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Tischreden und Lesekost

Anneli Palmen - Stellvertretende Bürgermeisterin der Stadt Kaarst

Kaarst, 30.3.1014


Sehr geehrte Frau Meinhard, verehrte Frau Kampf, Frau Wasserloos-Strunk,

Liebe Damen und Frauen, 

Zunächst möchte ich mich herzlich für die Einladung bedanken. Ich fühle mich sehr geehrt und es hat mir große Freude bereitet, mich auf die heutige Veranstaltung vorzubereiten. Es war für mich ein Gewinn und hoffe, dass es auch für Sie einer wird. Bei den Vorbereitungen ist mir bewusst geworden, dass die Errungenschaften der Frauen noch sehr jung sind. Das Frauenwahlrecht ist keine 100 Jahre alt, die Gleichberechtigung von Mann und Frau stand zwar bereits 1949 im Grundgesetz aber erst 1958, also im Jahr meiner Geburt, konnten Frauen über ihr Arbeitsleben bestimmen. Bis dahin hatte der Mannn das Recht ihren Job zu kündigen, ihr Geld zu verwalten und auszugeben. Bis 1977 war Vergewaltigung in der Ehe keine Straftat, selbst nicht bei getrennt lebenden Paaren.

FRAUEN MACHT POLITIK

Als ich ihre Einladung erhielt und das Thema las, war mein erster Gedanke: Nach Cleopatra, Königin Elizabeth I., Königin Victoria, Katharina die Große, Indira Gandhi, Kanzlerin Merkel und Verteidigungsministerin von der Leyen kann es doch kein Problem mehr sein, dass Frauen an die Macht kommen.

Bei näherer Betrachtung kam ich aber zu dem Schluss: Sie sind nach wir vor Ausnahmen. Frauen in Spitzenpositionen – sowohl in der Wirtschaft wie auch in der Porlitik - sind immer noch keine Selbstverständlichkeit.

Das konnte man zuletzt auch feststellen, als Mary Barra bei General Motors den Vorstandsvorsitz des Autokonzerns übernahm. Ein Novum und die Öffentlickeit und Presse thematisierte diese Tatsache, dass sie als Frau den Posten erhalten hat, über die Maßen.

Da fragt man sich doch: Warum bitte sollte eine entsprechend qualifizierte Frau nicht einen Auto-, Stahl oder Maschinenbaukonzern leiten – warum ist das immer noch etwas Besonderes und nicht längst Selbstverständlichkeit.

Und auch in der Politik sind Frauen in Führungspositionen weltweit betrachtet nicht selbstverständlich. In vielen Ländern bleibt ihnen schon der Weg zu Bildung versperrt, womit dann auch der Weg in die Poltik beinahe unmöglich ist.

Und sollten sie es schaffen, wie etwa Habiba Sarabi in Afghanistan, so müssen sie um Leib und Leben fürchten. Sarabi, die 2005 als erste Frau ein Gouvernement in Afghanistan leitete und in der kommenden Woche bei den Präsidentschaftswahlen antritt, sagte in einem Interview: „Wenn du die Angst zulässt, dann brauchst du als Politikerin gar nicht erst anzutreten.“

Nun: Das ist bei uns anders. Für uns hier in Deutschland ist der Weg zu Bildung, Politik und Wirtschaft in der Regel offen und wir brauchen keine Angst vor Verfolgung zu haben.

Aber trotzdem ist der Weg steil und es ist nicht einfach, sich als Frau in Männerdomänen zu behaupten. Man sollte daher lernen, keine Angst vor der eigenen Courage zu haben, denn die braucht man – auch hier in Kaarst.

Anders als vielleicht in Großstädten ist es hier in Kaarst - in unserer tradierten Gesellschaft – nicht leicht für frauen, die gleichen Chancen zu erhalten wie Männer.

Was in unserer Stadt augenfällig ist, dass Männer in den ihnen vorbehaltenen Vereinen Netzwerke bilden können. Und die sind von großer Bedeutung - auch vor dem Hintergrund, Machtpositionen etwa in der Poltik zu erhalten. Da werden Geschäfte eingestielt und Politik gemacht.

Wir Frauen sind hier in der Stadt ehrenamtlich stark vertreten und in Kirchen und Vereinen engagiert. Und dieses Ehrenamt ist eine Stütze der Gesellschaft und auch für die Kirchen ein Muss – ja überlebenswichtig. Viele Pflichtaufgaben werden inzwischen in den Kirchen aus Geldnot von Ehrenamtlichen und hier häufig von Frauen erfüllt.

In politischen Führungspositionen sind wir dagegen eher selten. Über die Jahrzehnte betrachtet haben es in kaarst lediglich drei Frauen ins Amt der stellvertretenden Bürgermeisterin geschafft - allesamt Sozialdemokratinnen.

Ich bin nun seit 25 Jahren politisch aktiv und seit 20 Jahren im Rat. 2004 übernahm ich den Fraktionsvorsitz und vor fünf Jahren wurde ich stellvertretende Bürgermeisterin.

Ich versichere Ihnen: Solche Positionen auszufüllen ist nicht leicht, wenn man viel Kraft darauf verwenden muss, für die Rechte zu streiten, die man eigentlich qua Amt hat.

Ich bin als Frau von vielen Versammlungen und Zusammentreffen ausgeschlossen, völlig anders natürlich als meine männlichen Kollegen.

Es ist ermüdend, auf mein Geschlecht als Frau reduziert und nicht als Repräsentanz der Stadt angenommen zu werden. Oft genug komme ich mir vor, wie ein Buxbaum im Garten – also wie zierendes Beiwerk.

Verstehen sie mich nicht falsch, ich will hier nicht jammern. Aber als ich meine Ämter übernahm, hätte ich es mir nicht träumen lassen, dass ich als Frau so häufig brüskiert werde. Für mich war die Gleichberechtigung nie ein Thema. Ich habe in Schule und Beruf immer meinen „Mann“ gestanden und konnte mich durchsetzen.

Doch als Politikerin habe ich gelernt, dass die Gesellschaft häufig eben doch trennt und Gleichberechtigung noch längst nicht in allen Köpfen verankert ist.

Lassen sie mich zwei, drei Beispiele nennen, die es verdeutlichen, wie holprig es manchmal zugeht:

Der Vorsitzende einer Brauchtumsgesellschaft begrüßte mich bei unserer ersten Begegnung auf einer Veranstaltung mit den Worten: „Sie wissen ja, dass man uns nachsagt, dass bei uns die Frauen die zweite Geige spielen, aber inzwischen kokettieren wir auch damit.“

Sie können sich sicher vorstellen, wie irritiert ich war, dass er so etwas mir sagte, einer Frau und mich damit ins Abseits stellte.

Dieser Verein machte es zudem einer Witwe zur Bedingung, einen Mann beizubringen, der Vereinsmitglied wird, damit sie weiter zu den Veranstaltungen kommen kann. Dazu muss man wissen, nur Männer können Vereinsmitglied werden. Die Witwe konnte ihren Sohn überreden, dem Club beizutreten, so dass es ihr nun möglich ist, ihre Freundschaften und sozialen Kontakt zu pflegen und auf Festen mitzufeiern.

Auch das hiesige Schützenwesen ist für eine Politikerin eine Herausforderung. Das Thema könnte man unter die Überschrift setzen: „Wir bleiben sauber“. Das sagte einmal ein altgedienter Schütze in einer Diskussion „Frauen in der Bruderschaft“. Nun sollte man meinen, der Herr ist älteren Jahrgangs, das sehen die Jüngeren anders. Weit gefehlt. Als im vergangenen Jahr aus einer benachbarten Stadt eine Jungschützenkönigin zu einem Empfang kam, wurde gleich abgewunken: „Das wollen wir nicht.“

Ich strebe selber nicht in einen Schützenverein, aber es sollte den Frauen ermöglicht werden, die es wollen.

Auch Orden als äußere Zeichen der Wertschätzung sind für Frauen nicht vorgesehen. Verstehen sie mich bitte auch hier nicht falsch, ich will keinen Orden als Anneli Palmen – aber als Bürgermeisterin, als Repräsentantin der Stadt – fänd ich es angebracht - zumal auch hier das für meine männlichen Kollegen keine Frage ist.

In einem Ortsteil verbot die Bruderschaft, dass Feuerwehrfrauen mit ihren männlichen Kollegen am Ehrenzug für den Schützenkönig teilnahmen. Die Männer ja - aber die Frauen nein, sie sollten sich an den Rand stellen.

Ich wollte das nicht klaglos hinnehmen, und teilte eben jener Bruderschaft mit, dass sie dann auf dem Schützenfest auch auf meine Anwesenheit verzichten müssten. Da ich das Schreiben etwas breiter streute, sorgte es für Unruhe, geändert aber hat es bis heute nichts.

Trotz der Widrigkeiten, appelliere ich an alle Frauen, sich politisch zu engagieren. Es ist an der Zeit, dass mehr Frauen in die Parlamente einziehen. Nur ein Viertel der kommunalen Parlamentssitze ist in Deutschland von Frauen besetzt. In manchen Kommunen sieht es noch düsterer aus, dort sind es nicht einmal zehn Prozent der Mandate.

Politik ist alles – alles ist Politik. Das bemerken wir oft erst, wenn wir persönlich von einer Entscheidung betroffen sind. Deshalb kann ich nur jeder Frau empfehlen, die Initiative zu ergreifen und mitzutun. Denn je mehr wir werden, desto stärker werden wir. Für mich ist der Schlüssel zum Erfolg „Netzwerken“ – wir Frauen müssen einen Weg finden, wie wir unsere Seilschaften knüpfen können, niemand anderer macht das für uns. Ich freue mich auf lebhafte Diskussionen und danke für ihre Aufmerksamkeit.

Dieser Internetauftritt gehört zum Studienzentrum der EKD für Genderfragen in Kirche und Theologie (vorher: Frauenstudien- und -bildungszentrum in der EKD, FSBZ).
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