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Tischreden und Lesekost

Manuela Schwesig - Stellvertretende Parteivorsitzende der SPD und Ministerin für Arbeit, Gleichstellung und Soziales in Mecklenburg-Vorpommern

Hamburg, 02.05.2013


Meine sehr verehrten Damen,

liebe Frauen,


Sie kennen den Satz – eine gute Rede darf über alles gehen – aber nicht über 15 Minuten. Bei einer Tischrede gilt diese zeitliche Vorgabe noch in verschärftem Maß – schließlich sitzen alle in freudiger - vielleicht sogar hungriger - Erwartung eines guten Essens.


Sieben Minuten habe ich Zeit, um meine Gedanken zu zwei Losungen vorzutragen. Das ist eine zeitliche und inhaltliche Herausforderung. Ich nehme sie gerne an, allerdings nicht ohne mich erst einmal ganz herzlich für die Einladung zu diesem Frauenmahl zu bedanken. Ich freue mich auf diesen Abend – auf die kulinarischen Köstlichkeiten und vor allem auf die geistige Nahrung, die wir gemeinsam zu uns nehmen dürfen.


Meine Damen und Herren,

 „So viel du brauchst“ – eigentlich geht es bei dieser Bibelstelle nur vordergründig um das Wunder des Mannas vom Himmel, der Wachteln auf dem Boden. Die Botschaft lautet für mich vielmehr: Wir dürfen auf Gott vertrauen, keiner wird zu kurz kommen. Es geht um Gleichheit, um Verteilungsgerechtigkeit und um den Respekt für die Gebote Gottes. Wer aber voll Gier ist und Güter hortet, wer also nicht nach den Geboten Gottes handelt, hat dagegen keinen Vorteil (es ist nichts da, die Vorräte verderben).


Es ist erstaunlich, wie aktuell diese Bibelstelle gerade heute ist. Liest man die Schlagzeilen der aktuellen Zeitungen, möchte man fast meinen, die EKD konnte in die Zukunft blicken, als sie diese Losung für den Kirchentag ausgewählt hat. Sie zeichnet den Gegenentwurf zum Haben-Wollen, gegen die Angst zu kurz zu kommen und gegen die Konsumgier in einer Konkurrenzgesellschaft, in der viele nur an sich denken. Da fallen mir diejenigen ein, die sich aus der Solidarität verabschieden, indem sie ihren unermesslichen Reichtum zur Seite schaffen. Da fallen mir riskante Spekulationen von waghalsigen Bänkern ein. Und da fällt mir der Chef ein, der seinen Mitarbeitern für schwere Arbeit nur einen Hungerlohn zahlt, von dem sie weder sich selbst, geschweige denn ihre Familie ernähren können. Dumpinglöhne, um den eigenen Profit zu maximieren.  Ein derartiger Wettbewerb ist vielleicht ein Wirtschafts-, sicher aber kein Sozialmodell! – auch das kann eine Lehre aus der Bibelstelle des 2. Buchs Mose sein.


Meine Damen und Herren,

die Schere zwischen Arm und Reich geht in unserer Gesellschaft immer weiter auseinander. Materielle Armut ist auch in unserem so reichen Deutschland leider für immer mehr Menschen eine alltägliche Erfahrung. Überproportional betroffen sind Frauen. Sie stellen den Großteil derjenigen, die in Minijobs wenig Geld verdienen. Viele alleinerziehende Frauen können nicht arbeiten, weil sie in ihrem Dorf keinen geeigneten Kitaplatz für ihr Kind finden. Hinzu kommt die schlechte Bezahlung für so wichtige Berufe wie die Pflege von alten Menschen. Auch diese Ungerechtigkeit trifft vor allem Frauen, denn sie sind es überwiegend, die sich beruflich um ihre Nächsten kümmern, ob als Krankenschwestern, Pflegefachkräfte oder Erzieherinnen. Diese wichtigen Kümmerer-Berufe verdienen mehr Anerkennung – gesellschaftlich ja, aber auch finanziell. Hier stehen wir in der Verantwortung – Staat und Kirche gemeinsam.


Politisch gibt es also viel zu tun, damit das Versprechen „Soviel Du brauchst“ für alle Realität wird. Ein flächendeckender gesetzlicher Mindestlohn, gesetzliche Regelungen für Lohngerechtigkeit zwischen Frauen und Männern, mehr Geld für Kitas und Schulen – all das brauchen wir. Und da wir uns politisch in diesem Jahr im Wahlkampfmodus befinden, möchte man fast sagen: Jetzt_____ist die Zeit!


Doch mit dieser Pointe würde ich es mir ein bisschen zu leicht machen.  Denn sie lässt den langen Unterstrich außer Acht, der sich in dem Jahresthema des Frauenwerks der Nordkirche findet. Er steht da wie eine Pause, fordert ein Innehalten. Und für mich macht gerade diese Leerstelle den Kern des Satzes aus.   Befragt man heute Familien, was ihnen fehlt, dann sagen viele von ihnen: Zeit.  Zwischen Alltag, Beruf und Hausarbeit bleibt nur noch wenig davon. Wir werden zunehmend zu Getriebenen, die jede Pause, jede Leerstelle füllen: zum Beispiel mit dem Smartphone in der Hand, unsere Augen auf einen 10 Quadratzentimeter großen Bildschirm fixiert. Immer bereit, eine Email zu beantworten. Wer kennt diese Situation nicht: Wir sitzen mit der Familie beim Abendessen und das Handy klingelt. Aufstehen oder klingeln lassen? Ich sage: Ausmachen. Menschen brauchen diese Zeit füreinander- für gemeinsame Aktivitäten und Gespräche. Zeit zum Ausruhen und Nachdenken.


 „JETZT________ ist die Zeit!“ Auch für einen Bewusstseinswandel in uns und in der Arbeitswelt. Weg von der ständigen Erreichbarkeit, von der Präsenzkultur in den Unternehmen, die besagt: Wer zuletzt das Licht ausmacht, ist der beste Arbeitnehmer. Denn diese Arbeitskultur benachteiligt nicht nur Frauen, sie raubt auch den Männern die Möglichkeit, aktive und präsente Väter und Partner zu sein. Hier muss Politik helfen, den Wandel zu gestalten: mit flexiblen Arbeitszeitmodellen oder auch mit Möglichkeiten dafür, dass sich Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer Auszeiten nehmen können, für die Kinder aber auch, damit Zeit bleibt für die pflegebedürftige Mutter.


Ist es nicht erstaunlich, wie viel politische Aufforderung in solch einem Gedankenstrich liegen kann.


Doch: Jetzt________ist die Zeit! …diese kurze Tischrede zu beenden. Der Tisch ist reichlich gedeckt – „so viel wir brauchen“. Ich wünsche allen einen guten Appetit und eine gesegnete Mahlzeit.


Dieser Internetauftritt gehört zum Studienzentrum der EKD für Genderfragen in Kirche und Theologie (vorher: Frauenstudien- und -bildungszentrum in der EKD, FSBZ).
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