zum Inhalt

Tischreden und Lesekost

Bernadette Schoog - Moderatorin, Kommunikationswissenschaftlerin, Dozentin für Rhetorik, Speyer

Tischrede für das Frauenmahl in Böblingen am 2. November 2014


„Macht Talken klug?“


Gute Frage, denn genauso wie eine Talkshow einen Zuschauer/eine Zuschauerin ratlos, verärgert oder dumpf zurück lassen kann, ist sie in der Lage, Anregung zu geben, aufzurütteln, zu hinterfragen und zu reflektieren.


Frommer Wunsch, werden Sie sagen – und ich muss konstatieren: Sie haben recht!

Sie haben zumindest in großen Teilen recht, denn der Gehalt, das Gelingen, die positive Conclusio eines Talks hängt ganz wesentlich davon ab, wer sie führt und welche Gäste sich um den Moderator/die Moderatorin scharen – und: wie aufrichtig sie sind.


Schauen Sie sich unsere Talk-Landschaft im Fernsehen einmal etwas genauer an: Und ich bin jetzt schon sehr anspruchsvoll, denn ich möchte Ihren Fokus einzig auf die öffentlich-rechtlichen Sender ARD und ZDF lenken.  


Die Themen bei Günter Jauch am Sonntagabend sind in der Regel gesellschaftlich und politisch relevant, Frank Plasberg legt dann am Montag in ähnlicher Art und Weise nach, Sandra Maischberger deckt die sogenannte „menschliche Seite“ ab, Anne Will versucht sich im Polittalk á la Jauch, den sie ja vorher selber an dieser Stelle geleitet hat, Reinhold Beckmann hat ausgedient und im ZDF sehen wir Maybritt Illner mit der gleichen Ambition wie Anne Will und Markus Lanz mit einem nahezu täglichen Talk, wo sich die Gäste naturgemäß wiederholen.  


Was bleibt Ihnen davon hängen?

Ich bin sicher – wenig, sehr wenig.


Woran liegt das nun? Es ist – und da spreche ich aus meinen Fernsehzeiten in der ARD und im SWR  aus eigener Erfahrung- das ermüdende Spiel der Absprache, der Neuigkeit, des Besonderen, des Glamours, des vermeintlich Provokativen, was viele Talkshows prägt. Gäste kommen, wenn sie etwas „zu verkaufen“ haben“, sei es Buch, Film, CD oder Idee – und Moderatoren/innen müssen einigermaßen aktuell sein, Dinge, die im Gespräch der Menschen sind aufgreifen, im besten Falle Themen setzen, Quote machen und Aufmerksamkeit generieren.


All das gelingt mit einer gewissen Klientel von Gästen nur in genauer Absprache, was der oder diejenige bereit ist von sich zu geben. Entsprechend werden Fragen formuliert – und der Nutzwert für den Zuschauer geht sehr oft dabei gegen null.


Wo aber sind die Menschen, die sich trauen, dann auch mal anders zu fragen? Ein wirkliches Gespräch in Gang zu setzen, eine Diskussion anzuregen, bei der nicht Platituden und Altbekanntes im vorgestanzten Zeitlimit abgespult wird? Menschen einzuladen, die nicht im Mainstream schwimmen und von allen mehrfach schon gesehen und erlebt worden sind?


Das geschieht höchst selten – und nur dann sind die wenigen Augenblicke echter Erkenntnis gegeben, eines Mehrwertes für den Zuschauer.

Es gibt nur geringe Ausweichmöglichkeiten, um nicht im allgemeinen Gelaber und in Worthülsen und Sprechblasen unterzugehen: Authentizität bei Frager und Befragtem.


Ich weiß es z.B. von meinem Freund Roger Willemsen, der für meine Begriffe genau das versucht hat – er ist beim ZDF damit letztlich gescheitert, weil denen die Gäste nicht populär genug waren, die Quote nicht hoch genug, die Themen zu „schwer“.


Für mich war dieser Frust auf andere Art und Weise auch spürbar, und ich habe daraus die Konsequenz gezogen und meine eigene, nicht zu sendende Gesprächsreihe in Tübingen zu entwickeln, „Schoog im Dialog“. Da gelingt es auch nicht immer, Mehrwert zu erzeugen, aber ich bin der festen Überzeugung, dass man dort zumindest die Menschen Gedanken entwickeln und aussprechen lassen kann.


So war zum Beispiel Heiner Geißler ein Gast, der sich hinterher bedankt hat, einmal in Ruhe seine Ideen zu Religion, Christentum und menschlichem Miteinander darlegen zu dürfen, ins GESPRÄCH zu kommen. Von Gästen wie Wolfgang Niedecken, der nach seinem Schlaganfall bei mir zu Gast war oder auch Prof. Hans Küng, der den Auftritt bei mir als seinen letzten öffentlichen Auftritt bezeichnet hat und froh war, dass er sich dort noch einmal zu ihm wichtigen Dingen äußern durfte, habe ich ähnliches vernommen.


Und bevor Sie jetzt denken,  ich verfalle hier in reines Selbstlob für meine Reihe – dann hoffe ich, dass Sie erkennen und sehen, dass es mir darum geht, Menschen GERECHT zu werden.


Sie zu animieren, nachzudenken, sich die Zeit dafür zu nehmen. Nicht sich auf dem Marktplatz der Eitelkeiten darzustellen, wie ich es neulich in einer Talkshow im WDR gesehen habe, wo sich ein Autorinnenduo sogenannter „Frauenromane“, die an Kitsch und Klischeeschrottplätzen nicht zu überbieten sind, in die Runde gesetzt hat, um darüber zu reden, dass eine der beiden vier Fehlgeburten hatte und sie jetzt aber doch noch zu einem Kind gekommen ist. Ein schreckliches Schicksal, aber muss das in eine Talkshow? Wenn ich das dann im Zusammenhang sehe mit dem Einblenden des neuesten Buchtitels, der mitnichten zur Reflektion anregt, dann muss ich angewidert konstatieren, wie viele Geschichten nur um des „Verkaufens“ willen auf dem Marktplatz ausgekippt werden, Mittel zum Zweck sind, Mitleid, Mitgefühl, um mehr zu verkaufen. 


Mein Appell an Sie als Zuschauerinnen ist: hören Sie zu, filtern Sie raus, wischen Sie alles Überflüssige, Verlogene, Standardisierte, Abgepackte und Abgeschmackte aus Ihrer Wahrnehmung und merken Sie auf, wenn Sie Authentizität spüren, beim Moderator/der Moderatorin wie bei den Gästen.


Dann, nur dann kann Talken klug machen, weil Sie Ehrlichkeit erlebt haben. Vielen Dank!


Dieser Internetauftritt gehört zum Studienzentrum der EKD für Genderfragen in Kirche und Theologie (vorher: Frauenstudien- und -bildungszentrum in der EKD, FSBZ).
Besuchen Sie uns unter www.gender-ekd.de.

www.frauenmahl.de benutzt Piwik, eine Open-Source-Software zur statistischen Auswertung der Besucherzugriffe. Mehr dazu.