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Tischreden und Lesekost

Anette Schmidt - Bürgermeisterin Großrinderfeld

"AUF.RECHT - Frauen mit Standpunkten"
Tischrede anlässlich des Frauenmahls in Wertheim am 24.11.2017

Sehr geehrte Damen,

für mich selbst ist es etwas ganz normales Bürgermeisterin zu sein, ich sehe mich mit meinen Potenzialen und Fähigkeiten nicht anders als einen männlichen Kollegen, ich mache mir überhaupt keine Gedanken darüber, dass ich Frau Bürgermeisterin bin.

Dass es für viele nicht so normal ist, wird mir aber immer wieder in verschiedenen Gesprächen bewusst.

Es kommt nicht selten vor, dass ich als Ehefrau eines männlichen Kollegen angesehen werde oder dass, wenn ich mich als Bürgermeisterin vorstelle, meinem Gegenüber ein „Ah“ oder „Oh“ über die Lippen kommt.

Fragen Sie die Menschen in unserer heutigen Gesellschaft, kaum jemand würde sagen, er habe ein Problem mit Frauen in bestimmten Positionen, zum Beispiel mit einer Frau als Bürgermeisterin.

Und das ist wahrscheinlich auch das ehrlich empfundene Bewusstsein der meisten Menschen.

Aber dieses Empfinden, diese Meinung, ist bei den wenigsten Menschen tatsächlich verinnerlicht, übrigens auch bei vielen Frauen nicht.

Es gibt immer wieder Situationen, da spürt man oder muss es sogar ertragen, mit einer starken Frau, mit einer Frau in einer bestimmten Position, kann der Gegenüber nur schwierig umgehen, dies spüre ich auf allen Ebenen, z.B. als Vorgesetzte gegenüber Mitarbeitern, gegenüber Bürgern oder in verschiedenen Gesprächsrunden.

Personen in Führungspositionen sind immer starke Personen, sie müssen bestimmte Fähigkeiten, z.B. ein bestimmtes Auftreten und ein gewisses Maß an Selbstbewusstsein haben, Frauen wahrscheinlich eine größere Portion als Männer.

Als Mann ist es für die Gesellschaft normal stark zu sein, es wird erwartet, als Frau müssen sich viele Menschen erst noch daran gewöhnen und damit umgehen lernen bzw. dies als selbstverständlich hinnehmen und zwar eben nicht nur oberflächlich sondern auch im Unterbewusstsein.

Da wir Frauen immer noch deutlich in der Minderheit in Führungskreisen sind – ich bin die einzige Frau von 18 Bürgermeistern im Main-.Tauber-Kreis – fallen wir Frauen in diesen Runden allein schon optisch auf. Übrigens, zu meinen männlichen Kollegen im Kreis habe ich ein super Verhältnis, sie haben mich toll in ihrem Kreis aufgenommen.

Ich bin auf alle Fälle gerne Bürgermeisterin, mir macht der job großen Spaß. Schon während meines Studiums habe ich mit diesem Gedanken geliebäugelt.

Aber mir war auch immer klar, ich möchte Familie und Kinder.

Von Beginn an meiner beruflichen Laufbahn war ich vielfältig aktiv, engagiert in vielen Bereichen, habe neben meinem Beruf immer mehrere Ehrenämter bekleidet. Für meine drei Kinder habe ich nach den Elternzeiten in Teilzeit 60 bis 80% gearbeitet. Und trotzdem habe ich immer versucht, die Zeit für die Kinder nicht zu kürzen, vielmehr habe ich die Hausarbeit anders organisiert und habe meine Hobbys und private Termine hinten angestellt, was mir nie schwer gefallen ist.

Zeit für unsere Kinder sollten wir haben bzw. uns nehmen und den Kindern schenken. Kinder sind etwas Wunderbares und sie brauchen unsere Zeit und Aufmerksamkeit. Für Kinder ist die Mama nun mal die Mama und kann nicht immer vom Papa ersetzt werden, diese biologische Tatsache wird die Emanzipation nicht ändern. Wir Frauen sind biologisch und emotional anders als Männer, wir bekommen nun mal die Kinder, übrigens etwas Wundervolles, etwas was ich nie an meinen Mann abgeben hätte wollen.

Diese besondere Rolle ist und bleibt wahrscheinlich immer die große Herausforderung für uns Frauen. Wie bringen wir Familie und Beruf unter einen Hut, und zwar nicht nur einen Beruf, sondern vielleicht auch noch eine Führungsposition.

Für mich war es eine große Motivation genau diese Herausforderung anzunehmen und allen Diskussionen zum Trotz, dass das machbar ist, dass man seiner Mutterrolle organisatorisch und emotional gerecht werden kann und gleichzeitig einen anspruchsvollen Beruf ausüben kann.

Mein Motto war immer: Alles eine Frage der Organisation.

Sicherlich gibt es dabei immer wieder schwierige Situationen, … vielleicht war man die halbe Nacht wach, weil die lieben Kleinen Zähne bekommen, und im Job wird man morgens wieder gefordert, oder man wacht morgens auf und das Kind hat Fieber, … aber man hat einen anspruchsvollen Arbeitstag vor sich.

Irgendwie wollte ich mir und auch anderen Frauen zeigen, dass es geht, dass eine Frau die sich für Kinder entscheidet nicht beruflich in einem 450 Euro-Job als Hilfskraft enden muss.

Irgendwie Vorbild sein für Frauen, ihnen Mut machen, vormachen, dass es geht. Natürlich gehört dazu viel Disziplin.

Allerding muss ich einräumen, drei Kinder und ein 80 Job ist schon genug Herausforderung, die Bügermeistertätigkeit habe ich mir für jetzt aufgehoben, jetzt mit ca. 50 Jahren und Kindern, die, wie man so schön sagt, aus dem gröbsten raus sind.

Meinen jetzigen Job hätte ich mit kleinen Kindern nicht machen wollen, dafür ist er viel zu zeitintensiv mit vielen Abend- und Wochenendterminen – auch nicht, wenn mein Mann zuhause geblieben wäre, dafür bin ich viel zu gerne Mutter. Aber das muss jeder für sich entscheiden.

Für mich gibt es drei Herausforderungen an die Gesellschaft, die für die Frauen wichtig sind:

1.) Die Gesellschaft muss die berufstätige Mutter als selbstverständlich ansehen.
     Eine  berufstätige Mutter, auch mit einem Vollzeitjob, ist keine Rabenmutter. Eine
     Mutter, die zuhause bleibt und ihren Job zumindest vorübergehen an den Nagel
     hängt, ist genauso anzuerkennen. Die Entscheidung über ihre Berufstätigkeit muss
     jede Frau, jede Familie für sich individuell entscheiden und so wie sie es entscheidet,
     ist es für die die richtige Entscheidung, die Gesellschaft darf hier nicht urteilen.

2.) Die notwendige Infrastruktur für eine flexible Kinderbetreuung muss ausgebaut
     werden.

     Dies ist übrigens eine Aufgabe der Gemeinden, für die auch ich als Bürgermeisterin in
     meiner Gemeinde zuständig bin. Gute Kinderbetreuung mit vielfältigen Möglichkeiten
     sowohl beim Angebot, als auch bei den Zeiten oder bei der Flexibilität, usw. sind ein
     wichtiger Faktor dafür, dass die Familie, insbesondere die Frau, ihre Berufstätigkeit
     entspannter und mit einem besseren Gefühl ausüben kann.

3.) Die Arbeitgeber müssen umdenken. Wir brauchen mehr Teilzeitstellen, die auf
     Führungstätigkeiten vorbereiten, also auch di Zwischenebenen müssen in Teilzeit
     flexibel besetzt werden. Teilzeit darf nicht so ausgrenzen, dass die Frauen bei einer
     Positionsvergabe einige Jahre später hinten runter fallen. Und, einige
     Führungspositionen sind auch in Teilzeit möglich.
     Mit noch kleinen Kindern, hatte ich das Glück, eine Stelle als Geschäftsstellenleiterin
     und Kämmerin einer bayerischen Kommune in 80% Teilzeit zu bekommen. Dem
     damaligen Bürgermeister, übrigens ein Mann, bin ich heute noch dankbar, das war der
     Nährboden für meine jetzige Tätigkeit.

     Übrigens waren damals viele Mitarbeiter im Rathaus sehr skeptisch: Dass ich als
     Verwaltungsleiterin an drei Nachmittagen in der Woche nicht im Haus bin, konnte sich
     keiner vorstellen.

Einen wesentlichen Unterschied dieser grundsätzlichen Punkte in der Stadt oder auf dem Land sehe ich eigentlich nicht.

Und zu der Frage wie viel Visionen ich umsetzten kann:
Ja, der Beruf ist deshalb so interessant, weil man eben eine Gemeinde so vielfältig mitgestalten kann, Zukunft planen kann, ja, auch Visionen haben darf und muss. Dass es bei der Umsetzung Frauen schwerer haben als Männer, glaube ich nicht. Bei der Umsetzung sind es häufig die Finanzen, die die Grenzen aufweisen.

Wir Frauen müssen mitreden, das wird mir immer ganz besonders deutlich, wenn Männer über Kinderbetreuung reden und entscheiden und das im Zusammenhang mit der Vereinbarkeit von Kindern und beruf, von den Bedürfnissen der Frauen und Mütter.

Männer, und zwar Männer, die beruflich voll eingebunden sind, die sich kaum an der eigenen Familienorganisation beteiligen, wissen dabei immer ganz genau, was das Richtige ist, was Frauen brauchen, welche Meinung Frauen dazu haben oder was sie erwarten. Sie können mir glauben, da stehen mir manchmal die Haare zu Berge.

Ich möchte allen Frauen sagen, wir Frauen müssen unseren eigenen Weg in unserer eigenen Art gehen, wir müssen selbst aktiv werden, wir entscheiden für uns was wir wollen, wie unser Weg aussieht, wir hüpfen locker und leicht über die Stolperstein die im Weg liegen, und wir haben Freude dabei. Wir haben das Selbstbewusstsein, unser Weg ist der richtige, wir haben auch das Selbstbewusstsein den Weg jederzeit zu ändern oder nach dem Weg zu fragen. Wir haben das Selbstbewusstsein, ohne uns Frauen geht es nicht, das war übrigens auch schon im Paradies so.

Herzlichen Dank!

Dieser Internetauftritt gehört zum Evangelischen Zentrum Frauen und Männer gGmbH, Fachbereich Evangelische Frauen in Deutschland.
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