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Tischreden und Lesekost

Gabriele Scherle - Pröpstin Rhein-Main

Frankfurt, 14.04.2013


Eine Tisch-Rede

Was hat es zu bedeuten, wenn die Kirche zum Dessert zu Wort kommt?

Für viele hat Religion genau diese Bedeutung: das Leben abrunden. Transzendenzsicherung nennen das die Soziologen. Religion dient der Bearbeitung von Unsicherheit.
Sie soll das Diesseits sicherer machen.

Für religiöse Menschen ist das eine befremdliche Sicht. Denn Religion ist am Jenseits interessiert, an der Transzendenz, an einer göttlichen Macht, die alle diesseitigen Mächte übersteigt.

Dennoch gibt es ein Wahrheitsmoment an der Dessert-Religion. Die größte Herausforderung moderner Gesellschaften ist die grundlegende Erfahrung von Unsicherheit. Metaphysische Obdachlosigkeit hat das ein großer Philosoph genannt.

Unser opulentes Mahl heute Abend fühlt sich zwar ganz anders an: Frauen in verantwortlichen Positionen, ökonomisch abgesichert, in einem der reichsten Länder der Welt sitzen hier zusammen. Davon hätten unsere Vorfahren nicht einmal zu träumen gewagt. Und heute ist so etwas in vielen Ländern der Welt gar nicht möglich.

Und eben das macht diesen Abend so wertvoll.
Er ist in seiner weltgeschichtlichen Dimension etwas höchst Fragiles.
Etwas, das nicht gesichert ist, etwas das erkämpft wurde, aber doch wieder verloren gehen kann.

Wir müssen noch nicht einmal die Finanzkrise oder den Klimawandel bemühen, um zu spüren, wie dünn das Eis ist, auf dem wir leben. Wie gefährdet das ist, was wir Zivilisation nennen.

Auch alle unsere Anstrengungen sind von daher bestimmt. Die persönlichen Kämpfe um Anerkennung ebenso wie die Kämpfe derer, denen es an Anerkennung fehlt. Von denen, die noch nicht einmal das tägliche Brot zum Überleben haben ganz zu schweigen.

Sollte dann Religion wirklich das Dessert sein? ...

Nein, Religion geht es um etwas ganz anderes. Um in einem Bild der Bibel zu bleiben: 


Ich träume von einem Tisch, an dem alle Menschen fette Speisen und süße Weine vorfinden. Allen hat Gott dort einen Platz bereitet: kein Geschlecht, keine Ethnie, kein sozialer Stand ist ausgeschlossen. Alle Geschichten, die erzählt werden, finden Aufmerksamkeit. Die Tischreden werden kein Ende nehmen...

Keine Sorge, meine schon, denn sie ist eine Tischrede im Diesseits. Mein Glaube aber kommt ohne den Tisch im Jenseits nicht aus. Nur dort haben die exklusiven Mähler ein Ende, weil alle inkludiert werden. Nur dort werden alle satt.


Ich habe die Hoffnung, dass unser Tisch heute Abend eine Verlängerung im Jenseits hat. 


Es geht nicht um das Dessert, sondern um das ganze Mahl für alle Menschen. Gott will, dass alle sicher wohnen können unter ihren Weinstöcken und Feigenbäumen.

Dieser Glaube an ein himmlisches Mahl für und mit allen macht unsere irdischen Mähler zu Vorspeisen. Die Unsicherheit bleibt, aber sie schnürt uns nicht die Kehle zu.  Wir lassen es uns jetzt schon schmecken – auch das Dessert.

Vielen Dank!

Dieser Internetauftritt gehört zum Studienzentrum der EKD für Genderfragen in Kirche und Theologie (vorher: Frauenstudien- und -bildungszentrum in der EKD, FSBZ).
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