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Tischreden und Lesekost

Nusreta Puric - Integrationsfachfrau Aarau

Beauftragte für Jugendarbeit der islamischen Gemeinschaft der Bosniaken im Aargau

Tischrede zum Frauenmahl in Gränichen vom 15.8.14


Mein Name ist Nusreta Puric. Ich komme aus Bosnien und lebe seit 26 Jahren in der

Schweiz. Wenn ich so zurückdenke kann ich mich fast nicht mehr daran erinnern, wie

es damals war, als ich noch in Ex- Jugoslawien gelebt habe. Denn seit Kriegsende ist

nichts mehr so wie es einmal war. Alle meine Erinnerungen sind wie ausgelöscht

worden und es fing ein neuer Lebensabschnitt hier in der Schweiz an.


Der Krieg in Bosnien, in dem die Muslime von ihren Nachbarn verfolgt wurden, hat

mir die Augen geöffnet und mir einen Sinn im Leben gezeigt, den ich bis dahin nicht

kannte. Mir wurde bewusst, dass ich mich als Persönlichkeit in dem

kommunistischen Land eigentlich verloren hatte wie viele andere Menschen in

meinem Heimatland auch. Uns wurde eine Ideologie von Brüderlichkeit vorgesetzt

um uns von unseren Wurzeln zu entfernen. Dass das alles nur als Vorwand für

unsere Ausrottung diente, wurde mir erst später klar. Ich fühlte mich verloren und

suchte nach der Wahrheit!


Hier in der Schweiz habe ich viele neue Freundschaften geschlossen. Die Schweizer

Kultur hat mir sehr gefallen und ich fühlte mich wohl hier. Ich habe die Sprache

gelernt und mich mehr und mehr integriert.

Ich wollte, dass alle meine Landsleute, die damals als Flüchtlinge in die Schweiz

kamen, sich wohl fühlen und habe angefangen die Flüchtlingszentren zu besuchen.

Ich habe für die Menschen Übersetzungsarbeit geleistet wann immer es nötig war,

habe Besuche organisiert und zwischen den Kulturen vermittelt. Damals gab es

solche Organisationen wie heute noch nicht. Aber dafür gab es sehr viele Freiwillige,

die geholfen haben. Das war die Zeit, in der ich mich auch mehr mit Religion befasst

habe. Je mehr ich über meine Religion erfahren habe, desto mehr habe ich das

Bedürfnis gespürt alles genau so zu tun, wie es von Gott empfohlen worden war. Mir

wurde klar, dass das genau das ist, was ich die ganze Zeit gesucht hatte.

Eine ganz andere Lebensweise hat sich mir eröffnet. Kurze Zeit später habe ich

angefangen ein Kopftuch zu tragen. 


Es begann eine schwierige Zeit für mich, in der ich immer wieder beweisen musste,

dass ich immer noch eine ganz normale Person bin, dieselbe, die ich bis dahin

gewesen war. Seitdem und bis heute erlebe ich immer wieder solche Momente und

beantworte seit 21 Jahren dieselben Fragen wie: Ob ich gezwungen worden wäre

das Kopftuch zu tragen und warum ich das tue.


Obwohl wir seit ungefähr genau so vielen Jahren im Bereich Kommunikation

(Computer, Internet, mobiles Netz…) so grosse Vorschritte gemacht haben, hat sich

über den Wissensstand der Bevölkerung im Bereich Islam und Kopftuch kaum etwas

verändert! Manchmal frage ich mich ob wir überhaupt die gleiche Sprache sprechen!!

Nichts desto trotz habe ich nie aufgegeben und habe meine Berufung gefunden,

indem ich im interreligiösen wie auch im Integrationsbereich sehr viel gemacht habe.

Diese Arbeit macht mich glücklich. Dass ich mich selbst in meiner Religion gefunden

habe und dass ich das weitergeben kann, macht mich als Menschen vollkommener

und zufriedener.


An dieser Stelle möchte ich einen Spruch von Said Nursi zitieren: 

„Der Glaube an einen Schöpfer erhebt den Menschen vom Banalen zum Erhabenen.

Glaube öffnet die Türen zur menschlichen Vervollkommnung und der Mensch

begreift seinen Platz im Universum. Es veredelt sein Handeln“

Dieser Internetauftritt gehört zum Studienzentrum der EKD für Genderfragen in Kirche und Theologie (vorher: Frauenstudien- und -bildungszentrum in der EKD, FSBZ).
Besuchen Sie uns unter www.gender-ekd.de.

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