zum Inhalt

Tischreden und Lesekost

Dr. Margot von Renesse - Richterin i.R., ehemalige Bundestagsabgeordnete

Ratingen, 18.01.2013


Eines meiner 16 Enkelkinder, die siebenjährige Mathilda, war im vergangenen Jahr zu Weihnachten bei ihren Großeltern, die als Atheisten schon seit langer Zeit aus der Kirche ausgetreten sind. Mathilde richtete an sie eine wichtige Frage - ganz ohne Vorwurf, sozusagen interessehalber: "warum feiert ihr eigentlich Weihnachten, wenn ihr doch gar nicht an Jesus glaubt?"

Meine Gedanken zum heutigen Abend kreisen um das, was hinter Mathildas Frage steht - nicht so sehr die Frage nach der Zukunft der Kirche als Institution, sondern nach der Zukunft des christlichen Glaubens, des Christentums als religiöses Bekenntnis. Passt es etwa, wie manche behaupten, nicht mehr in die modernen Zeiten, da die Zeichen auf zunehmende Emanzipation des autonomen Individuums und völlige Verweltlichung der Welt gerichtet sind?

Ich für mein Teil nehme wahr, dass beide für die Moderne so typischen Tendenzen ihre Wurzeln in eben diesem Christentum haben, dem sie angeblich den Todesstoß versetzen. Es scheint mir, als würden sie auch heute noch nur mit dem Christentum zusammen eine humane Welt und ein humanes Menschentum hervorbringen können.

Erst der Glaube an den einen Gott, den wir Christen aus dem jüdischen Glaubensschatz geerbt haben, hat die Menschen von der Vorstellung befreit, umgeben zu sein von angstmachenden Naturmächten mit magischen und zerstörerischen Kräften. Dem Monotheismus verdanken wir die Entheiligung der Welt mit allem, was sich in ihr vorfindet und zu ihr gehört. Weder Gegenstände noch Personen noch selbst Prinzipien stehen über uns. Sie sind für das menschliche Urteil nicht unantastbar. Jesu Ausspruch, der Sabbat sei um der Menschen willen und nicht der Mensch um des Sabbats willen da, zeigt deutlich in die Richtung. Sie ist als Haltung wirksam, wenn Paulus die von ihm bekehrten Heidenchristen nicht verpflichtet sieht, sich an die jüdischen Speisevorschriften zu halten. Auch Martin Luther möchte ich zum Zeugen anrufen, da er den Reliquienkult seiner Zeitgenossen, die Heiligenfiguren mit ihren Wallfahrten, ja selbst Sakramente entsakralisierte.

Bekannt ist sein Wort, die Ehe - für die katholische Kirche nach wie vor ein Sakrament und als solches unauflöslich - sei "ein weltlich Ding" und damit im Einzelfall der moralischen Beurteilung mit unterschiedlichem Ergebnis unterworfen.

2

Ob wir wollen oder nicht (und es ist nicht immer eine erfreuliche Erfahrung): Wir haben die Freiheit des moralischen Urteils, die bei uns Menschen zum aufrechten Gang gehört.

Zur ganzen Wahrheit zählt aber noch eine zweite Erkenntnis, die auch von Anfang an dabei war: es gibt nichts, aber auch gar nichts auf der Welt, was sich außerhalb der Autorität des Schöpfers befindet. Ist das Heilige auch nicht sakrosankt, so ist das Alltägliche auch nicht banal.

Sprachgewaltig formuliert Luther die Zusammengehörigkeit des Erhabenen und des Alltäglichen im Kleinen Katechismus. Seine Erklärung zum Glaubensbekenntnis lautet:

"Ich glaube, dass mich Gott geschaffen hat samt allen Kreaturen, mir Leib und Seele, Augen, Ohren und alle Glieder, Vernunft und alle Sinne gegeben hat und noch erhält; dazu Kleider und Schuh, Essen und Trinken Haus und Hof, Weib und Kind, Acker, Vieh und alle Güter, mit aller Notdurft und Nahrung dieses Leibes und Lebens reichlich und täglich versorget..."

Für Christen kann es nicht überraschend sein, dass im Glaubensbekenntnisauch "Kleider und Schuh" ihren Platz haben! Und ich erlaube mir darauf hinzuweisen, dass gerade wir Frauen durch unsere Sozialisation besonders darauf "trainiert" sind, die Expertinnen des Alltags zu sein - gewöhnt, ihn ernst zu nehmen.

Darum gilt: So frei wie wir in unserem moralischen Urteil sind, so gebunden sind wir in der hundertprozentigen Verantwortung vor Gott für alles und jedes, was wir tun und lassen. Noch ein letztes Mal mit Luther zu sprechen: "Ein Christ ist ein freier Herr aller Dinge und niemandem untertan; ein Crash ist ein dienstbarer Knecht aller Dinge und jedermann untertan". Die scheinbar widersprüchlichen Wahrheiten gehören zusammen. Gilt nur der erste Teil, so herrscht ein gnadenloser Autismus; lässt man es nur bei dem zweiten, so gibt der Mensch seinen aufrechten Gang auf.

Der Satz von der Freiheit eines Christenmenschen ist in seiner leuchtenden Paradoxie unendlich attraktiv. Um seine Anziehungskraft braucht man sich auch in Zukunft keine Sorgen zu machen.

Dieser Internetauftritt gehört zum Studienzentrum der EKD für Genderfragen in Kirche und Theologie (vorher: Frauenstudien- und -bildungszentrum in der EKD, FSBZ).
Besuchen Sie uns unter www.gender-ekd.de.

www.frauenmahl.de benutzt Piwik, eine Open-Source-Software zur statistischen Auswertung der Besucherzugriffe. Mehr dazu.