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Tischreden und Lesekost

Claudia Roth - Vizepräsidentin des Deutschen Bundestages

- Es gilt das gesprochene Wort -

 

Sehr verehrte Königin Barbara von Cilli, liebe Frauen,
 
es beeindruckt mich sehr, Ihre Lebensgeschichte der Macht voller Irrungen und Wirrungen zu hören.
Ja – Macht, sie war für Frauen auch schon im 15. Jahrhundert möglich, aber sie war es eben nur im Hintergrund, verdeckt und versteckt hinter dem Anspruch und dem Anrecht des Mannes auf Entscheidung und Besitz.
Kluge Frauen wie Sie, Frau von Cilli, wussten die Macht dennoch zu nutzen und sie einzusetzen.
 
Auch wenn Sie einen hohen Preis dafür zahlten:
- Verbannung,
- Gefangenschaft,
- Verleumdungen,
- ja sogar Vampirismusverdacht.
 
Wenn ich ehrlich bin, finde ich das eigentlich ganz schön cool und ich bin darauf auch ein wenig neidisch – vor allem auf die poetische Kreativität Ihrer damaligen Verleumder.
Verleumder, sie gibt es ja auch heute noch, und oft hat man auch den Eindruck, es werden stetig mehr.
Nur – von Poesie verstehen die gar nichts! Ich weiß, wovon ich spreche!
 
In sogenannten Hassmails und in Posts in sozialen Netzwerken wurde ich noch nie eine Vampirin genannt.
Dort geht es gegenüber Frauen doch schon sehr viel körperlicher, man könnte auch sagen, sexistischer und gewaltvoller zu.
Dabei wird auch nicht den angegriffenen Frauen unterstellt, sie könnten die Männer anfallen, wie das offenbar bei Ihnen, Frau von Cilli, noch der Fall war.
Sondern die heute auf fast allen Kanälen geäußerten Gewaltfantasien wollen ganz klar uns Frauen wieder zu den Opfern machen.
Mächtige Frauen waren im 15. Jahrhundert wohl noch etwas so Besonderes, dass man sie sich nur als Täterinnen, also entweder als Hexen oder eben als Vampire vorstellen konnte.
 
Heute sind wir freidenkenden, vielleicht auch atheistischen, auf alle Fälle machtbewussten Frauen immerhin doch so zahlreich, dass wir den Männern wohl eine echte Bedrohung sind, und viele von ihnen uns gerne wieder
- eingesperrt,
- verbannt,
- oder doch zumindest irgendwie vertrieben sähen
aus dem Macht- und Entscheidungsbereich von Politik und Gesellschaft.
 
Denn eines hat sich seit den Zeiten des Konstanzer Konzils wohl nicht geändert: Dort, wo es um Macht und Einfluss geht, da geht es auch um die Frage der Verteilung.
Der Konzil ist ja das beste Beispiel: Schließlich wurde er nur einberufen, weil sich drei Leute – also Männer – um den einen Stuhl des Papstes stritten.
 
Wenn heute Frauen selbstbewusst und ehrgeizig in großer Zahl und top ausgebildet zwar noch nicht auf den Papststuhl – das kommt auch noch! – aber doch zumindest Kurs nehmen auf die Stühle in den
- Vorständen
- den Aufsichtsräten,
- in den Universitäten,
- den Kirchen,
- den Parlamenten,
- den Rathäusern
- und den Ministerien
dann heißt das natürlich auch, dass dort Männer nun immer öfter Platz machen müssen.
 
Und das ist schwer für sie. Waren sie doch über tausende von Jahren gänzlich ohne Zweifel, dass ihnen allein diese Positionen zustünden.  
Männer müssen teilen lernen – und das geht, kann ich Ihnen sagen!
 
Wir haben bei uns Grünen es den Männern ja von Anfang an so schwer wie möglich gemacht, an ihren alten Besitz- und Machtgewohnheiten festzuhalten, mit unserer Quote und den Doppelspitzen, die ja bis heute immer wieder auch als pure Folklore diffamiert werden, die doch jetzt echt mal überholt sei.
Aber da ist gar nichts überholt! Ohne solche Maßnahmen geht es eben auch heute noch nicht.
Denn nichts garantiert die Sichtbarmachung und Rekrutierung von jungen weiblichen Talenten mehr als eben die Quote oder auch der Zwang, dass Führungspositionen immer mit mindestens einer Frau besetzt sein müssen.
Und daran kann auch das ewige Genörgle an den angeblichen „Quotenfrauen“ nichts ändern.
Denn viele haben sich bereits schon so an die Präsenz der „Quotenmänner“ gewöhnt, dass ihnen gar nicht mehr auffällt, wie viele Männer ganz offenbar nicht aus Kompetenzgründen auf ihre Positionen gekommen sind.
 
Das Prinzip der Quote hat inzwischen ja auch viele außerhalb der Grünen überzeugt,
- die anderen Parteien bis hin zu Union haben sie in abgeschwächter Form übernommen,
- und sogar die Wirtschaft muss inzwischen bei den Aufsichtsräten ein Quötchen erfüllen.
 
Deshalb bin ich sehr zuversichtlich, dass wir den Siegeszug der Doppelspitze auch noch erleben werden – ein spannendes Modell vielleicht auch für die Kirche, die ja sowohl katholisch als auch evangelisch ein großes Nachwuchsproblem plagt.
 
Aber dennoch, wir sind in Sachen gleiche Rechte und gleiche Macht und gleiche Sichtbarkeit und Teilhabe von Frauen noch lange nicht am Ziel:
- Der Anteil von Frauen in Führungspositionen liegt in Deutschland weiterhin auf einem Minderheitenniveau von 29 Prozent,
- in den Vorständen der 200 größten Unternehmen in Deutschland beträgt der Frauenanteil nur knapp über 5 Prozent,
- in den Aufsichtsräten sind es knapp 19 Prozent,
- und Frauen bekommen für gleichwertige Arbeit nach wie vor 22 Prozent geringeren Lohn als Männer.
 
Diese Ungerechtigkeit ist weiterhin eine der größten Ungleichheitsphänomene in unserem Land, und bei vielen Frauen, vor allem bei Alleinerziehenden, führt sie direkt in die Armut.
Hier ist das Nichtteilen-Wollen vieler Männer ein existenzielles Problem für viele Frauen, und wir müssen weiterhin alles daran setzen, dass sich das möglichst bald ändert!
Und dafür braucht es vor allem die Solidarität unter den Frauen. Etwas, was es vermutlich zu Ihren Zeiten, Königin von Cilli, noch nicht gegeben hat.
Doch Frauen, die es heute schon auf einflussreiche Positionen geschafft haben, sie müssen andere Frauen fördern, und sie müssen auch die Belange der Frauen in anderen Lebenslagen stützen.
Denn die Männer, sie werden es nicht tun.
Und gerade die Solidarität unter Frauen hilft uns dann auch, stark und hartnäckig und geduldig und mutig selbstbewusst den eigenen Anspruch zu formulieren, und auch dann wieder aufzustehen, wenn die Angriffe mal zu heftig geworden oder auch Niederlagen zu verdauen sind.  
 
In der Politik erleben wir es glücklicherweise immer öfter, dass Frauen auch in höchsten Ämtern regieren.
Das erhöht nicht nur die Sichtbarkeit starker Frauen, sondern es ebnet anderen Frauen auch den Weg.
An die Kanzlerin hat sich inzwischen wohl jeder gewöhnt – abgesehen von ein paar Männern in München – und wir erleben es in diesem Jahr vielleicht noch, dass den Posten des wohl immer noch mächtigsten Staatschefs der Welt eine Frau übernimmt.
 
Alles andere würde Amerika wohl auch nicht groß, sondern winzig klein machen.
Ich hoffe in diesem Sinne, dass wir es auch in Deutschland endlich schaffen, nun an die Staatsspitze im kommenden Februar eine Frau als Nachfolgerin von Bundespräsident Gauck zu wählen.
Es wäre an der Zeit, und es hätte Königin Barbara von Cilli sehr gefallen.  
 
Liebe Frauen, herzlichen Dank für die Einladung!

Dieser Internetauftritt gehört zum Studienzentrum der EKD für Genderfragen in Kirche und Theologie (vorher: Frauenstudien- und -bildungszentrum in der EKD, FSBZ).
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