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Tischreden und Lesekost

Ines Pohl - Chefredakteurin, taz, Berlin

Hamburg 02.05.2013


Ihr Herrn, die ihr uns lehrt, wie man brav leben

Und Sünd und Missetat vermeiden kann

Zuerst müsst ihr uns was zu fressen geben

Dann könnt ihr reden: damit fängt es an.


Guten Abend liebe Mitessenden,

Sie kennen das Zitat, der Satz stammt aus der „Dreigroschenoper“ von Bertold Brecht (1928)


Schon als ich zum ersten Mal den Titel des diesjährigen Kirchentages las, in großen Lettern über zum Herzen gefalteten Händen, kam mir diese Ballade in den Sinn.


„So viel Du brauchst.“


Auch Brecht hat sich mit dem Bedeutungsfeld dieses Satzes beschäftigt. Freilich weniger vorsichtig, sondern zotig und klar. Voll krass. Nicht als Kirchentagsmotto, das mit einem vertraulichen Du daherkommt, sondern als derbe Anklage an die, die haben und die denen, die darben, sagen wollen, was gut und richtig ist.


-    Und wenn die Chinesen jetzt auch alle Auto fahren

-    und die Inder jetzt auch alle Fleisch essen

-    und die dann auch irgendwann alle in Urlaub fliegen wollen

-    diese Unmengen von CO2, das kann unsere Erde nicht auch noch verkraften


bei Brecht fragt

Jenny:

Denn wovon lebt der Mensch?


Und Macheath: antwortend die Frage aufnehmend


Macheath:

Denn wovon lebt der Mensch? Indem er stündlich

Den Menschen peinigt, auszieht, anfällt, abwürgt und frißt.

Nur dadurch lebt der Mensch, daß er so gründlich

Vergessen kann, daß er ein Mensch doch ist.


Dass er so gründlich vergessen kann, dass er ein Mensch doch ist.

Was kann uns das sagen, hier zwischen Spargelsuppe mit Zitronengras, die wir schon genossen haben, und der Sommergrütze mit Schokocup, die da gleich noch kommt.


Ihr, die euren Wanst und unsre Bravheit liebt

Das eine wisset ein für allemal:

Wie ihr es immer dreht, und wie ihr's immer schiebt

Erst kommt das Fressen, dann kommt die Moral.

Erst muß es möglich sein auch armen Leuten,

Vom großen Brotlaib sich ihr Teil zu schneiden.


Was heißt das? Dass man nur als armer Bettelmönch, als Papst in gebrauchten, und um Gottes Willen bloß nicht roten Schuhen davon reden darf, was Du brauchst?


Nur als vermeintlicher Lustverweigerer träumen darf von einer Welt, die möglichst vielen Menschen gerecht wird, Kindern, Männern und Frauen. In der nicht nur Menschen in Würde leben können, die von den reichen, privilegierten Kontinenten kommen, sondern auch aus Weltregionen, in denen seit Jahrzehnten Kriege toben und Dürren unendliches Leid über die Familien bringen.


Ich freue mich auf die Schokopraline zum Abschluss des Abends, deren Bedeutung uns Frau Kok nahebringen wird. Ich werde sie ganz real genießen und aber auch, wie sich das für eine Katholikin gehört, metaphorisch aufladen können. Ich werde sie in mich aufnehmen als Stärkung, als Bekräftigung aus diesem Abend nach Hause zu gehen in dem Gefühl, dass Frauen sich hier zusammen gefunden haben, um sich gegenseitig zu ermutigen, zu erfreuen, zu inspirieren, miteinander zu essen, trinken und zu lachen.


Ich werde heute Abend auch traurig sein, weil eine, mit der wir in Marburg noch zusammen gelacht, gegessen und getrunken haben, nicht mehr bei uns ist. Und ich werde mich freuen an Freundinnenschaften, die widerstehen und wieder auferstanden sind.


Ich werde mich heute Abend auftanken, wie ich das hoffentlich immer wieder während des Kirchentages tun werde. Aber heute sicherlich ganz besonders, in dieser ganz besonderen Atmosphäre bei meinem 2. Frauenmahl, zu dem ich eingeladen bin.


So viel Du brauchst.


Ich brauche Gemeinschaft. Um das Brot zu teilen. Und um mich zu stärken in meinem Engagement für eine Welt, die möglichst vielen Menschen das gibt, was sie brauchen. Um mir Kraft zu holen dafür, kritisch zu bleiben, auch wenn es anstrengt. Um hartnäckig zu bleiben im Kampf für eine wirklich gleichberechtigte Gesellschaft, die Menschen nicht ausgrenzt aufgrund ihrer Herkunft, ihres Glaubens oder ihrer sexuellen Vorlieben. Ich brauche Gemeinschaft um lustvoll zu bleiben in der Aufklärung, dass es noch lange keine wirkliche Gleichbehandlung von Männern und Frauen gibt, und diese Forderung leider leider noch lange nicht outdated ist, wie viele uns glauben machen wollen.


Denn jetzt ist die Zeit, dafür zu kämpfen, dass Europa nicht auseinander bricht, in einen reichen Teil, der ganz egozentrisch einfach so weitermacht und Länder, in denen schon jetzt ganze Generationen in Hoffnungslosigkeit zurückgelassen werden. Jetzt ist die Zeit Veränderungen in einem guten Sinne zu übernehmen. Weil Besitz und Reichtum nicht allein da sind um vermehrt und vererbt zu werden, sondern weil Reichtum und Besitz auch verpflichten, sich für das Wohl möglichst vieler einzusetzen.


Abende wie dieser machen Mut, und Abende wie dieser sind einfach wunderbar. Wir sollten überall solche Abende mache, solche Frauenmahle feiern, im Süden, im Osten und im Westen und Norden, morgens, mittags und abends. Weil wir uns dadurch Kraft geben und beschenken. Laden sie Journalistinnen ein, mitzufeiern, das ist die beste Öffentlichkeitsarbeit, zu zeigen, was Kirche ist und isst, was die gelebte Kirche zu bieten hat, wie lebendig die gelebte Gemeinschaft ist. Und sie strafen den warnenden Brecht-Chor Lügen:


Chor

Ihr Herren, bildet euch nur da nichts ein:

Der Mensch lebt nur von der Missetat allein!


Weiter einen guten Appetit!


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