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Tischreden und Lesekost

Anne Reichmann - Pastorin, Pastoralpsychologisches Institut, Hamburg

Kiel, 30.10.2015

Tischrede von Anne Reichmann


Du sollst Dir kein Bildnis noch irgendein Gleichnis machen, weder von dem, was oben im Himmel, noch von dem, was unten auf Erden noch von dem, was im Wasser unter der Erde ist.
Ex 20, 4
So lautet das Bilderverbot, das am Beginn der 10 Gebote steht.
 
Du sollst Dir kein Bildnis machen!
Aber wir machen uns Bilder von Gott, und die Bibel selbst ist voller Bilder: Gott als Vater, als Fels, als König, aber Gott auch als Mutter, als Quelle, als Glucke, als Licht. Das sind ja Bilder!
 
In der Bibel steht das Bilderverbot und hat Gewicht, aber Menschen machen sich immerzu Bilder, nicht nur von Gott.
Offensichtlich gibt es unterschiedliche Arten von Bildern? Oder unterschiedliche Arten, mit Bildern umzugehen?
 
„Was tun Sie", wurde Herr Keuner gefragt, "wenn Sie einen Menschen lieben?" "Ich mache einen Entwurf von ihm", sagte Herr Keuner, "und sorge, dass er ihm ähnlich wird." "Wer? Der Entwurf?" "Nein", sagte Herr Keuner, "der Mensch."
 
Bertold Brecht erzählt davon, dass wir uns Bilder von Menschen machen, und zwar von denen, die wir lieben. Wir machen uns ein Bild von ihnen, wie wir sie gerne hätten, und dann messen wir sie an diesem Bild und sehen zu, dass sie dem Bild gleich werden oder sind enttäuscht, wenn das nicht der Fall ist.
 
Max Frisch formuliert, worauf diese Art der Beziehung hinaus läuft: „ „Du bist nicht,“ sagt der Enttäuschte, „wofür ich Dich gehalten habe.“ Und wofür hat man sich denn gehalten?
Für ein Geheimnis, das der Mensch ja immerhin ist, ein erregendes Rätsel, das auszuhalten wir müde geworden sind. Man macht sich ein Bildnis. Das ist das Lieblose. Das ist der Verrat.“ ( Tagebuch 1946-49, Frankfurt 1985, S. 27 )
 
Es ist schwer, sich kein Bild zu machen. Es ist schwer auszuhalten, dass der andere Mensch ebenso wie Gott ein Geheimnis ist, etwas, das ich nicht verstehe und über das ich nicht verfüge.
Aber jeder Mensch ist ein Geheimnis. Es ist doch so: Je mehr man über einen Menschen erfährt, desto weniger weiß man von ihm, desto mehr Fragen tauchen auf und Widersprüche und Ungereimtheiten. Außerdem ist er heute ganz anders als er gestern war. Er verändert sich.
Will ich dem entsprechen, so muss ich immer wieder neu hinschauen, werde immer wieder konfrontiert mit dem Gefühl, ihn nicht wirklich zu kennen. Ich müsste immer wieder nachfragen, mich selbst neu ausrichten, um ihm zu begegnen. Das ist anstrengend. Auf so jemanden ist ja kein Verlass. Nie weiß man bescheid und woran man ist. Immer wieder diese Enttäuschungen und Überraschungen.
Da ist es nachvollziehbar, dass der Wunsch auftaucht, etwas Festes und Gewisses zu haben.
Wir machen uns Bilder voneinander; wir nageln einander fest auf eine Vorstellung und quälen einander damit. „ Ich wusste, dass Du wieder zu spät nach Hause kommen würdest! Du denkst immer nur an Dich!“ „Und Du machst mir immer nur Vorwürfe. Ich bin anders als Du denkst!“
 
Wer sich ein Bild von der anderen macht, der legt sie fest auf einen bestimmten Aspekt und grenzt andere Aspekte aus. Als Gott immer nur männlich vorgestellt wurde, wurde er dazu benutzt, die männliche Dominanz in der Gesellschaft zu verstärken.
 
Das war die Kritik der Frauenbewegung. Sie wies darauf hin, dass Gott noch weitere, ganz andere Aspekte haben könnte. Wie stark die Macht der Bilder ist, wurde daran deutlich, dass Männer wie Frauen es unerhört fanden, von Gott als Mutter oder Frau zu sprechen.
Da folgerten die Frauen, dass es viele, viele Gottesbilder braucht und nicht nur eines, um Gott näher zu kommen. Es braucht aber vor allem das Bewusstsein dafür, dass all diese Bilder nicht Gott sind, sondern nur unsere Bilder. Gott, unser Schöpfer, bleibt ein Geheimnis; unser Ursprung ist uns entzogen.
Es ist unsere eigene Begrenzung, wenn wir uns Gott nur auf eine bestimmte Weise vorstellen können. Wie ein Mensch Gott sieht, ist abhängig von der Weise, wie er ihn zu sehen vermag.
Wir nehmen auch von der Welt nur das wahr, was wir wahrnehmen können.
Was Petra über Paula sagt, sagt mehr über Petra als über Paula.
 
Das Bilderverbot verlangt etwas Unmögliches. Dadurch lässt es uns aufhorchen, wachwerden für die Gefahr, die darin liegt, dass wir uns Bilder machen von Gott und von andern Menschen, auch von uns selbst. Es durchkreuzt die Arroganz des Bescheidwissens und den Drang, über jemanden zu verfügen.
 
Da fehlt aber noch etwas: Es ist im Bilderverbot nicht nur von Gott und von Menschen die Rede, sondern auch von dem, was unten auf Erden und von dem, was im Wasser unter der Erde ist.
 
Sind das nicht auch die andern Lebewesen? Die Tiere, die Pflanzen, alles, was auf der Erde lebt und im Wasser unter der Erde, in der Tiefe unter uns? Das Bilderverbot wird immer nur auf Gott und die Menschen bezogen, aber da steht ja noch mehr! Du sollst Dir kein Bild vom Lebendigen machen. Alle Lebewesen sind ein Geheimnis und Du sollst nicht über das Lebendige verfügen. So möchte ich den Sinn des Gebotes erweitern.
 
Gerade im Blick auf die Tiere hätte ein so verstandenes Bilderverbot eine große Brisanz: Die Wissenschaft und wir alle haben uns Bilder von den Tieren gemacht, die so selbstverständlich sind, dass wir sie als solche kaum bemerken: Der Wolf ist gefährlich und böse. Schweine sind Schweine. Kühe sind dumm. Diese Bilder stecken voller Abwertungen. Sie betonen die Unterschiede gegenüber dem Menschen und blenden die Gemeinsamkeiten aus.
 
Wir haben ein Bild von der Natur, dass dort ein Kampf aller gegen alle herrsche. Nur die Stärksten setzen sich durch. Egoismus und Wettkampf bestimmen das Leben in der Wildnis. So stimmt es aber nicht. Es gibt Wettkampf, aber es gibt auch Kooperation und friedliches Miteinander und Fürsorge unter den Tieren, nicht nur gegenüber Artgenossen oder den eigenen Kindern.
Die darwinistische Ideologie hat die Eigenart des beginnenden Kapitalismus auf die Natur übertragen. Was Petra über Paula sagt, sagt mehr über Petra als über Paula.
 
Von einem Bauern, der Schweine liebt, habe ich gelernt, dass Schweine sehr reinliche Tiere sind, die grössten Wert darauf legen, nicht dort zu liegen, wo sie hinkoten. Sie sind klug und kontaktfreudig und leben eine differenzierte soziale Gemeinschaft, wenn man sie lässt.
 
Aber in der massenhaften Haltung werden Tiere zu dem gemacht, wofür wir sie halten. Es geht um Verfügungsmacht. Die Tiere werden den Haltungsbedingungen angepasst und dem Bild entsprechend zugerichtet. Kühe werden zu Milchmaschinen gemacht, Schweine zu Fleischbergen. Ihre Eigenart und ihre Lebensfreude werden ihnen ausgetrieben. Ihre Fähigkeiten wie die, Gras in Milch zu verwandeln, reichen nicht aus; sie müssen im Stall stehen und Soja fressen. Mit solcherart Behandlung wird den Tieren schon das Leben genommen, bevor sie geschlachtet werden.
 
Davon war schon bei Herrn Keuner die Rede: Mit Bildern kann man jemanden festnageln und um das Leben bringen.
 
Und dennoch brauchen wir Bilder.
Ich kehre an den Anfang zurück. Es gibt offenbar Bilder, die das Leben nehmen; es gibt aber auch Bilder, die das Leben ermöglichen.
 
Für unsere Seele ist es von Anbeginn an von großer Bedeutung, dass wir ein Bild von den Menschen in uns tragen, die wir lieben und die ja nicht immer zu unserer Verfügung stehen – etwa von der Mutter, die nicht ständig da sein kann.
Alles, was das Kind erlebt mit andern, hinterlässt eine Szene, ein inneres emotionales Bild in der Seele, nicht als bloße Abbildungen, sondern als höchst subjektive, emotional aufgeladene, durch die sinnliche Wahrnehmung geflossene Schöpfungen dieses kleinen Wesens.
 
Diese inneren Bilder kann das Baby hervorholen, wenn die Mutter nicht da ist. Es kann sich vorstellen, sie wäre da und spricht zu ihm und hält es fest, wie sie es oft getan hat. Auf diese Weise kann das Baby die Trennung überstehen.
 
Wenn wir als Erwachsene in größter Not sind, können wir uns einen nahen Menschen vorstellen oder Gott. Wir können uns an Gott wenden, mit Gott sprechen und können so die Not besser ertragen oder verwandeln.
 
Bilder können uns dabei helfen, uns zu entwickeln. Sie können etwas bergen wie ein Behälter, unaussprechliche Gefühle, innere Landschaften, für die uns die Worte fehlen: In einem Kunstwerk finden wir vielleicht genau das ausgedrückt. Bilder dieser Art sind vieldeutig, und ihre Bedeutung entscheidet sich im Blick der Betrachterin. Denn Kunst gibt nicht das Sichtbare wieder, sondern macht etwas sichtbar.
 
Da geht es nicht um Bemächtigung oder um die Abbildung von etwas Bekanntem; nicht um die Bestätigung eigener (Vor)urteile, sondern um die Hervorholung von etwas, das noch nicht da war.
Solche Bilder sind schöpferisch in ihrer Wirkung, sie bringen Sinn hervor.
Sie sind nicht hergestellt, sondern haben sich eingestellt.
 
Die moderne Kunst ist dem Bilderverbot darin treu, dass sie verfestigte Sichtweisen und eingefahrene Sehgewohnheiten aufbricht. Es kommt darauf an, die Werke anzuschauen und sie auf sich wirken zu lassen, ohne gleich zu wissen, was sie darstellen. Ich kann in Kontakt gehen mit einem Bild, das mir ein Geheimnis ist wie ein anderer Mensch. Mich einlassen, auch 4 wenn ich nicht verstehe. Was geschieht dann zwischen uns? Was taucht dann auf aus dem Raum zwischen mir und dem Bilde?
 
Lasst uns doch sehen lernen. Und Freude haben an der Verunsicherung, die es bereitet, nicht bescheid zu wissen. Sehen in diesem Sinne ist ein Akt der Liebe, und ich glaube, dass Jesus Menschen auf diese Weise angesehen hat.
 
Max Frisch sagt das so: „Eben darin besteht ja die Liebe, das Wunderbare an der Liebe, dass sie uns in der Schwebe des Lebendigen hält, in der Bereitschaft, einem Menschen zu folgen in allen seinen möglichen Entfaltungen. Wir wissen, dass jeder Mensch, wenn man ihn liebt, sich wie verwandelt fühlt, wie entfaltet, und dass auch dem Liebenden sich alles entfaltet, das Nächste, das lange Bekannte. Vieles sieht er wie zum ersten Male. Die Liebe befreit es aus jeglichem Bildnis.“
 
 

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