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Tischreden und Lesekost

Aleida Siller - Beauftragte des Reformierten Bundes für den Heidelberger Katechismus

Heidelberg, 27. Oktober 2013


Der Heidelberger Katechismus – Impulse für ein gutes Leben


Sehr geehrte Teilnehmerinnen am Heidelberger Frauenmahl!

„Schön, dass einem das alles einmal so richtig erklärt wird!“ So sagte kürzlich eine junge Frau, die den Heidelberger Katechismus für eine Lesung vorbereitete. Sie hatte vorher nie von diesem Katechismus gehört, las ihn zum ersten Mal.

Ich war überrascht. Hatte ich doch angenommen, dieser Text würde auf eine junge, moderne Frau ohne kirchliche Sozialisation inhaltlich befremdlich und veraltet wirken. Ich hatte mich geirrt. Die Aussagen des Katechismus empfand sie als informativ und weiterführend.

Das geht nicht allen so, die diesen Katechismus aus der Mitte des 16. Jahrhunderts aufschlagen. Manch’ eine schlägt das Buch entrüstet wieder zu. Je nach dem, welche von den insgesamt 129 Fragen und Antworten gerade jemand erwischt, ist die Reaktion unterschiedlich. Es ist deshalb ratsam, den Katechismus ganz zu lesen.

Er ist nämlich eine Komposition, wie eine Oper oder ein Oratorium etwa, die man auch ganz hören muss, um sie zu verstehen. Dabei kann es sein, dass manches Stück daraus schöner klingt und lieber gehört wird als ein anderes. Aber auch die nicht so beliebten Passagen haben im Zusammenhang des Ganzen einen nachvollziehbaren Sinn. So ist es auch mit dem Heidelberger Katechismus: Seine 129 Fragen und Antworten werden unterschiedlich gern gehört und geschätzt.

Aber noch einmal zurück zu der jungen Frau, die den Katechismus so informativ fand. Hat sie durch ihn für die heutige Zeit relevante Antworten bekommen? Oder ist ihr nur die Theologie des 16. Jahrhunderts vermittelt worden?

Der Katechismus ist ja, wie könnte es auch anders sein, ein Kind seiner Zeit, geprägt von den Erkenntnissen, aber auch von den Problemen vor 450 Jahren.

Seine Themen sind jedoch die, die auch heute Inhalt einer christlichen Bildung sein müssen: die Bedeutung Jesu Christi, Gott und die Schöpfung, der Heilige Geist, der Nutzen der Lehre von der Auferstehung, wer zur Gemeinde Gottes gehört, Bedeutung von Taufe und Abendmahl, Sinn und Inhalt der Gebote und des Gebetes.

All’ dies steht im Katechismus in einem nachvollziehbaren theologischen und pädagogischen Zusammenhang.

Christlicher Glaube braucht Lehre

Mit dem Heidelberger Katechismus sollten alle Schichten und alle Altersgruppen der kurpfälzischen Bevölkerung nach den neusten reformatorischen Erkenntnissen unterrichtet werden. Ein Unterrichtsbuch ist er also, wie sein ursprünglicher Titel auch verlauten lässt: „Catechismus oder christlicher Unterricht, wie der in Kirchen und Schulen der kurfürstlichen Pfalz getrieben wird“. Mit ihm sollte die Bevölkerung zu mündigen und verantwortlich lebenden Menschen gemacht werden. Dafür war Aufklärung und Bildung nötig, Aufklärung zum Beispiel hinsichtlich des

 

Aberglaubens. Dieser war weit verbreitet und stand einem guten, vernünftigen Leben im Wege.

Der Katechismus sollte das Selbstbewusstsein der Menschen stärken, ihnen unnötige Angst nehmen. Und so ist das kleine nur oktavheft große Buch keine Sammlung dogmatischer Lehrsätze, wie manche vermuten, sondern ein knapp formulierter, gut strukturierter Leitfaden über die „Basics“ christlicher Erkenntnis in reformatorischer Sicht.

Er ist ein anspruchsvolles, zielorientiertes Unterrichtsbuch und wer es liest, merkt schnell, dass den kurfürstlichen Untertanen damals – und vielen Generationen danach auch – einiges an Lernstoff zugemutet oder besser: zugetraut wurde. Ihnen wurde zugetraut, Neues zu lernen, sich mit theologischen Fragen zu beschäftigen, urteils- und sprachfähig und handlungsbewusst zu werden und so am Prozess der Veränderung der Gesellschaft beteiligt zu sein.

Übrigens haben Katechismen nicht zufällig die allgemeine Volksbildung befördert und dazu beigetragen, dass Zugang zur Bildung kein Privileg bestimmter Stände oder nur etwa der Männer blieb.

Der Heidelberger Katechismus ist ein gutes Beispiel dafür, dass christliche Bildung kein Mittel der Volksverdummung ist, sondern ein Beitrag zu Aufklärung und Emanzipation.

Und so sehe ich im gegenwärtigen Interesse am Heidelberger Katechismus die Chance für ein neues Bewusstsein für die alte Erkenntnis: Glaube braucht Lehre.

Christlicher Glaube erschöpft sich nicht in spirituellen Erfahrungen und Gefühlen. Und christlicher Glaube darf sich auch nicht erschöpfen in banalen Sätzen von einem lieben Gott. Dieser Glaube braucht Lehre, braucht Kenntnisse biblischer Geschichten und Texte, braucht Herz und Verstand. Ohne einen attraktiven, freundlichen, aber anspruchsvollen Unterricht ist dieser Glaube nicht denkbar, sind seine Grundlagen auch nicht weitergebbar an die nächste Generation.

Dieser Unterricht muss natürlich nicht mit einem Katechismus aus dem 16. Jahrhundert gestaltet werden. Ein Teil dieser Aussagen ist heute überholt. Außerdem haben sich Unterrichtsumstände geändert. Wir wissen das. Trotzdem: der Heidelberger Katechismus hilft, einiges knapp und gut auf den Punkt zu bringen.

Auch im Konfirmandenunterricht. Die Auswahl einiger Fragen und Antworten im Laufe der Unterrichtszeit halte ich für durchaus nützlich. Nicht zuletzt wird dadurch auch die Verbindung zur Geschichte des Glaubens hergestellt. Wir leben immer auch von dem, was vor uns gedacht und gelehrt wurde.

Und unsere nächste Generation? Kinder, Enkelkinder, Patenkinder, was sollen sie vom Glauben wissen und erfahren, woran sollen sie sich halten können, wie auch immer die Zeiten werden? Es lohnt sich, diese Fragen zu stellen und hier anspruchsvoll zu sein. Anspruchsvoll darin, Wichtiges von Unwichtigem zu unterscheiden.

Eine noch geeignetere Zielgruppe für den Katechismus sind die Erwachsenen. Allein mit den Fragen, ganz ohne die Antworten, können, so meine Erfahrung jedenfalls, anregende Gespräche angestoßen und Inhalte des christlichen Glaubens zum Thema gemacht werden. Das tut den Erwachsenen gut, wie das Beispiel von der jungen Frau zeigt, und der Wunsch danach ist größer als manchmal gedacht wird.

 

Nicht einmal in den Leitungsgremien so mancher Gemeinde gibt es eine solide Kenntnis. Dabei ist die mündige Gemeinde ein Ziel der Reformation gewesen. Es reicht nicht, den PastorInnen oder BischöfInnen die Urteils- und Sprachfähigkeit in theologischen und gesellschaftlichen Fragen zu überlassen. Ein kritisches Mitdenken, auch manchmal ein Gegenreden, ist richtig.

Nach dem Heidelberger Katechismus ist übrigens auch der Gottesdienst ein Ort des Lernens (HK 103). Mein Eindruck ist, dass diese Aufgabe gelegentlich sehr anspruchslos wahrgenommen wird.

Am Anfang keine Forderung

Der Heidelberger Katechismus beginnt nicht mit Forderungen! Er fängt nicht mit der Aufzählung der Zehn Gebote an, wie das der Kleine Katechismus Martin Luthers tut, um daran zu merken, dass man sie nicht hält. Die Zehn Gebote kommen im Heidelberger zwar auch sehr ausführlich vor, aber unter dem Aspekt der Weisung für ein Leben aus Dankbarkeit für geschenkten Freiraum.

Der Heidelberger Katechismus beginnt auch nicht mit der Frage, warum ich ein Christ bin, wie das der Katechismus von Johannes Brenz tut. Diese Frage stellt der Heidelberger so gar nicht. Er fragt theologisch viel sachgemäßer: „Warum wirst du ein Christ genannt?“(HK 32) Man achte auf den Passiv!

Auch beginnt er nicht mit der Frage, was der Sinn des Lebens sei, nämlich Gott zu erkennen, wie das der Genfer Katechismus von Johannes Calvin sagt. Der Heidelberger sieht zwar die Bestimmung des Menschen auch darin, Gott recht zu erkennen, ihn zu lieben und zu ehren, aber er stellt das nicht an den Anfang.

Der Heidelberger Katechismus beginnt stattdessen mit einer grundlegenden Ansage:

Du gehörst dazu, gehörst schon zur „Gottesgemeinschaft“, „im Leben und im Sterben“ (HK 1).

Nichts, das dafür erst erfüllt werden müsste; ich muss nicht erst das richtige wissen, glauben oder tun. Das Wort „glauben“ kommt hier nicht einmal vor.

Natürlich werden der Glaube und das richtige Handeln, auch die Erkenntnis, mit dem eigenen Tun Gott und dem anderen Menschen nicht gerecht zu werden, noch zum Thema gemacht. Aber erst nachdem die Grundlage dafür gelegt ist, von der aus ein Mensch sich diesen Themen überhaupt zuwenden kann: nämlich sich wertgehalten, anerkannt und zugehörig zu wissen.

Das theologische Prinzip des Heidelberger Katechismus: ein gutes pädagogisches Prinzip!

Glaube keine Privatangelegenheit

Sowohl formal als auch inhaltlich ist der Katechismus dialogisch aufgebaut: durch Frage und Antwort, durch seine Argumentation, durch Rückfragen. Der Mensch wird konkret angesprochen: „Was verstehst du ...?“, „Was musst du wissen ...?“, „Was tröstet dich ...?“

Damit ist aber nicht gemeint, der Einzelne könne sich selbstzufrieden und egoistisch in seinen „Glaubenstrost“ zurückziehen. Der einzelne Mensch, das Individuum, wird als Teil der Gemeinschaft angesehen, in der er in Beziehungen lebt: in der Familie, in der Partnerschaft, in der Gemeinde, in der Gesellschaft. Es soll, so der Katechismus, jeder seine Gaben zum „Wohl und Heil der anderen gebrauchen“ (HK 55), „rücksichtsvoll leben“ (HK 108), darauf achten, dass er „Schaden vom anderen“ abwendet (HK 107), und das nicht nur bezogen auf die, die man mag, sondern auch bezogen auf die, die als Feinde erlebt werden.

 

Glaube und Handeln gehören aus Sicht des Katechismus zusammen.

Darin sehe ich eine weitere Bedeutung des Heidelberger Katechismus für heute, dass er diesen Zusammenhang so deutlich herausstellt.

Die weit verbreitete Behauptung, Glaube sei Privatsache, kann mit ihm nicht bestätigt werden. Was ein Mensch hinsichtlich seines Glaubens lernt, wirkt sich auf die Gemeinschaft, auf die Gesellschaft aus, ist politisch relevant.

Deshalb kann uns die Ausrichtung einer Glaubenslehre nicht gleichgültig sein. Richtet sie sich gegen andere, schließt sie Menschen aufgrund ihres Geschlechts aus, ruft sie zum Kampf gegen „Andersgläubige“ auf, ist sie autoritär oder dumm, ist sie kein Fortschritt für das Leben.

Der Heidelberger Katechismus stellt klar: „wahrer Glaube“ bringt gute Früchte (HK 64). Damit wir nun nicht denken, das alles sei viel zu idealistisch und letztlich doch nicht möglich und deshalb gar nicht erst anfangen – vielleicht geht Ihnen das ja auch manchmal so, dass Sie ob der Größe einer Aufgabe gar nicht erst damit beginnen –, gibt uns ein Satz aus dem Katechismus (HK 114) den richtigen Impuls:

„(...) Es kommen auch die frömmsten Menschen in diesem Leben über einen geringen Anfang ... nicht hinaus. Wohl aber beginnen sie mit fester Absicht (...)“!

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