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Tischreden und Lesekost

Renate Wagner-Redding - Vorsteherin jüdische Gemeinde

Braunschweig 12.11.2012


Meine sehr verehrten Damen,


auch ich begrüße sie recht herzlich in der Petri-Kirche und bin sehr gespannt auf diesen Abend.


Mein Name ist Renate Wagner-Redding, ich bin in diesem Land geboren und lebe seit gut 50 Jahren in dieser Stadt. Vor 20 Jahren bin ich in den Vorstand der Jüdischen Gemeinde Braunschweig gewählt worden und seit Oktober 1993 bin ich die Vorsitzende dieser Gemeinde. Dies ist ein Ehrenamt, mit sehr viel Amt und kleiner Ehre.


Die Aufgaben sind sehr vielfältig und nicht mit der Arbeit eines Kirchenvorstandes zu vergleichen. Man könnte es folgendermaßen ausdrücken:

Ich bin das weltliche Oberhaupt der Gemeinde und zuständig für alles, was Sie sich denken oder auch nicht denken können; Z. B. die finanziellen Mittel und Räumlichkeiten zu beschaffen, um überhaupt ein Gemeindeleben pflegen zu können, Hilfe für unsere Mitglieder bei sozialen Angelegenheiten oder anderen Schwierigkeiten, Jugend- und Seniorenarbeit, Kultus- und Kulturarbeiten und nicht zu vergessen. die Öffentlichkeitsarbeit. Die religiösen Belange in der Gemeinde, z. B. Gottesdienste an den Schabbatot und Feiertagen, Friedhofsverwaltung, Beerdigungen und die allgemeinen religiösen Versorgungen für Jung und Alt sind auch die Aufgaben eines Vorstandes.  Man darf nicht vergessen; eine jüdische Gemeinde ist in erster Linie eine Religionsgemeinschaft und kein Kulturverein


Wenn man wie wir, das Glück hat, einen Rabbiner zu haben, fallen diese religiösen Aufgaben in das Arbeitsfeld des Rabbiners. Er ist dann das geistliche Oberhaupt der Gemeinde.

Unsere Gemeinde hat 200 Mitglieder, davon sind 80% in den letzten 23 Jahren als jüdische Kontingentflüchtlinge aus den GUS-Staaten nach Deutschland gekommen. Der Rest der Mitglieder sind „alteingesessene“, keine alten Braunschweiger Juden, sondern zugereiste, wie ich. Unsere Mitglieder leben zu 75% in und um Braunschweig, der Rest in Wolfenbüttel, Wolfsburg, Helmstedt, Salzgitter usw. Man kann sagen multikulturelles Leben wird in jeder jüdischen Gemeinde seit 60 Jahren gepflegt. Wir sind zwar alles Juden, kommen aber aus unterschiedlichen Kulturkreisen. Unsere Zuwanderer bereichern zwar die jüdische Gemeinschaft, aber bedingt durch ihr Leben in einem atheistischen Staat, in dem „Jude sein“ eine Nationalität ist und die Religionsausübung verboten war, haben die meistens Zuwanderer wenig Ahnung von unserer alten Religion und Tradition.


Meine sehr verehrten Zuhörer,

es ist immer leicht, von Würde, Toleranz und Harmonie zu reden; es zu praktizieren und den anderen in seiner Lebensart zu akzeptieren, fällt vielen schon schwerer, zumal man oft von einander nichts weiß oder was natürlich noch viel schlimmer ist, nichts wissen möchte.


Um heute jüdisches Leben zu verstehen, kann man, nein darf, man die Vergangenheit nicht außer Acht lassen; und dabei meine ich nicht nur die wohl grausamste und einmalige Zeit, die Zeit des Nationalsozialismus, ich meine auch die Zeit von der Gründung der ersten jüdischen Gemeinden im 4. Jahrhundert unserer Zeitrechnung bis zum heutigen Tage.


Die Erwartungshaltung an uns Juden für Diskussionen, Führungen, Veranstaltungen usw. ist sehr groß und wir können und werden sie nicht erfüllen können. Das hat nichts mit dem Wollen zu tun, sondern um es mal salopp auszudrücken: mit der „Masse Mensch“

In Deutschland leben ca. 140.000 Juden gegenüber 80 Millionen Christen, Muslime und andere Glaubensgemeinschaften und säkulare Bürger/Bürgerinnen. Von unseren 140.000 Juden sind, wie schon über unsere Gemeinde berichtet, 80% in den letzten 23 Jahren aus der ehemaligen Sowjetunion nach Deutschland gekommen. Sie haben einen ganz anderen Hintergrund, Sprachschwierigkeiten und kaum Wissen über jüdische Religion und Tradition.


Sie hier in Braunschweig und Umgebung wissen, dass unsere Gemeinde bemüht ist, sich an vielen Veranstaltungen zu beteiligen und auch selbst öffentliche Veranstaltung anbietet.

Wenn man nur die vielen e-mails und Termine für diese Veranstaltung betrachtet; diese Vorbereitungsarbeit kann ich nicht leisten.


Meine sehr verehrten Damen,

Judentum ist eine Religions- und Volksgemeinschaft.

Als Jude wird man geboren; automatisch, wenn die Mutter jüdisch ist, ist auch das Kind jüdisch.

Was man aus seinem Judentum macht, liegt an der Erziehung der Eltern und später an einem selbst: ob man ein praktizierender Jude/Jüdin wird oder sich nur für die Kultur interessiert, oder Atheist wird. Die Entscheidung trifft jeder selbst.

Die Grundlagen des Judentums sind die hebräische Bibel, insbesondere die Thora, die 5 Bücher Moses. Sie sind das Geschichts- und Gesetzbuch und die Lebensphilosophie des Judentums.

Mehr Zeit habe ich leider nicht, vielen Dank fürs Zuhören.


Dieser Internetauftritt gehört zum Studienzentrum der EKD für Genderfragen in Kirche und Theologie (vorher: Frauenstudien- und -bildungszentrum in der EKD, FSBZ).
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