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Tischreden und Lesekost

Ellen Radtke - Studienleiterin am Studienzentrum der EKD

Gender mich nicht
Tischrede beim Frauenmahl in Dortmund am 17. Februar 2017
Ellen Radtke, Pfarrerin und Studienleiterin am Studienzentrum der EKD für Genderfragen

Ich habe den Titel dieses Vortrags gewählt, damit Sie, liebe Frauen, beruhigt sein können und wissen: Ich will sie nicht gendern. Ich weiß gar nicht genau, wie man jemanden gendert, doch vorsichtshalber versichere ich Ihnen, dass ich das nicht vorhabe.

Und ich sage das nicht ohne Grund: Kürzlich bekam ich einen Flyer in die Hand, so ein Faltblatt. Auf ihm war ein Kind zu sehen, ungefähr 6 Jahre alt, mit Boxkleidung inklusive Handschuhen ausgestattet. Es boxt in Richtung der Kamera und neben diesem Bild steht in großen Lettern: Gender mich nicht!

Und deshalb will ich heute über diesen Flyer reden. Also nicht genau über ihn, er ist doch vielmehr ein Symptom für etwas, was ich in den letzten Jahren so um mich herum wahrnehme. Es ist wie eine dunkle Wolke, die sich immer wieder über Diskussionen auch in unseren Kirchen legt. Die Anti-Gender-Bewegung, nicht genau zu fassen, nicht streng organisiert, kirchliche, weltliche, politische Verbände treten in ihr als Akteur_innen auf. Der Flyer mit dem boxenden Kind kommt z.B. aus dem rechts-politischen Spektrum.

Und ich muss sagen, ich selber hatte Schwierigkeiten, diese Bewegung überhaupt zu verstehen. Und: In dem kleinen Ort, in dem ich als Pfarrerin gelebt und gearbeitet habe, wurde darüber auch nicht gesprochen. Gender war etwas zum Leben, nicht zum Reden.

Gender passierte. Einmal wurde meine Frau gefragt, wie man sie richtig anspreche, ob Herr oder Frau Radtke richtig sei, ganz ernst, im vertraulichen Ton. Und wenn ich mit der Fragestellerin heute darüber lachen kann, so war die Frage damals ernst gemeint.

Von Frau und Frau Radtke zu reden, hörte sich für die Person falsch an. Also wurde gefragt, wir sagten, dass Frau und Frau genau richtig für uns ist und, dass es gut ist zu fragen, denn nur man selbst kann annähernd sagen, wer man ist. Und so kam Gender in meine Gemeinde. Immer so am Rande, aber gefürchtet hat sich davor niemand, wenn ich sagte, dass vor Gott ein Mensch einfach als Mensch steht.

Stattdessen gab es diese zauberhaften Momente, wenn etwas, was ich im Studium gedacht habe, Realität wurde. Wenn am Ende der Kinderbibelwoche ein Junge mit einer Gruppe Mädchen streitet und er sagt: „Doch, in diesem Haus darf ich bei allem mitspielen.“ Wie schön wäre es, wenn er sagen könnte: In dieser Welt darf ich überall mitspielen.

Dabei sagt die Anti-Gender-Bewegung ganz deutlich, dass Menschen wie ich der Welt Schaden zufügen. Ich höre immer wieder dieselben Vorwürfe: Homosexuelle zerstören das Bild von der Ehe, wenn sie selber heiraten wollen, Gender bedeutet, es gibt in Kindergärten diese Frühesexualisierung und Feministinnen wollen Quoten nur deshalb, um Jobs zu bekommen, obwohl sie schlecht qualifiziert sind.

Ich bin vielleicht nicht die erfahrenste Wissenschaftlerin auf dem Gebiet, aber ich bin doch recht gut informiert. Dadurch, dass Menschen heiraten wollen, wird die Ehe nicht herabgesetzt, das wäre ein logischer Fehler. Eher wird die Ehe gestärkt, weil Menschen an diese Institution glauben und dementsprechend leben wollen.

Auch zur angeblichen Frühsexualisierung muss noch ausgeführt werden, dass es es in den Augen der Vertreterinnen aus der Anti Bewegung darum geht zu zeigen, dass die Gender-Ideologie nichts anderes sei als eine staatlich verordnete Gehirnwäsche, die letztlich durch die Förderung von Homosexualität und Verhütung zur Zerstörung der Familie führen soll. Wie soll da noch mit Vernunft argumentiert werden?

Und der Titel meines Vortrages ist deshalb nicht nur spaßig gemeint. Es geht doch beim Gender-Mainstreaming auch nicht darum, jemand anderen zu gendern, was auch immer das sei. Es geht darum, schon Kindern keine unsichtbaren Grenzen zu setzen, ihnen Freiheit zu gewähren, statt Vorschriften darüber was sie angeblich können und was nicht. Weil wir vor Gott eben als Mensch stehen.

Die Palette der Gegenbewegung ist jedoch so unüberschaubar und wirr, dass es schwer fällt, da einen roten Faden, oder Logik zu finden. Und vielleicht, diese Vermutung will ich heute Abend äußern geht es eigentlich um etwas anderes. Nicht in erster Linie um Gender, oder die angebliche Gender-Ideologie. Sondern viel grundlegender um die Gültigkeit der Menschenrechte.

Denn Gender ist ein so wunderbar englisch-wissenschaftlicher Begriff, gegen den kommt man relativ leicht mit Parolen an. Niemand will ich aber offen auf die Fahnen schreiben: Gegen Menschenrechte! Vielleicht ist daher die Anti-Gender-Bewegung ein Vorwand um für eine Position zu werben, die die Rechte unterschiedlich verteilt. Nicht gleiches Recht und Würde für alle, sondern unter bestimmten Bedingungen.

Und da stehe ich dann und kann nicht anders. Da geht es an meine Verantwortung. Wenn ich in meinem Studium, durch alle Fächer hindurch, eines gelernt habe, dann das eine, dass Gott nicht nach Geschlecht oder Herkunft fragt. Wie heißt es so schön: „Hier ist nicht Jude noch Grieche, hier ist nicht Sklave noch Freier, hier ist nicht Mann noch Frau; denn ihr seid allesamt einer in Christus Jesus.“

Die einzige Kategorie, die sich biblisch wirklich eindeutig ohne jede Infragestellung oder Gegenargument und Ausnahme belegen lässt, ist die Zugehörigkeit zu Gott. Punkt. Und für mich, sozusagen als Gender-Pfarrerin, war dies immer alles, woran ich mein Arbeiten ausgerichtet habe, Gender war dann schon automatisch dabei, mal expliziter, mal eher implizit.

Dennoch ist sie da, diese oft christlich zu sein behauptende, mittlerweile gut organisierte Bewegung, in ganz Europa. Und wir sind da, Frauen, die hier stehen und uns fragen müssen, ob wir so oder auch anders können. Und ich habe es ihnen gesagt, ich will sie nicht gendern.

Aber ich hoffe, dass sich Freiheit durchsetzt. Dass Beziehungen zwischen Menschen nicht von starren Kategorien entschieden werden, sondern davon, dass ich in anderen das Ebenbild Gottes erkenne und Beziehungen einfach dadurch entstehen, dass das wichtiger ist als alles andere. Wie damals, als mich die Christenlehre-Kinder fragten, ob sie nicht erstmal auch unsere Kinder sein könnten, sie könnten es sich gut vorstellen, häufiger bei uns Schlafparties zu feiern, und wir hätten ja noch keine eigenen Kinder. Das ist Gender, die Freiheit, einfach so Beziehungen zu knüpfen, ohne durch feste Kategorien auf einen Standpunkt festgelegt zu sein.

So wird vermutlich letztlich auch kein Austausch von Argumenten und keine Streitdiskussion die Fronten auflösen, sondern nur das Ausleben dessen, wofür wir stehen.

Die klugen Menschen meiner Kirchengemeinde haben es mir gezeigt: Den eigentlichen Sieg wird das Leben erringen, das es schafft, das Leben der Menschen freier, liebevoller und gerechter zu machen. Und dann wäre da nur noch die Frage, wie wir diesem Zauber zur Blüte verhelfen, doch dafür müssten sie mit überlegen, das kann ich nicht allein.

Dankeschön!

Dieser Internetauftritt gehört zum Studienzentrum der EKD für Genderfragen in Kirche und Theologie (vorher: Frauenstudien- und -bildungszentrum in der EKD, FSBZ).
Besuchen Sie uns unter www.gender-ekd.de.

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