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Tischreden und Lesekost

Bärbel Wartenberg-Potter - Bischöfin i.R.

Kiel, 30.10.2012


Frag doch die Tiere … (Hiob 12,7) - Beherrschen oder zusammenleben?


Als ich jung war, habe ich wir gern ein freches Liedchen gesungen:

„Der Globus quietscht und eiert, der Rost sitzt überall, bald ist er ausgeleiert,

Der alte Erdenball!“ Dann hieß es weiter: „Doch wir, wir wolln ihn schmieren…“

Ja, aber wie denn?  Wir haben uns die Erde so total „untertan gemacht“, dass uns der Spaß vergeht. Geht der „Homo sapiens“, also wir, auf das Schicksal der Dinosaurier zu?


Heute versuchen wir, „den Globus zu schmieren“, indem wir über zwei Stichworte nachdenken:  „Klimagerechtigkeit“ und „Ernährung“.

In dieser Situation wird uns ein Rat gegeben, ein biblischer aus dem Buch Hiob:


„Aber frage doch die Tiere, dass sie dich unterweisen, 

und die Vögel des Himmels, dass sie's dir erzählten!

Oder Gesträuch am Erdboden, dass es dich unterweise

und dass es dir erzählten die Fische des Meeres!

Wer unter ihnen allen wüsste es nicht,

dass die Hand Gottes das alles gemacht hat,

in Gottes Hand alles ist, was lebt

und der Atem in jedem Menschenleib?“ (Hiob 12,7-10)


Ja, fragen wir die Tiere: Sie kennen noch den Rhythmus von Tag und Nacht und Jahreszeiten. Sie wissen, wie neues Leben geschaffen, erhalten und gemehrt wird. Sie verbrauchen und jagen nicht mehr, als das, was sie und ihr Nachwuchs zum Sattsein brauchen.


Wie anders wir Menschen: Wir haben so vielfältig in den Rhythmus des Lebens eingegriffen, haben eine unendliche Vielfalt von Bedürfnissen geschaffen und nennen sie „Fortschritt“.

Die Tiere haben wir in Massenkäfige gesperrt, rauben ihnen durch ein donnerndes Straßennetz den Lebensraum, töten und verspeisen sie - massenhaft.


Fragst Du die Tiere, dann sagen sie vermutlich mit stummem Schrei:

„Haltet ein. Hört auf, uns und alles Irdische „untertan zu machen“. Ihr seid keine Steinzeitmenschen mehr. Ihr lebt in einer Zeit, in der die Aufklärung, dieser Ausgang aus der Unmündigkeit, ihre dunklen Seiten gezeigt hat  und zeigt.  Hört auf, „Herr und Meister der Natur“ (Descartes) sein zu wollen. Ihr habt alles verzweckt. Ihr habt nichts vom Leben verstanden. Ihr setzt auf die falsche Karte.“


Ja, wohin könnten wir gehen, wenn wir die Erde vergeudet haben? Es gibt keinen Ort.

In unserem Beherrschungswahn haben wir das Gleichgewicht des Lebens zerstört. Der Klimawandel findet statt. Jetzt tut uns die Luft, die wir atmen, weh und das Wasser, das wir trinken, vergiftet uns.



Wie kamen wir in diese kritische Lage?


Wenn wir unser eigenes Haus theologisch aufräumen, sehen wir:  Es hat viel mit unseren Bildern von Gott zu tun, (die wir uns nicht machen sollen.) Die stammen z.T. aus einer Zeit, in der aus Hirten Bauern  wurden, die die Tiere zu zähmen anfingen. Da kamen sie - so steht es im 1. Mosebuch -  auf den der Gedanke: „Wir wollen wie Gott sein.“    Gott, in ihrer Lebenswelt vorgestellt als ein höchstes männliches Wesen. Sie wollten mehr als Tiere zähmen. Sie dachten an Macht, Herrschaft, Befehlsgewalt und Gehorsam. Sie glaubten, Gott erlaube ihnen, alles Nicht-Menschliche nicht nur zu nutzen, sondern zu unterwerfen, letztlich auch Menschen, Frauen, Kindern, Sklaven und fremde Völker. Der Unterwerfungswille ist eine der großen Sünden der Menschheit.


Hat dieses Weltbild dem Leben gedient? Darüber muss man informiert streiten - und es wird getan. 

Heute aber ist es mit diesem Weltbild vorbei.

Heute wissen wir, dass das Leben aus fein verwobenen Lebensnetzen besteht, interdependent, nicht hierarchisch. Wir wissen, dass Menschen, Tiere, Pflanzen, Elemente, einander brauchen in lebendiger Gegenseitigkeit; dass wir eine neue Ehrfurcht vor der Schöpfung, in der Gott selbst sich offenbart, finden müssen.

Die Krise, in der wir leben, ist spiritueller Natur. Denn Ehrfurcht ist ein religiöses Wort. Die Menschen ruinieren den Planeten, weil sie nicht mehr wissen, was ihre Rolle auf dem Planeten ist. Sie haben es weit gebracht mit ihrer autonomen Omnipotenz. Wir, in der christlichen Tradition, haben dazu beigetragen mit einem Gottesbild, das Gott unbesehen weiter als HERRN und Herrschers verehrt. Dieses Herrschaftsdenken ist gerade auch durch die Säkularisierung in der Wissenschaft beherrschend geworden. Dadurch wurde das Netz des Lebens – davon bin ich überzeugt - auf der Erde ernsthaft gestört.


Warum? Weil solchem Herrschen eines fehlt: jegliche Ehrfurcht vor dem Leben. Ihr fehlt das Wissen um die Heiligkeit des Lebens, um Gottes Mitleidenschaft, Gottes Leiden an der  Selbstsucht der Menschen. Es fehlt ihm, was Jesus uns von Gott gezeigt hat: die ganz andere  Art der Macht, die Macht der gewaltlosen Liebe.


Wie also können wir „den eiernden Globus schmieren“?

Durch einen einmaligen Wandel, der auf unseren Tellern beginnt und bei unseren Kleidern nicht aufhört; der durch die Kirchen, Fakultäten, und Gemeinden und jedeN einzelne hindurch gehen muss - von einer zerstörerischen Lebensweisen zu einer lebensdienlichen Existenz. Ja manche sagen, es gälte „das Menschliche neu zu erfinden“ . Das klingt absurd und grössenwahnsinnig. Und ist doch richtig. Ich habe mich und möchte mich auch weiterhin, ganz unresigniert, daran beteiligen:


Deshalb schlage ich zehn kurze Sätze vor, kleine Weisungen, die unser spirituelles Leben neu ausrichten könnten:

Satz 

1.    Wir wollen im Einklang mit Gott leben, der Quelle des Lebens. Gott hat sich in vielen Namen  geoffenbart.

2.    Wir glauben, dass Gott die Welt durchwaltet, nicht beherrscht.

3.    Die Erde ist unsere Mutter. Das menschliche Dominanzdenken  ruiniert sie.

4.    Es war ein Irrtum, das Nutzungsrecht der Erde als Beherrschung zu verstehen.

5.    Gott will nicht, dass wir einander beherrschen, sondern gerecht zusammenleben

6.    Wir wollen in Zukunft einfach und gerecht essen, gerecht hungernden Mitmenschen und den Tieren gegenüber.

7.    Mahatma Gandhi  hat gesagt: „Das entscheidende Merkmal der modernen Zivilisation ist die unendliche Vielfalt ihrer Bedürfnisse. Das Merkmal alter Kultur ist die unabdingbare Reduzierung …der menschlichen Bedürfnisse.“

8.    Gott bedarf dessen nicht, dass wir ihn HERR nennen. Dadurch wird Gottes Gegenwart auf ein einziges Bild festgelegt. Und wir festigen in uns und in anderen ein paternalistisches Gottesbild, in dem wir Kinder bleiben, die alles vom großen Vater oder der großen Mutter erwarten. Wir aber sind, mit Gott,  groß geworden.

9.    Gott, Quelle, Ursprung aller Ehrfurcht, schenkt uns Vertrauen und gibt den Planeten in uns Verantwortung.

10.    Wir beten mit Mit-Leidenschaft, Demut und Liebe für das Leben der ganzen bewohnten Erde, der „oikumene“.


Ich glaube, dass uns eine neue Spiritualität befähigt, 

•    uns zu verändern,

•    unseren Lebensstil zu vereinfachen,

•    unsere Religionen zu erneuern,

•    und zu lernen, als Mit-BewohnerInnen auf der Erde zu leben.


Beginnen wir mit einem ganz einfachen und doch schwierigen Schritt:

Fangen wir an, nicht nur heute, gerecht zu essen.



Dieser Internetauftritt gehört zum Studienzentrum der EKD für Genderfragen in Kirche und Theologie (vorher: Frauenstudien- und -bildungszentrum in der EKD, FSBZ).
Besuchen Sie uns unter www.gender-ekd.de.

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