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Tischreden und Lesekost

Studentische Rede, Tübingen

erarbeitet von den Studierenden Carmen Bohner, Jakob Fuchs, Stefanie Fritz, Friederike Heinzmann und Pfarrerin Katharina Dolmetsch-Heyduck; gehalten von Carmen Bohner und Friederike Heinzmann

Tübingen, 26.10.2011


Teil I


„Gastmähler sollen dazu dienen, dass sie die Menschen fröhlicher machen und nach Traurigkeit das Gemüt wieder erquicken“.

Das war Luthers Überzeugung.Kein Wunder: Im Haus der Luthers wurde viel gesotten und gebraten, gekocht und frittiert. Dann wurde ausgiebig getafelt, gebechert, geredet, theologisiert und polemisiert, gescherzt und gelacht - und was geschah „wenn es [wieder einmal] geschmecket“ hatte, das wissen wir von dem wohl berühmtesten aller Lutherzitate...

Denn zur deftigen Kost ließ Luther gerne auch mal ein paar deftige Sprüche hören. Dass er als einer der größten Sprücheklopfer überhaupt in die Geschichte eingegangen ist, das hat er seinen Studenten zu verdanken, die diese so genannten „Tischreden“ Wort für Wort mitschrieben. In der heilen Welt der Lutherstube im Schwarzen Kloster zu Wittenberg saßen sie alle einmütig beieinander: Luther und Käthe, Kinder und Schüler und beredeten die großen Dinge der Welt bei Tische.


„Gastmähler sollen dazu dienen, dass sie die Menschen fröhlicher machen und nach Traurigkeit das Gemüt wieder erquicken“.

Aber: konnten denn durch Luthers Tafelrunden tatsächlich die Gemüter erquickt werden? Die Gemüter etwa der hart arbeitenden Mägde? Die Gemüter der Frauen – einschließlich Käthe – die sicher nur zeitweise mit am Tisch saßen und immer wieder auch wenig Schmeichelhaftes über sich zu hören bekamen?


Trotzdem, auch wenn sich in 500 Jahren einiges verklärt und anderes geändert hat:Der Blick auf Martin Luthers Tischgemeinschaft zeigt, wie wichtig gemeinsame Mahlzeiten sind. Tischgemeinschaft hat schon immer soziale Bande gestärkt.

Doch wie sieht es in unserer heutigen Zeit aus mit gemeinsamen Mahlzeiten? Die Arbeitswelt stellt viele Herausforderungen. Flexibilität ist gefragt, gerade im Umgang mit Zeit. Eltern im Schichtdienst, die auch an Samstagen und Sonntagen arbeiten, sind für viele Kinder Realität. Für viele Eltern ist gemeinsames Essen mit der ganzen Familie ein Traum, der fast nie in Erfüllung geht.

In beinahe allen Berufen drängen Termine, die Tischgemeinschaft schwer möglich machen. Wann kann man sich schon erlauben, Stunden zu Tisch zu verbringen, wenn noch Stapel von Unerledigtem auf dem Schreibtisch liegen? Es scheint so, als ob der Schreibtisch des Einzelnen den Esstisch der Gemeinschaft als Lebensmittelpunkt abgelöst hat.

Die Herausforderungen unserer Gesellschaft an jeden und jede einzelne gehen auf Kosten der Tischgemeinschaft. Natürlich: niemand wünscht sich die angeblich heile Welt des Schwarzen Klosters zurück, zumal sie sicher keine solche war. Wir leben lieber und besser im Jetzt als zu Luthers Zeiten, als jedem und jeder einfach ein Platz in der Gesellschaft zugeordnet wurde.

Dennoch muss gefragt werden, wie die fehlende Tischgemeinschaft in den Familien ersetzt werden kann, wer diese Funktion übernehmen und sinnvoll ausfüllen kann. Es müssen alternative Formen zum traditionellen gemeinsamen Mahl in den Familien gefunden werden. Denn nichts – kein Gespräch, kein Handschlag, nicht mal eine Umarmung – besiegelt Gemeinschaft so deutlich wie gemeinsames Essen. Deshalb kann und muss die Kirche der Zukunft hier Angebote machen: Vesperkirche, gemeinsamer Mittagstisch für alt und jung in der Gemeinde, Frauenfrühstück und Männervesper weisen in die richtige Richtung, weil sie Seele und Leib im Blick haben.


Teil II


„Gastmähler sollen dazu dienen, dass sie die Menschen fröhlicher machen und nach Traurigkeit das Gemüt wieder erquicken“.

Bei aller Sehnsucht nach erfüllender Tischgemeinschaft darf aber auch nicht vergessen werden, dass fast jede Tischgemeinschaft andere ausschließt. Unsere Tischgemeinschaften sind exklusiv. Manche sind eingeladen, manche nicht. Und andere möchte man einfach nicht mit am Tisch haben. Vielleicht könnte man ihnen draußen vor der Türe ja einen Katzentisch bereitstellen. Wenn es sein muss.

Gerade auch im Evangelischen Stift existiert seit Jahrhunderten eine exklusive Gemeinschaft. Sind doch bis heute diejenigen, die den Leistungskriterien für das Stipendium nicht entsprechen, von der Stiftsgemeinschaft ausgeschlossen. Bis 1968 kam noch hinzu, dass im Stift eine exklusiv männliche Tischgemeinschaft bestand.

Nach Jahren, in denen Theologinnen mühsam um einen Platz in der Männerrunde unserer Landeskirche kämpften, wurden sie 1968 offiziell zum Pfarrdienst zugelassen. Seit dieser Zeit wohnen auch Studentinnen im Stift. Frauen konnten endlich ihren Platz am Männertisch einnehmen. Aber wie sieht es aus mit der theologischen Tischgemeinschaft in anderen Ländern und in anderen christlichen Kirchen? Der Papstbesuch in Deutschland hat im Blick auf das Diakonat und geschweige denn das Pfarramt der Frau nicht gerade Hoffnungen genährt. Und auch auf protestantischer Seite gibt es Kirchen, die keine Frauenordination erlauben. Und inzwischen auch solche, in denen die Frauenordination wieder abgeschafft wurde.


Und wie sieht es überhaupt mit der Tischgemeinschaft in unserer globalisierten Welt aus? Stellen wir uns einmal vor, unsere heutige Abendgesellschaft repräsentiere die Weltbevölkerung. Zwei drittel von uns würden heute Abend den anderen beim Essen zusehen. Diejenigen, die essen dürften, würden so lange essen, bis das Völlegefühl längst überschritten wäre. Und die Reste? Nun ja, in einer Wegwerfgesellschaft landen die eben im Müll. Ist Containern, also das Fischen von Lebensmitteln aus den Mülleimern von europäischen Supermärkten, eigentlich Diebstahl oder Sozialkritik? Und was passiert mit dem Resthühnchen der Hühnerbrust, die ich zu Mittag gegessen habe? Wer produziert unter welchen Bedingungen meine Bananen? Wer verdient wie viel daran, wenn ich sie hier im Supermarkt kaufe? Und wer hat für mein Pangasius-Filet, das ich gestern gegessen habe, die Chemikalien für die Aufzucht zusammen gemischt? Wir erinnern an diese Zusammenhänge nicht, damit Ihnen der Bissen im Hals stecken bleibt. Und doch kann und muss die Kirche der Zukunft den Blick schärfen für die globale Tischgemeinschaft.


„Gastmähler sollen dazu dienen, dass sie die Herzen fröhlich machen und nach Traurigkeit das Gemüt wieder erquicken.“

Davon war Luther überzeugt. Aber lebt diese Überzeugung heute noch in der Kirche, die er reformiert hat? Gastfreundschaft und gelingende Gemeinschaft sind in den Gemeinden nicht die Regel. Wie oft kommt es vor, dass sich Menschen nicht willkommen fühlen, weil sie keinen Platz finden am Tisch von fest gefügten Gruppen und Kreisen. Wie oft kommt es vor, dass sich jemand abgestoßen fühlt von ungastlichen Gotteshäusern und geschmacklosen Gottesdiensten.

Hat die Kirche der Reformation vergessen, was ihr Reformator ihr ins Stammbuch geschrieben hat? Ist es nicht an der Zeit, dass sie die Gastfreundschaft wieder entdeckt? Am Anfang war der Tisch der erfüllenden Gemeinschaft. „Sie hielten das Mahl mit Freuden“ heißt es von den ersten Christen. Sie hatten in der Gemeinschaft am Tisch erlebt: „Hier ist nicht mehr Jude noch Grieche, hier ist nicht mehr Sklave noch Freier, hier ist nicht mehr Mann noch Frau, sondern ihr seid alle eins in Christus.“

Da, wo Kirche ist, lebt auch die Sehnsucht nach solcher Gemeinschaft. Die Sehnsucht nach einem Tisch, an dem alle willkommen sind. Die Sehnsucht nach Speise, die Leib und Seele satt macht.Dass Gott selber zu Tisch sitzt mit den Menschen und dass dazu alle eingeladen sind, diese Sehnsucht ist bis heute lebendig und zieht sich durch die ganze Bibel. Jesus greift diese Hoffnung auf, wenn er beim letzten Mahl mit seinen Jüngern in Brot und Wein Gemeinschaft stiftet und sich selbst hingibt.


Wie Kirche den Herausforderungen unserer Zeit begegnen kann? Nur indem sie sich zurück besinnt, re-formiert: sie selbst ist von Gott eingeladen, das Leben zu feiern und Gastfreundschaft zu üben und die Sehnsucht nach Gemeinschaft lebendig zu halten – bis zu dem Tag, an dem wir alle zu Tische sitzen werden im Reich Gottes.


Dieser Internetauftritt gehört zum Studienzentrum der EKD für Genderfragen in Kirche und Theologie (vorher: Frauenstudien- und -bildungszentrum in der EKD, FSBZ).
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