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Tischreden und Lesekost

Christine Scheel - Mitglied der Landessynode der ELKB, Vorstand Nachhaltigkeit der HEAG Südhessische Energie AG (HSE)

Tutzing, 5.7.2012


Frauen und Nachhaltigkeit


Der Ursprung des Nachhaltigkeitsgedankens stammt aus dem 18. Jahrhundert im Zusammenhang mit der Waldbewirtschaftung. Die Grundidee ist nach wie vor, von den Erträgen einer Substanz und nicht von der Substanz selbst zu leben, damit die Chancen kommender Generationen nicht beschnitten werden.

These:

Frauen haben eine höhere Sensibilität mit ihrer Umwelt umzugehen

Sie haben ein stärkeres Umweltbewusstsein und stehen Umwelt- und Gesundheitsrisiken kritischer gegenüber.

1.Beispiele aus meiner eigenen Wahrnehmung:

1986 Tschernobyl. Frauen haben sich bundesweit vernetzt und die Initiative „Mütter gegen Atomkraft“ gegründet.

Ansporn war die Sorge vor gesundheitlichen Schäden der Kinder und vor einer nicht beherrschbaren Technologie, die nicht zukunftsorientiert sein kann.

In dieser Zeit entstand ein breites Bündnis für den Einsatz regenerativer Energieträger und die Anti-AKW Bewegung hatte mit den Müttern starke Partnerinnen, die einen immensen Einfluss auf das politische Geschehen hatten.

Auch im Zusammenhang mit der Diskussion über Ressourcenverbrauch und einer nachhaltigeren Abfallpolitik waren es Frauen, die in den 80iger Jahren den Anstoß gegeben haben.

Das bessere Müllkonzept mit dem Schwerpunkt Vermeidung, Verwertung und ressourcenschonender Umgang mit Rohstoffen wurde maßgeblich von Frauen entwickelt. Besser vermeiden, als verbrennen war von Anfang an die Devise.

Ebenso das Bündnis für gentechnikfreie Regionen. Das Bewußtsein, dass Gentechnik in unseren Lebensmitteln nichts zu suchen hat und einen negativen Einfluss auf unsere Umwelt ausübt wurde sehr stark von Frauen geprägt.

Hier spielen die Landfrauen eine große Rolle, die sich seit Jahren für eine bessere soziale, wirtschaftliche und rechtliche Stellung der Frauen einsetzen und gleichzeitig ein entscheidender Faktor für die Zukunftssicherung des ländlichen Raumes sind. Sie sind Botschafterinnen guter und gesunder Ernährung und sichern mit viel Kreativität die Zukunft der Wirtschaftskraft in den ländlichen Regionen.


Diese 3 Beispiele zeigen, dass vor allem Frauen die Verantwortung für das Leben und die Gesundheit ihrer Kinder und Familienmitglieder übernehmen.

Sie haben ein ausgeprägtes Bewusstsein die Reproduktionsfähigkeit von Natur und Gesellschaft aufrechtzuerhalten.

Unumkehrbaren Gefährdungen stehen sie kritisch gegenüber. Daher ist es nicht verwunderlich, dass gerade die Themen Atomenergie, Gentechnik in Lebensmitteln und nachhaltiges, ressourcenschonendes Wirtschaften von Frauen forciert werden.

Auch das Thema „nachhaltiger Umgang mit Finanzen“ kann man durchaus geschlechterspezifisch betrachten.

Während sich vorwiegend männliche Zeitgenossen durch ihr ruinöses Verhalten beim Investmentbanking und als Hedgefondsmanager hervorgetan und alle Klischees von ungebremsten Leichtsinn, Verantwortungslosigkeit und einer stark ausgeprägten Kurzsichtigkeit im Blick auf die katastrophalen Folgen bedient haben, sind es die Frauen, die über die Nachhaltigkeit bei Geldanlagen sprechen und das Mikrokreditwesen voranbringen.

So zeigt sich selbst in der Finanzkrise, dass Frauen andere Prioritäten setzen und das schnelle und rücksichtslose Geldverdienen gepaart mit einem entfesselten Egoismus nicht ihr Ziel ist, sondern das Wohl ihrer Familie und der Gesellschaft.

So gilt das Treiben auf den Finanzmärkten zu Recht als maskuliner Exzess.

2. Welchen Beitrag kann Geschlechtergerechtigkeit zu einer nachhaltigen Entwicklung leisten:

Die Macht der Frauen kann dazu dienen, neuen Maßstäben Raum zu schaffen, die wir dringend brauchen.

Im Amsterdamer Vertrag, der 1999 von Deutschland übernommen wurde, wurde gender mainstreaming als Querschnittsaufgabe definiert.

So sollten alle Konzepte und Maßnahmen in den unterschiedlichsten Politikfeldern auf das Ziel Chancengerechtigkeit überprüft werden. Dies führte z.B. im Deutschen Bundestag dazu, dass in allen Ausschüssen Untersuchungen und Beobachtungen durchgeführt wurden, um dieses Ziel zu erreichen. Auch die Auswirkungen von Nachhaltigkeitskonzepten wurde endlich zum Thema gemacht.

Zwischenzeitlich wird das Thema nachhaltige Entwicklung insoweit diskutiert, dass Umweltgesichtspunkte gleichberechtigt mit sozialen und wirtschaftlichen Belangen gesehen werden. Der Dreiklang Ökologie, Ökonomie und Soziales ist in vielen Diskussionen und Prozessen vorhanden.

Dies führte u.a. auch zu einem Sondergutachten des Sachverständigenrates für Umweltfragen mit dem Titel „Wege zur 100 % erneuerbarer Stromversorgung“

(Drs. 17/4890 vom 18.02.2011)

Die besondere Eignung von Frauen für eine nachhaltige Entwicklung zeigt sich, indem an diesem Gutachten neben 3 Professorinnen (von 7 Mitgliedern des SVR) im wissenschaftlichen Stab von 18 Personen immerhin 11 weiblich sind.

Auch meine Tätigkeit im Vorstand eines Energieunternehmens war erstmals der Versuch das Thema Nachhaltigkeit als Vorstandsressort einzurichten. Die Bezeichnung war auch „ Vorstand Nachhaltigkeit“ mit zwei gleichberechtigten Vorstandskollegen, die andere Ressorts (Personal und Finanzen) verantwortet haben.

Dies war bundesweit auf reges Interesse gestoßen, da es bis dahin in keinem vergleichbaren Unternehmen in der gesamten Branche einen solchen Ansatz gab.

„Die Ausrichtung auf die Bedürfnisse der Kundinnen und Kunden, die Wertschätzung der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, sorgsames Wirtschaften bei gleichzeitig massiven Zukunftsinvestitionen in erneuerbare Energieträger und Effiziezmaßnahmen“, so habe ich die richtige Reihenfolge unternehmerischen Handeln beschrieben.

Ich bin davon überzeugt, dass die weibliche Haltung zu unserer Welt den Übergang vom industriellen Zeitalter in die Postwachstumsgesellschaft gut befördern kann.

Hierzu gehört die Weiterentwicklung unserer Wirtschaftsordnung mit einer stärkeren Berücksichtigung des Umweltschutzes, einem sorgsamen Umgang mit den Ressourcen und eines sozialen Ausgleiches in der Gesellschaft.

Die Idee, im Bundestag eine Kommission einzurichten, die sich mit der Wachstumsfrage und wie Wachstum für die Zukunft definiert werden soll, kam von grünen Frauen. Doch hierbei mussten wir leider wieder feststellen, wie wichtig die Quotierung von Gremien ist. Zu Beginn saß auf der wissenschaftlichen Seite keine einzige Frau, was von vielen zu Recht moniert wurde.

3. Politische Herausforderungen:

Die Ungleichheit zwischen den Geschlechtern im Zugang zu und der Verfügung über Ressourcen,wie

- Einkommen

- politische Partizipation

- Verteilung der Zeit mit bezahlter und unbezahlter Arbeit

Ist nach wie vor gegeben.

So wird bis heute weder im Nachhaltigkeitsbericht noch bei der Berechnung des Bruttoinlandproduktes ( BIP) 2/3 der gesamten Arbeit als wirtschaftliche Leistung anerkannt.

Dies muss sich ändern.


So wird der Gedanke „Wir haben die Erde von unseren Kindern nur geborgt“ in der Wirtschaftswelt noch viel zu wenig berücksichtigt. Jedes größere Unternehmen müsste verpflichtet werden, einen Nachhaltigkeitsbericht über seine gesamte Wertschöpfungskette zu erstellen.

Bisher werden, wenn es zu gesetzlichen Entscheidungen kommt, die ökologischen nicht immer mit den wirtschaftlichen und sozialen Belangen gleichgesetzt.

Dies sieht man gut bei der nachhaltigen Anlagestrategie von Finanzprodukten. Der vorgeschriebene Nachweis z.B. beim Abschluss eines Riestervertrages zur Altersvorsorge, ob die Anlagestrategie des Anbieters soziale, ethische und ökologische Kriterien berücksichtigt, war ein harter Kampf, den ich gegen Finanzbeamte des Ministeriums führen musste.“ Geht nicht, gibt es für mich nicht“, war mein Spruch und es ging doch.

Es werden auch in der staatlichen Ausgabenpolitik nicht immer die richtigen Schwerpunkte gesetzt. Dies zeigt die Diskussion zum Flughafenausbau, die nun die Bürger und Bürgerinnen gelöst haben. Mehr Investitionen in Kinderbetreuung und deren Infrastruktur sind das, was zukunftsfähig und nötig ist.

Wenn es mehr Frauen in der Politik gäbe, würden sich die Prioritäten verschieben zugunsten nachhaltiger Investitionen. Auch daher braucht es die Quote.

Diese Forderung gilt auch für die Aufsichtsräte und Vorstände größerer Unternehmen.

Auch der Kooperation mit nationalen- und internationalen Themen bezogenen Netzwerken, wie dem Frauen-Umwelt-Netzwerk und NGO´s, die an lokalen Erfahrungen mit Frauen anknüpfen, müsste mehr Raum eingeräumt werden.

Dieser Internetauftritt gehört zum Studienzentrum der EKD für Genderfragen in Kirche und Theologie (vorher: Frauenstudien- und -bildungszentrum in der EKD, FSBZ).
Besuchen Sie uns unter www.gender-ekd.de.

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