihre Kinder großgezogen haben. Es sind aber auch hochqualifizierte Frauen, die zum Studium hier her kamen und die jetzt in deutschen Unternehmen Karriere machen. Und es sind Frauen, die vor Kriegen mit nichts als ihrer Kleidung am Leib zu uns geflüchtet sind. Zwischen diesen Extremen gibt es die gesamte Bandbreite an Lebensentwürfen und Lebenslinien.

Lassen Sie mich aus aktuellem Anlass an dieser Stelle ein paar Worte zur letztgenannten Gruppe und zur Flüchtlingspolitik in Baden-Württemberg sagen. Wie Sie wissen, kommen derzeit sehr viele Menschen aus Krisengebieten zu uns.

Wir gehen verantwortungsbewusst mit der Herausforderung um und setzen uns zusammen mit vielen Partnern dafür ein, den Menschen gerecht zu werden, die aus Not zu uns kommen. Wir haben bereits einiges umgesetzt, um ihnen hier eine gute Unterkunft und Versorgung bereitstellen zu können: Wir haben die Residenzpflicht für Baden-Württemberg gelockert, fördern psychosoziale Zentren, in denen traumatisierten Flüchtlingen geholfen wird, haben mit der Novellierung des Flüchtlingsaufnahmegesetzes die Rahmenbedingungen für Unterbringung und Versorgung verbessert und fördern die Arbeit des Flüchtlingsrats.

Für Asylbewerber aus Südosteuropa, deren Chancen auf eine Anerkennung als Flüchtlinge häufig gering sind, finanzieren wir Informations- und Beratungsstellen. Diese werden auch von Roma in Anspruch genommen. Im Rahmen des Staatsvertrags mit dem Landesverband Deutscher Sinti und Roma, übrigens der bundesweit erste seiner Art, unterstützt das Land Beratung und Hilfe sowohl für hier lebende Roma als auch für zugewanderte. Ein erster Umsetzungsschritt war die Einrichtung einer Beratungsstelle Anfang des Jahres in Mannheim. Es ist jedoch entscheidend, dass sich Europa insgesamt um eine Verbesserung der jeweiligen Situation in den Herkunftsländern bemüht und die Verantwortung nicht allein an die Zufluchtsländer abschiebt.

All die zugewanderten Frauen, um die es mir heute geht, ob als Flüchtling, als Zuwanderin in den Arbeitsmarkt oder als zuwandernde Familienangehörige: Wie nehmen wir als Aufnahmegesellschaft diese Gruppe wahr? Welches Bild hat die Öffentlichkeit von diesen Frauen?

Erst kürzlich hat der Mediendienst Integration eines der meist verwendeten Bilder in den Print- und Onlinemedien in Sachen Integration untersucht. Vielleicht kennen Sie es: Eine Linkshänderin mit Kopftuch schreibt mit Kreide das Wort „Integration“ in einem Klassenzimmer an eine Tafel.

Die „Türkin mit Kopftuch“ ist zu einem Synonym der Frau mit Zuwanderungsgeschichte geworden. Die Verwendung des Bildes geht häufig mit Zuschreibungen einher wie Passivität, Abhängigkeit, Unselbstständigkeit und Rückständigkeit. Viele sehen dieses Bild durch die Statistiken bestätigt.

Denn im Durchschnitt haben Frauen mit Migrationshintergrund im Vergleich zu Frauen ohne Migrationshintergrund noch immer schlechtere Bildungsabschlüsse, sie gehen seltener einer Erwerbsarbeit nach, haben durchschnittlich weniger Einkommen zur Verfügung und sind einem höheren Armutsrisiko ausgesetzt.

Neben der amtlichen Statistik sagen uns auch Studien, dass es zugewanderte Frauen oft schwerer haben. Wegen ihres Geschlechts. Und wegen ihrer Herkunft.

Wir wissen, dass hochqualifizierte Migrantinnen seltener einen adäquaten Job bei uns finden. Dass junge Frauen, die ein Kopftuch tragen, Schwierigkeiten bei der Ausbildungsplatzsuche haben. Dass die hohen Erwartungen an die Berufswahl von jungen Mädchen häufig nicht umgesetzt werden können. Dass Frauen spezifischen Risiken wie der Zwangsverheiratung ausgesetzt sind.

Es ist unstrittig, dass zugewanderte Frauen besondere Hürden nehmen müssen. Doch durch die negativen Zuschreibungen ist das Bild von ihnen in der Öffentlichkeit verzerrt. Was können wir tun, um Chancengleichheit herzustellen?

Es gibt im Land bereits viele gute Projekte von Kommunen, Kirchen und Vereinen, die sich gezielt für die Integration von zugewanderten Frauen einsetzen.

Auf landespoltischer Ebene können wir hierzu die Rahmenbedingungen schaffen. Wir haben mit dem Anerkennungsgesetz einen Anspruch auf die Prüfung ausländischer Berufsabschlüsse geschaffen. So wirken wir einer nachträglichen Entwertung bereits erlangter Qualifikation entgegen.

Wir informieren über das Allgemeine Gleichbehandlungsgesetz, damit Migrantinnen wissen, wo und wie sie sich gegen Ungleichbehandlung wehren können.

Wir treiben die interkulturelle Öffnung der Verwaltung voran. Und wir engagieren uns gegen Zwangsverheiratung.

Neben all diesen spezifischen Vorhaben gibt es aber etwas Grundsätzliches, was jede von uns beitragen kann. Denn das Integrationspostulat darf sich nicht nur auf die Gruppe der Migrantinnen beziehen. Es gilt auch für uns, die Einheimischen.

Wir müssen mithelfen, das häufig verzerrte Bild in der Öffentlichkeit zu ändern, damit die Gruppe der zugewanderten Frauen und ihrer Töchter als Akteurinnen wahr- und ernstgenommen werden. Denn wer als Akteurin nicht ernst genommen wird, hat es schwer, sich ein Stück vom Kuchen zu erkämpfen.

Wir sollten den Blick auf die Leistungen der Frauen legen. Wir sollten Sie als aktive Mitglieder unserer Gesellschaft behandeln. Das viel strapazierte Diktum der „Augenhöhe“ sollte dabei die Maxime sein. Das mag banal klingen, ist aber nicht immer einfach. Denn es gilt, die Ressourcen und Potenziale der zugewanderten Frauen wertzuschätzen und zu nutzen. Und wir sollten uns solidarisieren. Oder wie Alice Schwarzer es ausdrückt: „Wir brauchen Frauenbündelei.“

Die zugewanderten Frauen und ihre Töchter haben bereits viel geleistet – eine Tatsache, die wir anerkennen und herausstellen sollten.

Sie haben als Gastarbeiterinnen am Wohlstand Deutschlands mitgearbeitet. Sie leisten als Arbeitsmigrantinnen oft unter schwierigen Bedingungen einen großen Teil der sogenannten „Care-Arbeit“. Ihre Töchter erarbeiten sich stetig bessere Bildungsressourcen – bessere als die Söhne. Und es sind die Mütter, die durch Familienarbeit, Kindererziehung und soziale Vernetzung maßgeblich zu einer erfolgreichen Integration beitragen.

Kurzum: Die Frauen bewerkstelligen es, unter veränderten Alltagsbedingungen in einem fremden Land eine alltägliche Ordnung aufrecht zu erhalten. Diese Leistung wird leider gerne übersehen!

Um sie wertschätzen zu können, braucht es die viel zitierte „Augenhöhe“. Es geht darum, die Vielfalt, die die Frauen mitbringen, als Normalfall anzuerkennen. Sie in ihrer Lebenswelt und mit ihren Vorstellungen ernst zu nehmen. Und das durchaus Fremde auszuhalten. Selbstverständlich immer unter der absoluten Prämisse der Grundrechte.

Das heißt, die Frauen als Migrantinnen nicht per se als hilfebedürftig zu behandeln, sondern als Frauen, die ihre Handlungsoptionen kennen und diese nutzen. Auch wenn sie dies nicht immer so tun, wie wir es herkömmlicherweise gewohnt sind. Wir müssen es zulassen, dass sie ihre Ressourcen einbringen. Denn Integration ist schließlich eine Sache von „Wollen“, „Können“, und „Dürfen“.

Dabei sollten wir die Bindung an eine andere Herkunft, Religion oder Tradition als stabilen Rahmen für das Leben hier verstehen und akzeptieren.

Studien zeigen: Zugewanderte Frauen und ihre Töchter haben ähnliche Vorstellungen wie die einheimischen Frauen davon, wie ihr Leben hier sein sollte. Eine gute Bildung als Maxime, ein partnerschaftliches Rollenverständnis von Mann und Frau, eine positive Bindung an die Familie und einen guten Beruf.

Wir sollten uns daher zusammentun, uns also „verbündeln“!

Vielen Dank!

Dieser Internetauftritt gehört zum Studienzentrum der EKD für Genderfragen in Kirche und Theologie (vorher: Frauenstudien- und -bildungszentrum in der EKD, FSBZ).
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