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Tischreden und Lesekost

Julia Schirrmacher - Universität Flensburg, Zentrum für nachhaltige Energiesysteme

Kiel, 30.10.2012


Sehr verehrte Damen,


vielen Dank für die Einladung, hier beim ersten Frauenmahl der Nordkirche eine Tischrede halten zu dürfen. Ich wurde gebeten, Genderaspekte in der Klimawissenschaft aufzugreifen.

Bereits heute ist deutlich, dass diejenigen, die am wenigsten zum Klimawandel beigetragen haben, die Hauptlast seiner Folgen tragen müssen. Das gilt in sozialer und wirtschaftlicher wie auch in geographischer und ökologischer Hinsicht. Je ärmer und schwächer die Menschen eines Landes sind, desto stärker sind sie von den Folgen des Klimawandels betroffen. Der Klimawandel drückt eine Nord-Süd-Ungerechtigkeit aus, die es zu überwinden gilt.

Klimagerechtes Handeln bedeutet, dass die „energieintensiven“ Länder des Nordens ihre Verantwortung für die Auswirkungen des Klimawandels erkennen. Gemeinsam mit den „energiearmen“ Ländern des Südens gilt es, Lösungswege zu finden, die zu einer Minderung der Folgen des Klimawandels führen. Es geht um das Leben aller Menschen in Würde und gerechter Teilhabe und um die Verantwortung für Gottes Schöpfung.

Von Diana Lagat haben wir bereits erfahren, wie der Klimawandel das Leben und die Ernährung in Kenia verändert. Im Folgenden möchte ich nun auf das andere Ende dieser Kausalkette eingehen und fragen: Wie beeinflussen wir in Deutschland den Klimawandel? Dabei stelle ich - passend zum heutigen Abend - unser Ernährungsverhalten in den Mittelpunkt und betrachte geschlechtsspezifische Unterschiede.

Ein Aspekt von klimagerechtem Handeln liegt im nachhaltigen Umgang mit Ressourcen. Dazu gehören auch unsere Nahrungsmittel. Die jährlichen Treibhausgasemissionen in Deutschland pro Kopf betragen rund 11 Tonnen CO2-Äquivalente. Bis zu einem Fünftel davon, also bis zu 2,2 Tonnen CO2-Äquivalente, ist auf unsere Ernährung zurückzuführen. Über die Hälfte davon geht auf die Landwirtschaft mit der Erzeugung von tierischen (44%) und pflanzlichen (8%) Lebensmitteln zurück.

Forscher der Universität Halle-Wittenberg haben unsere Ernährung auf Genderunterschiede untersucht und herausgefunden: Es gibt deutliche Unterschiede in der Ernährungsweise von Männern und Frauen. Unsere Ernährungsweise hat einen Einfluss auf die Treibhausgasemissionen und auf die Flächennutzung. Die Studie stellt folgende These auf: Frauen essen klimafreundlicher als Männer.


Wie lässt sich das begründen? Absolut gesehen konsumieren Männer mehr Nahrungsmittel als Frauen, da sie im Allgemeinen einen höheren Energiebedarf haben. In Relation betrachtet konsumieren sie 15 % mehr Nahrungsmittel pro Personenkilo pro Jahr als Frauen.

Im Konsum beider Geschlechter dominieren Fleisch- und Wurstprodukte. Doch auch hier bestehen Geschlechterunterschiede: bei Männern beträgt der Anteil dieser Produkte mehr als die Hälfte ihres Nahrungsmittelkonsums, bei Frauen nur knapp 40 %. Frauen konsumieren dagegen wesentlich mehr Obst- und Gemüse (37 %) als Männer (28 %).

Welche Auswirkung liegt darin für das Klima? Viehhaltung verursacht durch Entwaldung, Düngung und Wiederkäuung hohe CO2-, Methan-, und Lachgasemissionen. Ein ausgeprägter Fleischkonsum wirkt sich daher negativer auf das Klima aus: Bei Männern liegen die Treibhausgasemissionen aus der Ernährung um 44 % höher als bei Frauen (gemessen in CO2-Äquivalenten pro Person pro Jahr).

Auch die Nachhaltigkeit der Landnutzung wird durch einen vorwiegend aus tierischen Produkten bestehenden Ernährungsstil negativ beeinflusst. Fressen Tiere Gras und andere Pflanzen, die nicht zur direkten menschlichen Ernährung geeignet sind, erhöhen sie das Lebensmittelangebot und leisten einen wichtigen Beitrag zur landwirtschaftlichen Produktion. Sie liefern Dünger, tragen zur Bodenbearbeitung bei und stabilisieren die Ernährungssicherheit ihrer Besitzer. Das ist gut. Doch die meisten Masttiere fressen heute Mais, Soja, Weizen und anderes Getreide anstelle von Gras. Die dafür benötigten Ackerflächen gehen der direkten Lebensmittelproduktion verloren. Der ernährungsverursachte Flächenverbrauch von Männern in Deutschland liegt der Studie der Universität Halle-Wittenberg zufolge um 43 % höher als bei einem weiblichen Ernährungsstil.


Zusammenfassende lässt sich sagen: Frauen essen klimafreundlicher als Männer, weil sie weniger Fleisch und mehr Obst und Gemüse essen.

Was bedeutet das für den Klimaschutz? Würden sich alle deutschen Männer den typisch weiblichen Ernährungsstil aneignen, mit einem um die Hälfte reduzierten Fleisch- und Wurstkonsum und stattdessen einem höheren Anteil an Obst, Gemüse und Getreideprodukten, würden wir dadurch 15 Mio. Tonnen Treibhausgasemissionen im Jahr einsparen. Zudem würde dadurch eine Fläche von rund 15.000 km² frei werden. Das entspricht ungefähr der Fläche von Schleswig-Holstein. Der Deutschen Gesellschaft für Ernährung zufolge sollten auch aus gesundheitlichen Gründen pflanzliche Erzeugnisse gegenüber tierischen Produkten bevorzugt konsumiert werden.

Die Ernährung der Frauen kann also als Vorbild dienen: Mehr Frauen braucht das Klima!

Lassen Sie uns gemeinsam unsere Verantwortung im Sinne der Schöpfungsbewahrung erkennen! Wir stehen alle vor der Herausforderung, sensibel und flexibel für Veränderungen in den eigenen Ernährungsgewohnheiten zu sein. Ich wünsche mir, dass wir - Männer wie Frauen - bewusster mit unseren Nahrungsmitteln umgehen – vor dem Supermarktregal wie am gedeckten Tisch. Qualität sollte vor Quantität stehen. Eine klimabewusste Ernährung gibt uns Vielfalt und Wohlbefinden.

Ich wünsche mir auch, dass viele von uns durch das heutige ökofaire Frauenmahl schöne Anregungen für die alltägliche Ernährung mit nach Hause nehmen, und diese gemeinsam mit Familie oder Freunden ausprobieren. Vielleicht kommt dadurch auch der eine oder andere Mann auf den „klimafreundlichen Geschmack“. Und vielleicht wird es im nächsten Jahr sogar ein erstes ökofaires Männer- oder Familienmahl geben. Vielen Dank für Ihre Aufmerksamkeit.

Dieser Internetauftritt gehört zum Studienzentrum der EKD für Genderfragen in Kirche und Theologie (vorher: Frauenstudien- und -bildungszentrum in der EKD, FSBZ).
Besuchen Sie uns unter www.gender-ekd.de.

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