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Tischreden und Lesekost

Susanne Westphal-Gärtner - Soka Gakkai

Braunschweig 12.11.2012



Liebe Anwesende. Ich freue mich, hier heute Abend zu und mit Ihnen sprechen zu dürfen. Schon seit langem habe ich den Wunsch, an einem interreligiösen Dialog teilzunehmen und freue mich sehr über diese Gelegenheit hier und heute in Braunschweig.

Zu Anfang möchte ich Ihnen ganz kurz etwas über meinen persönlichen Hintergrund erzählen, damit sie das Folgende besser einordnen können.


Mein Hintergrund:

Ich bin 48 Jahre alt, von Beruf Diplom Übersetzerin, habe mehrere Jahre in verschiedenen europäischen Ländern gelebt und lange Zeit als Projektleiterin in der internationalen Marktforschung gearbeitet. Mittlerweile bin ich in der Ausbildung zur Heilpraktikerin, beschäftige mich als Coach mit den körperlichen und energetischen Dimensionen des Menschen und übersetze spirituelle oder psychologische Texte und Bücher.


Seit 13 Jahren, also seit Oktober 1999 praktiziere ich den Buddhismus des Lotos-Sutra und bin Mitglied der Soka-Gakkai International, einer weltweit vertretenen buddhistischen Laienorganisation, deren Grundpfeiler Frieden, Kultur und Erziehung sind. Zu meiner buddhistischen Ausübung kam ich während meines Aufenthalts in Italien, wo ich durch eine Arbeitskollegin zu einer buddhistischen Versammlung eingeladen wurde. Ich lernte, dass dieser Buddhismus sowohl alleine vor dem Gohonzon ausgeübt wird (einer Schriftrolle, die jedem Mitglied auf Lebenszeit verliehen und in der Wohnung des Ausübendem in einem kleinen Altar eingeschreint wird) als auch in der Gruppe zusammen mit anderen Mitgliedern. Hier werden religiöse Schriften studiert und ihre Anwendbarkeit im Alltag diskutiert, die auf den Religionsbegründer Buddha Shakjamuni, den Reformpriester Nichiren Daishonin und auf die drei ersten  Präsidenten der Soka Gakkai – Makiguchi, Toda und Ikeda zurückgehen. Dabei geht es darum, die buddhistischen Prinzipien im eigenen Leben anzuwenden und den Respekt vor den Mitmenschen und der Würde des Lebens zu trainieren.


Das Rezitieren des Mantras Nam-Myoho-Renge-Kyo, welches den Kern der buddhistischen Ausübung darstellt, berührte mich sofort auf einer sehr tiefen Ebene. Als man mir die Bedeutung erläuterte: Ich widme mein Leben dem mystischen Gesetz von Ursache und Wirkung, war mir der Auftrag für mein weiteres Leben sofort klar. Ich würde mich der Erforschung der Ursachen widmen, die ich in meinem täglichen Leben setze und versuchen, diese möglichst positiv zu gestalten. Außerdem würde ich mich trainieren, die Auswirkung der von mir gesetzten Ursachen in meiner unmittelbaren Umgebung erkennen zu lernen, also in meiner Partnerschaft und Familie, in meinem Beruf und in meinen Beziehungen im Allgemeinen und dafür Verantwortung übernehmen.


Ohne die Tragweite dieser Entscheidung in allen Punkten zu verstehen, schlug ich damit einen für mein Leben entscheidenden Weg ein – den der Selbstverantwortung für alle Aspekte meines Daseins und der Entwicklung meines Potenzials als Mensch.


Und damit würde ich gerne vom Persönlichen ins Allgemeine überleiten. Bei der Bearbeitung des Themas (Zukunft von Religion und Glauben in einer multireligiösen Gesellschaft) möchte ich mich zuerst dem Aspekt der Zukunft widmen.


Meines Erachtens hat Religion und Glaube durchaus eine Zukunft in unserer Gesellschaft, jedoch vielleicht in anderer Form als bisher üblich.

Bei vielen Menschen beobachte ich zwar ein Interesse an Religion und Glaube, doch nimmt dies häufig die Form eines spirituellen Patchworks an, in dem sich der oder die Suchende verschiedenen spirituellen oder religiösen Schulen zuwendet und sich das Beste aus allem herauspickt.

In diesem Zusammenhang besteht ein großes Interesse an heilsamen Ritualen, die dem Menschen aus seiner Vereinzelung heraushelfen und die tätige Verbindung mit anderen im ethischen Raum wieder erlebbar macht.

Dabei geht es meiner Ansicht nach sowohl um die Erfahrung der eigenen Heilwirksamkeit auf andere als auch um eine Öffnung gegenüber der heilsamen Energie die man wahlweise als universelle Kraft, Gott, Allah, Jawe, Chi oder Nam-Myoho-Renge-Kyo bezeichnen könnte. Aus buddhistischer Sicht sind wir Teil dieser universellen Kraft und durchdringen und gestalten das Universum. Wie ich denke, fühle, rede und handle ist daher nicht egal, sondern hat eine sofortige, wenn auch teilweise nicht sofort wahrnehmbare Auswirkung auf meine Umgebung. Will ich meine positive Gestaltungskraft wahrnehmen, bin ich als Mensch angehalten mich konstruktiv zu entwickeln.


Für viele Menschen scheint es wichtig zu sein, einen persönlichen Zugang zu dieser Kraft zu erlangen. Oder anders ausgedrückt: die Kraft des Universums soll für mich persönlich erfahrbar werden. Ich möchte sie nicht mehr allein als Verheißung von den Lippen eines Priesters empfangen, sondern sie auf der Herzensebene und in meinem täglichen Leben spüren und anwenden können.


Für mich spiegelt sich darin in mehrfacher Hinsicht ein emanzipatorischer Wunsch. Da ist zum einen der Wunsch nach eigener mystischer Erfahrung (die in unserer Gesellschaft traditionell eher den Priestern oder Heiligen vorbehalten war) als auch nach Emanzipation in Bezug auf religiöse Institutionen, von denen viele immer wieder an den Widersprüchen zwischen ethischem Anspruch und eigener Umsetzung leiden. Wenn Missbrauchsskandale auf allen Ebenen (sei es sexueller Missbrauch, Korruption, oder Diskriminierung) und Verstoß gegen die Menschenrechte nicht zeitnah, transparent und umfassend aufgearbeitet werden, geht der ethische Führungsanspruch jedweder religiösen Institution verloren und das Vertrauen seiner Gläubigen wird zutiefst erschüttert.


Die Überlebensfähigkeit einer Religion wird sich meiner Meinung nach danach entscheiden, wie diese Gemeinschaft mit den Widersprüchlichkeiten der menschlichen Natur umgeht. Alle Religionen oder Glaubensgemeinschaften sollten sich an den folgenden Fragen messen und sich im Bedarfsfall dahingehend reformieren lassen:

•    Wie steht es in meiner Religion mit dem Respekt gegenüber der Ausübung anderer?

•    Basiert meine Religion auf den allgemeinen Menschenrechten (z.B. dem Tötungsverbot, der Gleichberechtigung von Frau und Mann, Gleichheit aller Menschen nach Rassen und Hautfarben)?

•    Gibt es in meiner Religion partizipatorische Mitbestimmungsmöglichkeiten, die Reformen möglich machen?

•    Führt meine religiöse Ausübung dazu, dass ich meine Menschlichkeit und Mit-Menschlichkeit entwickeln kann und meine Gestaltungskraft positiv nutze?


Religion kann und sollte es dem Menschen also ermöglichen, sich über die eigene universelle Schöpferkraft und sein Potential klar zu werden, um dies zum eigenen Wohle und zum Wohle aller einzusetzen. Eine religiöse Ausübung die dies vermag, wird zu einer positiven Veränderung unserer engeren und weiteren Umgebung beitragen und langfristig zu einer heileren, friedlicheren Welt.


Dieser Internetauftritt gehört zum Studienzentrum der EKD für Genderfragen in Kirche und Theologie (vorher: Frauenstudien- und -bildungszentrum in der EKD, FSBZ).
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