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Tischreden und Lesekost

Mirsada Voser

Tischrede von Mirsada Voser beim Frauenmahl Basel 23. Oktober 2015


Grenzgängerin

Vielen Dank für die nette Ansage und dafür, dass ich hier sein darf.
Ue selamu alejkum liebe Schwestern. Friede mit euch.


Gott ist einer. Sagen wir alle, die grenzenlos an den einen, einzigen Gott glauben. Dumm nur, dass der Mensch die Grenzen gezogen hat. Hat gesagt, dass es einen jüdischen und einen christlichen und einen muslimischen einzigen Gott gibt. Und dass sie sich seit Jahrtausenden deswegen die Köpfe einschlagen. Auch heute. Auf allen Seiten, gegeneinander, untereinander. Ich will hier nicht auf die Jahrtausende der Geschichte eingehen, nur auf meine eigene. Mit Grenzen, die andere für mich gezogen haben, die ich mit viel Risiko, Leid, aber auch Gewinn und Glück überschritten oder niedergerissen habe.
Ich weiss nicht ob ich eine Grenzgängerin, oder eine Gratwandererin bin – es ist zu nah beieinander.
Im damals jugoslawischen Sarajevo geboren, wuchs ich schon mit den Grenzen auf. Eine Nachbarin war Branka - serbisch ortodox, die andere Marina, katolisch, Nermina und Mejra waren Musliminnen. Wir Kinder spielten zusammen und aßen zusammen. Zum Z’nüni gab es gestrichene Schnitten – bei uns mit Margarine und selber gemachten Zwetschgenkonfi, Brankas Kinder bekamen Schmalz mit Salz und Paprika darauf, gab sie uns aber nicht. Uns machte sie Margarineschnitten. Auch mit Salz und Paprika darauf. Irgendwann bekam ich vom Mischo seine Schnitte zum probieren. Der unbekannte Geruch und Geschmack war für mich unangenehm, es hat gesäuelet, hat bei mir Brechreiz ausgelöst, ich habe den Bissen ausgespuckt, entsprechend kommentiert und einen Kumpel verloren. Als ich es der Mutter berichtete, sagte sie mir „du kennst diesen Geschmack nicht, weil es vom Schwein ist, und das essen wir Muslime nicht“. Die Christen sein daran gewöhnt. Ich hatte als 5-jährige erfahren, dass es irgendwas gibt, was Glauben heisst und uns trennt. Ich hatte erstmals eine Grenze überschritten.
Nun wusste ich, warum wir zwei mal jährlich bunte Eier, um Neujahr herum zwei mal feines Gebäck bekammen, und warum Mama zwei mal im Jahr Baklawa für die ganze Nachbarschaft machte. Später in der Schule erfuhr ich, es seien die religiösen Atavismen. Dort lernten wir, dass das alles primitiver Quatsch ist, dass es keinen Gott gibt, sondern nur die Charles Darwin-Lehre und die Evolution. Herr Marx lernte uns, dass die Religion Opium für die Massen ist, weil das Volk dadurch am besten manipulierbar ist, so am besten aufeinander gehetzt werden kann und somit das beste Mittel ist um eigene Machtziele zu erreichen. Naja, kannten wir schon von den Römern, „ divide et impera“. Und wir lernten die Geschichte der Judenvertreibung, der Jesuskreuzigung, der Kreuzkriege, des Osmanischen Reiches, der spanischen Inquisition, des Holocoust, der Partisanen, Tschetniks und Ustaschas. Wir lernten, dass Menschen gleich sind, unabhängig von Hautfarbe oder sogenannter Religion und dass Kommunismus und Atheismus diese Grenzen beseitigt haben.
Die einzige Grenze waren die Kapitalisten. Und ich überschritt sie wieder: Ich verliess meine Heimat Richtung Schweiz. Ich wollte bei den bösen Kapitalisten die Sprache lernen, Geld verdienen, sparen und nach 2 Jahren wieder nachhause gehen, um zu studieren. Am 1.11.1974 kam das junge Krankenschwesterlein nach Chur – Alice im Wunderland. Es gab alles, unvorstellbar! Jederzeit so viele Bananen, wie ich will! Man konnte einen Wintermantel kaufen, ohne einen Kredit aufnehmen zu müssen und Stiefel. Einige Wochen später war ich zuerst überrascht: Man schmückte die Schaufenster, beleuchtete die Stadt, stellte überall Tannenbäume auf! Auf meine Frage, was das soll, kam der Schock: Man feierte Advent und Weihnachten. Ich, das kommunistische Kalb, verstand nicht, wieso dieses moderne, reiche, tolle Land so religiös, sprich so primitiv sein konnte und schrieb es dem Kapitalismus zu. Ich wurde als Jugo ausgegrenzt, aber nur bis ich perfekt Churerdeutsch konnte. Da fiel die Grenze wieder, ich gehörte dazu.
Nun hatte ich die Sprache, das Geld war aber nicht genug um heimzukehren, also blieb ich in Chur. Ich heiratete einen Jugoslawen aus Serbien, die Religion hatte für uns zwei keine Bedeutung. Wir überschritt die Grenzen unbewusst, weil unsere, ach so kommunistische Eltern, plötzlich was dagegen hatten. Meine Welt brach erstmals in sich zusammen, weil es mit dem lieben Kommunismus offensichtlich nicht überall gleich bestellt war.
Zehn Jahre später brach sie völlig zusammen. Von einem Tag auf den anderen hatte ich, alleinstehende Mutter einer Tochter, meine Mutter, die Schwägerin mit ihren zwei Kleinkinder (zweieinhalb- und einjährig), meine Schwester und einen 19-jährigen Cousin bei mir in der Wohnung. Sie wurden von den serbischen Christen aus ihrem Haus vertrieben, das Haus flog 15 Minuten später in die Luft. Sie konnten nur das nackte Leben retten, immerhin.
Andere wurden in Konzentrationslager verfrachtet, vergewaltigt, gefoltert, ermordet – weil sie Muslime waren. Wie bitte? Wo war Kommunismus geblieben? Wer hatte diese Grenzen hochgezogen? Ich wollte plötzlich wissen was Moslem ist, was Christ, was Jude. Und fand viel Sinnloses überall – aber auch viel Sinnvolles. Ich erkannte die Grenzen, baute aber keine Mauern auf. Eher einen Zaun mit einer Türe, die auf höfliches Anklopfen aufgeht. Ich heiratete wieder einen Christen. Wir haben eine Ehe, in der jeder den anderen und seine Ansichten und Rituale respektiert. Wir sind zwei Grenzgänger einer offenen Grenze, die mit Respekt gehütet wird. Ein Modell für die sogenannte monoteistische Welt.
Es gibt jedoch Grenzen, die ich nicht überschreite: Respekt anderen Menschen gegenüber, sowie Alkohol und Schweinefleisch. Bis vor 10 Jahren interessierte keinen, warum ich keinen Alkohol trinke und kein Schweinefleisch esse. Fragte jemand und ich sagte „aus religiösen Gründen“, fand man das höchstens lustig oder interessant. Seit der SVP und ihrer dämlichen Minarett – Initiative, geht in solchen Situationen meistens eine Wand hoch – ich spüre sie an den Blicken, an der versteiften Haltung, am Vermeidungsverhalten. Ich werde wieder ausgegrenzt! Damals als kommunistisches Jugomädchen, heute als bekennende Muslimin. SVP hat die Grenzen und Mauern in den Köpfen aufgebaut und baut sie immer höher.
Rechtextremismus der Pegida in den ehemaliger DDR ist brandgefährlich, alle Grenzen des Respekts sind heruntergerissen. Neue Mauer, die in den Köpfen dieser Holzköpfe sind, stehen auf Hassfundamenten und sind eine Bedrohung für uns alle. Es passiert genau das, wovor Marx gewarnt hat: Dumme Massen mit dem Religionsopium betäuben, um sie aufeinander zu hetzen, und so eigene (Macht)-Ziele zu erreichen.
So, wie es die Nazis vor 70 Jahren, Slobodan Mislosevic und Radovan Karadzic vor 23 Jahren getan haben, wie es gerade ein gewisser el Baghdadi in Syrien und neuerdings ein gewisser Netanjahu in Israel tun. Sie überschreiten die Grenzen in einer tödlich-gefährlicher Art und Weise – für uns alle. Wer hat Recht? Darwin oder die Religionslehren? Was nun? Was machen wir mit den Hunderttausenden Menschen, die vor dem Tod flüchten? Können und wollen wir uns eingrenzen oder ausgrenzen?


Lieber Gott hilf uns, das Richtige zu tun. We selamu alejkum. 

Dieser Internetauftritt gehört zum Studienzentrum der EKD für Genderfragen in Kirche und Theologie (vorher: Frauenstudien- und -bildungszentrum in der EKD, FSBZ).
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