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Tischreden und Lesekost

Christiane Quincke - Dekanin ev. Kirchenbezirk Pforzheim

Tischrede zum Frauenmahl am 21.10.2016 „Stadt der Frauen“ im Sparkassensaal in Pforzheim

Gehet ein, gehet ein durch die Tore! Bereitet dem Volk den Weg.
Machet Bahn! Machet Bahn! Räumt die Steine hinweg!
Richtet ein Zeichen auf für die Völker!
Siehe, Gott lässt es hören bis an die Enden der Erde:
Sagt der Tochter Zion: Siehe, dein Heil kommt! (...)
Dich wird man nennen „Gesuchte“ und „Nicht mehr verlassene Stadt“ (Jes 62,10-12)

Ja, die Stadt ist eine Frau! Sie wird nicht nur bewohnt von Frauen, sie ist eine Frau. Zumindest wenn es nach dem Propheten Jesaja geht. Jerusalem - Stadt des Friedens, des Schaloms. Tochter Zion. Braut Gottes. Königin und geachtete Mutter. Eine schöne Frau ist sie. Gezeichnet vom Leben, Leid erprobt, aber letztlich geliebt und vor allem standhaft. Die Stadt der Zukunft. Die Stadt, die attraktiv ist. Denn zu ihr strömen die Völker und niemand hat Angst vor diesem Strömen. Von dieser Stadt geht der Frieden aus.

Gehet ein durch die Tore! Machet Bahn! Räumt die Steine hinweg!
Richtet ein Zeichen auf für die Völker!

Mich fasziniert dieses Bild.
Und eine Stadt, in der ich als Frau lebe, soll genauso sein.
Eine Stadt mit offenen Toren und Türen,
wo Menschen willkommen sind
und die Steine weggeräumt sind, die uns hindern aufeinander zuzugehen.

Und ich denke weiter
und habe Frauen und Männer vor Augen, die einander zuhören und ausreden lassen. Die sich über Fremde freuen und sie mitgestalten lassen. Die aufeinander achten und gemeinsam dafür sorgen, dass es allen gut geht und nicht nur denen, die immer schon das Sagen haben.

Ich habe vor Augen, dass die Unterschiedlichkeit der Bewohner und Bewohnerinnen als Reichtum gesehen wird. Und dass alle sich gleichermaßen verantwortlich fühlen, die Stadt zu gestalten.
Ich habe vor Augen, dass in dieser Stadt des Friedens kein Mensch abgewertet wird, dass der Minirock genauso dazu gehört wie das Kopftuch, dass das Kinderlachen laut ist, dass Bäume gepflanzt werden und Blumen wild ausgesät. Und auch die Rentnerinnen können gut leben in ihr.

Ich habe vor Augen, dass in dieser Stadt fröhliche Gottesdienste gefeiert und nachdenkliche Gebete gesprochen werden, dass lebhaft gestritten wird - aber immer mit Respekt -, und dass alle um die Schatten der Vergangenheit wissen und diese als Auftrag begreifen, dass die Vergangenheit Vergangenheit bleibt. Das Weinen hat in dieser Stadt genauso seinen Platz wie das Lachen. Und niemand wird klein oder mundtot gemacht. Frauen dürfen in dieser Stadt den Mund aufmachen und gleichberechtigt mit den Männern leiten und führen.

Für Jesaja ist es eine Vision, ein Bild der Zukunft. Und das ist es für mich auch.
Denn die Gegenwart sieht anders aus.
Aber ich möchte dieses Bild der Zukunft bereits jetzt leben.
Und diese Stadt der Zukunft blitzt ja immer wieder auf.
Das macht mir Mut.

Es macht mir Mut, dass wir mittlerweile fast(!) selbstverständlich Bürgermeisterinnen, Unternehmerinnen, Professorinnen, Rektorinnen, Leiterinnen von Kulturhäusern und Kinos und Theologinnen in unserer Stadt haben.

Es ärgert mich, wenn in der Öffentlichkeit immer noch die Schuhe von Frauen wichtiger sind, als das, was sie sagen. Aber es macht mir Mut, dass wir dafür sensibler geworden sind und es nicht mehr einfach hinnehmen.

Es trifft mich persönlich, wenn in der Medienwelt ein einseitiges Bild von mir gezeichnet wird und sogar gewünscht wird, ich solle diese Stadt verlassen. Aber es macht mir Mut, dass der Widerspruch dazu laut und deutlich vernehmbar war, von Frauen und Männern dieser Stadt.

Es macht mich wütend, wenn das Thema „Gleichberechtigung“ instrumentalisiert wird für die Angst vor Flüchtlingen und vor dem Islam. Aber es macht mir Mut, dass sich so viele Menschen, Männer und Frauen, in unserer Stadt davon nicht beirren lassen. Stattdessen treffen sie sich im Weltcafé oder begleiten die Neuangekommenden auf die Ämter, organisieren Sprachkurse und Kinderbetreuung oder eine Hausaufgabenhilfe.

Es macht mir Sorge, dass die Schatten der Vergangenheit uns wieder einholen wollen und das rechte Gedankengut immer mehr in der bürgerlichen Mitte ankommt. Aber es macht mir Mut, dass viele von uns - und darunter viele Frauen! - dagegen halten, indem sie entlarven, diskutieren, öffentlich reden und auch demonstrieren. Es dürften ruhig noch mehr sein. Und wir Frauen sollten besonders wachsam sein, denn wir wissen, was es bedeutet, wenn Menschen in wertvoll und wertlos eingeteilt werden.

Gehet ein durch die Tore! Machet Bahn! Räumt die Steine hinweg!
Richtet ein Zeichen auf für die Völker!
Sagt der Tochter Zion: Siehe, dein Heil kommt!

Jerusalem - Von dieser Stadt geht der Frieden aus.
Ja, das ist ein Bild der zukünftigen Stadt.
Und als Theologin weiß ich auch, dass diese Stadt für uns Menschen nicht einfach machbar ist. Auch für uns Frauen nicht. Denn selbst wir sind nicht unfehlbar. (...)

Aber wir können diese Stadt aufblitzen lassen. Uns von ihr inspirieren lassen.
Indem wir selber gestalten und Verantwortung übernehmen.
Indem wir die Belange dieser Stadt in die Hand nehmen und uns nicht bremsen lassen.
Indem wir uns öffentlich äußern und uns für eine Kultur des gegenseitigen Respekts einsetzen.

Gott hat uns geschaffen als sein Ebenbild, Frauen wie Männer.
Und im christlichen Verständnis gehören wir alle zur Familie Gottes als seine Töchter und Söhne.
Von Jesus Christus her gibt es kein oben und unten, keine ist unwichtiger als die andere.

Und das können wir ruhig jetzt schon leben.
Da müssen wir nicht auf das himmlische Jerusalem warten.
Räumen wir die Steine weg, die uns den Weg zueinander behindern.
Frau Stadt braucht uns bereits jetzt.
Machen wir sie sichtbar, diese Stadt der Zukunft - dort, wo wir sind.

Dieser Internetauftritt gehört zum Studienzentrum der EKD für Genderfragen in Kirche und Theologie (vorher: Frauenstudien- und -bildungszentrum in der EKD, FSBZ).
Besuchen Sie uns unter www.gender-ekd.de.

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