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Tischreden und Lesekost

Miriam Preiß - Landwirtin Usingen

Bad Homburg, 03.11.2013



Ich komme von einem landwirtschaftlichen Betrieb aus Usingen und habe dort mit meinen Eltern bis vergangenen Winter einen Milchviehbetrieb mit über 40 Milchkühen zur Milchproduktion und weiblicher Nachzucht geführt. Da meine Eltern aus Alters-, gesundheitlichen und wirtschaftlichen Gründen den Betrieb nicht mehr so weiterführen wollten, haben wir den Betrieb auf Färsenaufzucht umgestellt und ab Sommer diesen Jahres läuft der Betrieb auf meinen Namen. Zur Information; wir kaufen weibliche Kälber im Alter von ca. 3 Monaten von einem Milchviehbetrieb, ziehen sie auf bis sie kurz vor ihrer ersten Geburt stehen und verkaufen sie wieder an den Ursprungsbetrieb zurück, damit sie dort als Milchkuh in den Einsatz kommen.
Als Jungunternehmerin kommen da Dinge auf einen zu, die nicht immer abzuschätzen sind, ich muss in Vorlage treten und die finanziellen Mittel, die mir zur Verfügung stehen, versuchen so zu balancieren, dass sich der Betrieb als kleines Familienunternehmen trägt. Auch müssen manche Entscheidungen getroffen werden, wo der Kopf über das Herz entscheiden muss.
Da ich einen Beruf habe, der mich sehr bindet und der einen auch oft seine Grenzen zeigt, ist die Rolle zwischen Gesellschaft, Religion, Kirche und Glauben sicherlich eine andere als bei anderen Menschen.
Ich bin eine sehr dankbarer Mensch und werde in meinem Glauben gestärkt in den schönen Dingen des Lebens und in den schönen Seiten in meinem Beruf.
Wenn eine Kuh ein Kälbchen auf die Welt bringt, beide gesund und munter sind, die Ernte ohne größere Wetterkapriolen und Ertragseinbußen eingefahren werden kann oder man während der Arbeit in der Natur mit ein paar „Lichtblick- Momenten“ belohnt wird.
Auf der anderen Seite zweifelt man auch an sich selbst und seinem Glauben, oder weiß auf manche Gegebenheiten keine Antwort. Zum Beispiel wenn man in ein krankes Tier viel Zeit, Geld und Zuwendung investiert und dann muss man sich mehr oder weniger doch davon trennen. Wenn man schlechte Ernten einfährt, Erträge ausfallen wegen schwieriger Witterungsbedingungen und Verluste beim Vieh auftreten. Darüber hinaus die Preise für seine Produkte instabil sind oder in den Keller sausen und im Gegenzug die Kosten explodieren.
Da treten oft Zweifel auf und im Gegenzug versucht man aber auch den Glauben nicht zu verlieren, vor allem nicht in sich selbst. Denn der allein und die Kraft an Gott zu glauben in der Hoffnung, dass er einen Ausweg für einen findet und einem immer wieder neue Lichtblicke sendet, verhelfen mir dazu weiterzukämpfen für einen zukunftsreichen Weg.
Für mich als Landwirtin ist es wichtig, einen bodenständigen nicht Profit gesteuerten Beruf zu haben, der mir Freude bereitet, aber auch von dem ich gut Leben kann und der eine Lebensgrundlage für mich, meine Familie und für die Menschen in meinem Umfeld sind.
Insoweit stützt mich die Kirche und meine Religion, dass sie mir und den anderen Gläubigen eine andere Wertschätzung vermittelt, wie es zum Beispiel von den vielfältigen Medien, von großen Konzernen, der Politik oder dem Konsumverhalten der Menschen vorgelebt wird.
Kirche oder ein Gottesdienst mit einer ansprechenden Predigt ist für mich ein Ort zum abschalten, um sich einfach mal geistig auf einfache Dinge einzulassen oder neue Impulse zu erhalten, um neue Kraft aufzutanken und den Menschen in meinem Umfeld wieder ein bißchen näher zu kommen. Auch habe ich in Ruhe die Möglichkeit für etwas zu danken oder um etwas zu bitten.
Dankbarkeit heißt für mich, wenn ich mich über Dinge freuen kann, wenn ich, liebe Menschen in meinem sozialen Umfeld oder meine Tiere gesund sind. Wenn sich Dinge die hoffnungslos erscheinen sich zum Guten wenden oder Dinge sich zum Positiven wenden, die nicht selbstverständlich erscheinen. Ich bin dankbar, dass es mir gut geht und ich nicht hungern muß. Auch bin ich dankbar über ein bißchen Freizeit oder Urlaub in der Hoffnung, dass zuhause alles gut läuft, wenn ich nicht da bin.
Um einen Ausweg suche ich, wenn ich für meine persönliche Zukunft nicht weiter weiß, mich Dinge bedrücken, ich bei zwischenmenschlichen Konflikten nicht weiter weiß oder ich darum bitte, dass es einer kranken nahestehenden Person bald wieder besser geht.
Dabei ist mir die Kirche von klein auf ein Lebensbegleiter, eine feste Burg, ein Beistandsleister, ein Freudenspender, ein Hoffnungsträger und Impulsgeber, ein  Segensverbreiter und Lichtblick.
Diese Rolle sollte die Kirche nicht nur für mich sonder für alle anderen Menschen auch in Zukunft haben.
Die Kirche sehe ich in der Verantwortung der Gesellschaft bestimmte Werte zu vermitteln, wie Glaube, Liebe, Hoffnung, Dankbarkeit und Nächstenliebe, die es nicht im Supermarkt oder übers Internet zu kaufen gibt und die das Leben zwischen den Menschen lebenswert machen.

Dieser Internetauftritt gehört zum Studienzentrum der EKD für Genderfragen in Kirche und Theologie (vorher: Frauenstudien- und -bildungszentrum in der EKD, FSBZ).
Besuchen Sie uns unter www.gender-ekd.de.

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