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Tischreden und Lesekost

Prof. Dr. Uta Pohl-Patalong - Universität Kiel

Prof. Dr. Uta Pohl-Patalong, Kiel
 
Jenseits von Mann und Frau? Geschlechterbilder überwinden
Tischrede beim Frauenmahl in Altholstein
am 30. Oktober 2015

 
Liebe Gäste des Frauenmahls,
Geschlechterbilder jenseits von Mann und Frau – ist das möglich, und wenn ja, ist es erstrebenswert? Wir haben alle mehr oder weniger ausgeprägte Bilder von Frauen und von Männern. „Geschlecht“ ist in unserem Bewusstsein so eng mit dem Gegenüber zweier Geschlechter verbunden, das es nur schwer denkbar ist, Menschsein jenseits von zwei Geschlechtern zu denken. Manchmal wird auch befürchtet, dass damit dem Leben etwas Wichtiges genommen würde, wenn es nicht mehr das klare Gegenüber gibt: interessante Gegensätze und Anziehungskräfte, nicht zuletzt Erotik…
Neuere Ansätze in der Genderforschung tun jedoch genau dies. Sie betrachten es nicht als unumstößliche biologische Tatsache, dass es Menschen entweder als Mann oder als Frau gibt, sondern sehen die Zweigeschlechtlichkeit bereits als kulturelle Konstruktion bzw. als Bild, das die Menschheit sich macht. Diese Ansätze werden daher auch dekonstruktiver Feminismus genannt, weil sie die kulturelle Konstruktion Geschlecht als solche entlarvt und damit dekonstruiert.
Eine wichtige Grundlage dafür ist zunächst die Erkenntnis, dass Frauen untereinander und Männer untereinander gar nicht so unterschiedlich sind, dass die Aufteilung in genau zwei Geschlechter den realen Menschen gerecht wird. Das zeigt schon die Alltagserfahrung: Manche Männer sind empathischer, fürsorglicher, emotionaler und nicht zuletzt kleiner, schwächer, weniger muskulös als manche Frauen. Manche Frauen sind führungsstärker, rationaler, konkurrenzorientierter als manche Männer und – um nun dieses Klischee auch noch zu bemühen – können besser einparken. Wissenschaftliche Untersuchungen bestätigen dies:
Wenn man Menschen auf die als „männlich“ und „weiblich“ bekannten Eigenschaften untersucht, ergibt sich eine Skala, auf der der größte Teil sowohl von „männlichen“ als auch von „weiblichen“ Wesen besetzt ist und nur an den Enden befinden sich an der einen Seite Männer und an der anderen Seite Frauen. Auch körperliche Faktoren, die man bisher als rein biologisch bedingt angenommen hatte, unterliegen offensichtlich kulturellen Entwicklungen:
So verringert sich in Europa zeitgleich zur Veränderung der Geschlechterrollen gegenwärtig der Größenunterschied zwischen den Geschlechtern.
Ein weiteres Argument lässt sich ebenso gut nachvollziehen: Was als „typisch weiblich“ und „typisch männlich“ gilt, verändert sich ständig. Während beispielsweise noch vor einigen Jahrzehnten Mädchen lernten, dass sie sich „weiblich“ verhalten, wenn sie „wie das Veilchen im Mose sittsam, bescheiden und rein“ sind (so stand es auch noch in meinem Poesiealbum), gilt heute „zickiges“ Verhalten als typisch Mädchen. Jungs verhalten sich übrigens oft gar nicht so anders, aber es wird dann anders genannt.
Bei diesen Überlegungen könnte man noch dagegen halten, dass es hier um die Ebene der kulturellen Ausprägung von Geschlecht geht, die gesellschaftlich veränderbar ist, während es doch biologisch eine Tatsache sei, dass der Mensch eben als Mann oder als Frau geboren wird.
Neuere biologische Forschungen zeigen jedoch, dass dies so klar nicht ist. So wird „Geschlecht“ durch mehrere Faktoren bestimmt: Chromosomen, Hormone und äußere Geschlechtsmerkmale, und diese stimmen nicht immer miteinander überein. So sind nicht alle Menschen eindeutig einem Geschlecht zuzuordnen und erst recht fühlen sich nicht alle Menschen zu dem Geschlecht gehörig, dem sie zugeordnet werden. Dass seit letztem Jahr die Pflicht aufgehoben wurde, bei der Geburt eines Kindes dessen Geschlecht eindeutig festzulegen und dass Facebook mittlerweile 60 statt zwei Möglichkeiten anbietet, sich
geschlechtlich zu definieren, sind äußere Kennzeichen dafür, dass es so eindeutig mit dem Geschlecht nicht ist.
Wenn Sie sich an unserer Tafel einmal umblicken, sehen Sie zwei Beispiele dafür, wie relativ die äußerlich erkennbaren Geschlechtsmerkmale sind. Ich stelle Ihnen zum einen Mario vor, der im Alltagsleben unter „Saskia“ bekannt ist und zum anderen „Tina“, die ansonsten meist unter „Sebastian“ firmiert. Das Interessante ist nun, dass das Umschminken zum anderen Geschlecht nicht äußerlich bleibt, sondern sofort Auswirkungen auf die Körperhaltung, das Verhalten, das Lebensgefühl hat. Mögt ihr beide einige Worte dazu sagen, wie es euch in dem vermeintlich „anderen“ Körper geht?

Diese Alltagserfahrung belegt die Sicht des Gender-Ansatzes auf das Zustandekommen von „Geschlecht“: Offensichtlich ist es uns weder einfach mitgegeben noch werden wir ausschließlich von außen geprägt, wie wir es seit den 1970er Jahren verstärkt diskutiert haben. Vielmehr tragen wir selbst dazu bei, unser Geschlecht permanent herzustellen. Man hat nicht einfach ein Geschlecht, sondern man „tut“ es („doing gender“). In allem, was wir im Alltag tun, stellen wir uns permanent als „weiblich“ oder als „männlich“ dar. Wir nehmen dabei ständig Reaktionen aus unserer Umwelt auf und verarbeiten sie, was wiederum unser Verhalten, unsere Bewegungen, selbst unsere Mimik und unseren Körperbau beeinflusst. So kann ich und können Sie heute Abend nicht anders, als das wir uns Frauen zeigen - durch Kleidung, Frisur, Mimik, Sprache, Stimme etc., durch die Art, wie wir gucken, wie wir lachen, wie wir miteinander umgehen - und nicht zuletzt, da wir auch als Frauen eingeladen wurden.
Wir reagieren damit ständig auf Bilder von Frauen, die wir im Kopf und im Herzen haben und produzieren damit ebenso ständig ein Bild einer Frau. Wie genau wir dies tun, ist dann wiederum kulturell bedingt, als Philippina oder Westafrikanerin würden wir dies anders tun.
Warum aber teilt unsere Gesellschaft seit Jahrhunderten die Menschheit in genau zwei Geschlechter ein - und wie kommt dies zustande? (Dies war übrigens nicht in allen Kulturen immer so eindeutig, mache Völker kannten ein drittes Geschlecht). Dass die gesamte Gesellschaft sozusagen zweigeschlechtlich „geordnet“ ist, ist kaum mehr mit dem Erhalt der Gattung durch Fortpflanzung zu erklären – denn dafür wäre es nicht nötig, solche starken Geschlechterbilder an zweijährige Jungs und achtzigjährige Frauen zu stellen. Es ist daher zu vermuten, dass die trennscharfe Unterscheidung von zwei Geschlechtern kulturelle Vorteile bringt – und zwar zugunsten derjenigen, die davon profitieren: traditionell denjenigen, die als „Männer“ identifiziert werden, aber weitergehend auch denjenigen, die von diesem System profitieren, also auch „Frauen“, die durch ihre Übernahme „weiblicher“ Verhaltensweisen Vorteile haben. So zeigen Untersuchungen, dass als „typisch weiblich“ klassifizierte Mädchen in der Schule nicht nur beliebter sind als solche, die den Normen nicht entsprechen, sondern auch schulisch besser bewertet werden.
Hier wird dann auch die Problematik der festgelegten Bilder zweier Geschlechter deutlich, die letztlich auch dazu geführt hat, diese zu problematisieren und zu kritisieren. Denn zum einen engt sie Menschen ein und behindert sie in ihrer persönlichen Entfaltung. Menschen, die der heterosexuellen Norm nicht entsprechen, weil sie lesbisch, schwul, bisexuell, transgender, transsexuell, intersexuell oder queer sind, fühlen sich in eine Kategorie gedrängt, die ihnen nicht entspricht und sie trotz der rechtlichen Fortschritte nach wie vor ausgrenzt und sie nicht sie selbst sein lässt. Aber auch abgesehen von der sexuellen Orientierung oder Identitätsfragen engen die geschlechtlichen Bilder Menschen ein, die diesen nicht entsprechen und lassen sie Benachteiligungen erfahren. Hinzu kommt:
Zweigeschlechtlichkeit ist offensichtlich nicht ohne Hierarchie, ohne Über- und Unterordnung zu denken. Denn Männlichkeit wird mit Dominanz, Weiblichkeit mit Unterordnung verbunden. So zeigen beispielsweise Untersuchungen, dass der Blick von oben nach unten, eine typische Dominanzgeste, mit Männlichkeit assoziiert wird, während der Blick von unten nach oben als weiblich empfunden wird.
Es gibt also gute Gründe dafür, das Bild des Gegenübers zweier Geschlechter in Frage zu stellen. Was aber ist mit der Sorge vor Verlust von produktiver Spannung und Erotik, den ich eingangs erwähnt hatte? Dies würde dann gelten, wenn es um die Vereinheitlichung von Menschen, um Gleichmacherei als Alternative zur Zweigeschlechtlichkeit ginge. Der dekonstruktive Feminismus jedoch schlägt als Alternative vor, die reale Vielfalt realer Menschen wahr- und ernstzunehmen und unsere Bilder vom Menschsein nicht zu verengen, sondern zu erweitern. „Geschlecht“ wäre dann nicht mehr die Leitkategorie, nach der wir die Menschen in zwei Gruppen einteilen (und das uns in der Regel als erstes einfällt, wenn wir uns versuchen zu erinnern, mit welchem Menschen wir damals auf der Party noch gesprochen haben).
Dabei können wir uns auch auf die Bibel berufen. Im Galaterbrief 3,28 heißt es: Hier ist nicht Jude noch Grieche, hier ist nicht Sklave noch Freier, hier ist nicht männlich noch weiblich; denn ihr seid allesamt eins in Christus Jesus. In der Perspektive des christlichen Glaubens wird das Geschlecht also relativiert. Vor Gott ist es keine Kategorie, die das Menschsein ausmacht oder gar bestimmt. Diese Perspektive bietet die Chance, die Bilder von Menschen zu verändern: Statt – wie wir es unbewusst nach wie vor tun – Menschen leitend unter dem Aspekt „männlich“ oder weiblich“ wahrzunehmen, kommen andere Aspekte stärker in den Blick und Menschen sind nicht auf ihr Geschlecht und unser Bild davon festgelegt. Auf dieser Grundlage können sich verschiedene Menschen gegenseitig anerkennen, ohne sich auf Eigenschaften und Erwartungen festzulegen, so dass Menschen zu dem werden können, woraufhin sie von Gott angelegt sind.
 

Dieser Internetauftritt gehört zum Studienzentrum der EKD für Genderfragen in Kirche und Theologie (vorher: Frauenstudien- und -bildungszentrum in der EKD, FSBZ).
Besuchen Sie uns unter www.gender-ekd.de.

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