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Tischreden und Lesekost

Prof. Dr. Ursula Rudnick - Beauftragte für Kirche und Judentum

Tischrede von Prof. Dr. Ursula Rudnick, Beauftragte für Kirche und Judentum der Evangelisch-Lutherischen Landeskirche Hannovers beim 3. Oldenburger Frauenmahl am 28. Oktober 2016 im Lambertus-Saal der St. Lamberti-Kirche
 
Sehr geehrte Damen, liebe Schwestern und Freundinnen,
 
„… ich verlobe dich mir auf ewig, und ich verlobe dich mir durch Recht und Gerechtigkeit und mit Güte und Barmherzigkeit.“
 
Dieser Satz wird jeden Morgen beim Anlegen der Tefillin, der Gebetsriemen gesprochen. Sie werden am linken Arm und am Kopf befestigt. In den kleinen Lederkästchen steckt der biblische Text Höre Israel. Er erinnert daran, dass Gott einer und einzig ist. Beim Anlegen der Gebetsriemen wird dann dieser Satz aus dem Buch des Profeten Hosea 2,21 gesprochen. Es ist so, als würde der Bund mit Gott jeden Morgen neu geschlossen. Jeden Tag findet gleichsam eine Eheschließung zwischen Gott und dem Beter oder der Beterin statt.
 
Ims Buch des Profeten Hosea verheißt Gott der ganzen Schöpfung einen Bund. „Und ich will zur selben Zeit einen Bund schließen mit den Tieren auf dem Felde, mit den Vögeln unter dem Himmel und mit dem Gewürm des Erdbodens und will Bogen, Schwert und Rüstung im Lande zerbrechen und will sie sicher wohnen lassen.“ Es wird eine Versöhnung zwischen Mensch und Tier und es wird eine Versöhnung unter Menschen, denn es wird keine Kriegsgeräte mehr im Lande geben. Und dann kommt der Satz, den Sie bereits gehört haben: „Und ich verlobe dich mir auf ewig, und ich verlobe dich mir durch Recht und Gerechtigkeit und mit Güte und Barmherzigkeit.“ Bei Hosea ist dieser Satz auf die Zukunft bezogen und er wird von Gott gesprochen. Im morgendlichen Gebet wiederholen ihn die Betenden und jetzt er ist auf die Gegenwart bezogen. Mit den Worten Gottes bei Hosea und der Aussage der Betenden ergibt sich ein Dialog, eine wechselseitige Zusage zum Bund, der Recht und Gerechtigkeit, Güte und Barmherzigkeit beinhaltet.
 
„Gerechtigkeit“ ist ein vielschichtiger Begriff in der Philosophie, der jüdischen Tradition und auch der christlichen Theologie. Er gehört zum Kern reformatorischer Theologie und er spielt seit mehreren Jahrzehnten in der Ökumene eine wichtige Rolle. So wurde 1983 auf der Vollversammlung des Ökumenischen Rates der Kirchen der konziliare Prozess für „Gerechtigkeit, Frieden und Bewahrung der Schöpfung“ angestoßen. In vielen Ländern gab und gibt es Initiativen. Auch wenn viele der Aktiven inzwischen graue Haare haben, die Aufgaben und Anliegen sind wichtiger denn je.
 
Die Vorstellung von Gerechtigkeit, die hier zugrunde liegt, beruht darauf, dass Gerechtigkeit Lebenschancen für alle garantiert, unabhängig davon, wo jemand wohnt, welches Geschlecht sie oder er hat und welcher Herkunft ein Mensch ist. Jeder Mensch hat das Recht auf Nahrung, Bildung und auf die Möglichkeit, das Leben eigenverantwortlich zu gestalten.
 
Was charakterisiert die biblische Vorstellung von Gerechtigkeit, von Zedek und Zedaka? „Gerechtigkeit“ ist dann gegeben, wenn die Gesellschaft im Lot ist. Wenn der König mit Weisheit herrscht und Gottes Willen tut, wenn die Landbesitzer die Armen nicht ausbeuten, sondern die Witwen und Waisen unterstützen und wenn im Recht der Wille Gottes zum Ausdruck kommt. Auf heute übertragen würde ich sagen: Wenn es eine stabile Demokratie gibt, die Menschenrechte eingehalten werden, Bildungschancen für alle bestehen und die Armen der Gesellschaft in Würde leben können – dann herrscht Zedeka, dann ist Gerechtigkeit im biblischen Sinn verwirklicht. Negativ lässt sich formulieren: Dort wo es Streit, Konflikte und Unrecht gibt, ist die Zedaka, die Gerechtigkeit, gestört und muss wiederhergestellt werden. Zedaka ist gemeinschaftsgemäßes Verhalten. Sie ist zugleich der Zustand heilvollen Ergehens. Zedaka ereignet sich nicht einfach, erscheint nicht plötzlich aus dem Nichts, kommt nicht wie „ein Dieb in der Nacht“, sondern ist auch und vor allem Folge des Tuns und Lassens von Menschen.
 
Prophetische Kritik richtet sich gegen den Missbrauch von Recht und das Nicht-Einhalten von Zedaka.
Amos Kritik an das Haus Israel lautet: „… die ihr das Recht in Wermut verkehrt und die Gerechtigkeit, die Zedaka, zu Boden stoßt.“ (Am. 5,7)
 
Der biblische Maßstab von Gerechtigkeit ist sehr hoch und wird selten in einer Gesellschaft erreicht.
 
Daher ist immer wieder die künftige Zedaka im Blick. Auch der Bund, den Gott bei Hosea verspricht, ist ein zukünftiger, der die Versöhnung der ganzen Schöpfung im Blick hat. Gerechtigkeit ist ein künftiger heilvoller Zustand. Jedoch: Diese Vorstellung wird nicht auf den Sankt Nimmerleinstag verschoben.
Sondern: Gott und die Menschen können sich aktiv für Gerechtigkeit einsetzen.
 
Gerechtigkeit ist – nicht nur an dieser Stelle in der Bibel – verbunden mit Recht. Recht, im biblischen Sinn, spiegelt Gottes Willen. Denn das wissen wir: Verkehrt sich Recht in Unrecht, dann ist das Fundament der Gesellschaft gefährdet. Dies geschah im Nationalsozialismus: Recht wurde benutzt, um Unrecht durchzusetzen.
 
An der Verbindung von Gerechtigkeit und Recht wird die soziale Bedeutung der biblischen Vorstellung von Zedaka noch einmal deutlich. Sie zielt auf die Gesellschaft und ihr Fundament. Aber Zedaka ist nicht allein mit Recht, sondern auch mit „Güte und Barmherzigkeit“ verbunden. Ein anderer Übersetzer spricht von „Huld und Liebe“. Gerechtigkeit und Liebe sind einander also nicht entgegengesetzt, sondern gehören zusammen.
 
Und noch ein Aspekt ist mir wichtig. Bei der biblischen Vorstellung von Gerechtigkeit steht die Person, die Unrecht erleidet, im Mittelpunkt. Sie soll zu ihrem Recht kommen und zwar auf umfassende Weise.
Es geht um die Wiederherstellung eines „heilvollen Zustandes“, der durch das Unrecht gestört wurde.
Betroffen sind also nicht allein „Opfer“ und „Täter“, sondern die ganze Gesellschaft.
 
Noch einmal Hosea: „Und ich verlobe dich mir auf ewig, und ich verlobe dich mir durch Recht und Gerechtigkeit und mit Güte und Barmherzigkeit.“ Dieser Satz, von einem Beter oder einer Beterin gesprochen, enthält die Bereitschaft, sich jeden Tag neu für Recht und Gerechtigkeit in Liebe und Barmherzigkeit einzusetzen. Lassen wir uns hiervon anstecken!
 
Fragen:
 
In welchem Zusammenhang sehen Sie Recht und Gerechtigkeit in der Gegenwart? Wo gibt es
Gefährdungen?
Auf welche Weise ist der Bund Gottes für Sie mit Gerechtigkeit und Barmherzigkeit verbunden?
Wo erleben Sie, dass Menschen sich ganz konkret für Gerechtigkeit in ihrem Umfeld einsetzen?
 
Prof. Dr. Ursula Rudnick

Dieser Internetauftritt gehört zum Studienzentrum der EKD für Genderfragen in Kirche und Theologie (vorher: Frauenstudien- und -bildungszentrum in der EKD, FSBZ).
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