zum Inhalt

Tischreden und Lesekost

Silvia Winkler - oicocredit

Tischrede von Silvia Winkler beim Frauenmahl in Groß-Umstadt 3.11.2016

Was Frauen weltweit wollen –
Selbstbewusstsein und eigenes Einkommen!
 
Was Frauen wollen? – Fällt Ihnen dazu auch der gleichnamige Film mit Mel Gibson aus dem Jahr 2000 ein? Der selbstbewusste Werbefachmann, Nick Marshall, glaubt zu wissen, was Frauen wollen: ihn, den starken Mann. Nach einem Stromschlag kann er plötzlich Gedanken der Frauen hören und sein Weltbild gerät ins Wanken.
 
Was wollen Frauen? Was wollen wir? Hier, weltweit, in der Einen Welt?
 
Sicher sind unsere Wünsche verschieden, aber gleiche Rechte, gleiche Chancen, Unabhängigkeit und Selbstbewusstsein.
Das ist für viele Lebensentwürfe die gemeinsame Basis.
 
Gleiche Chancen, das ist selbst bei uns hier nicht selbstverständlich. Zwanzig Jahr im Finanzbereich zuletzt in meiner Position als Personalleiterin haben mir immer wieder gezeigt, wie weit wir davon entfernt sind.
 
In der Einen Welt gilt das noch viel mehr: gleiche Chancen, Unabhängigkeit, ein eigenes Einkommen sind für viele Frauen nicht erreichbar. Stattdessen leiden gerade Frauen im Globalen Süden unter Armut und Abhängigkeiten.
 
Nicht von ungefähr heißt es: Armut ist weiblich!
 
Fast 70 Prozent der Hungernden der Welt sind Frauen, obwohl Frauen 66 Prozent der Arbeit weltweit erledigen und 50 Prozent der Lebensmittel produzieren. Doch ihnen gehört nur ein Prozent des globalen Vermögens und sie beziehen nur zehn Prozent der Einkommen. In vielen Ländern und Kulturen haben Frauen weniger Rechte als Männer, dürfen kein Land besitzen und haben deutlich geringere Chancen, eine eigene unabhängige Existenz aufzubauen.
 
Denn vieles, was auf dem Weg zu Unabhängigkeit und Selbstbewusstsein hilft, ist in der Einen Welt für Frauen schwer erreichbar. Dazu gehört auch finanzielle Eigenständigkeit, eigenes Einkommen, Kredit, ein eigenes Konto.
 
Schätzungen der Weltbank zufolge haben etwa 2,5 Milliarden Menschen, darunter besonders viele Frauen, weltweit keinen Zugang zu formellen Finanzdienstleistungen. Sie bekommen bei einer normalen Bank weder Konto noch Kredit, weil sie ein zu geringes Einkommen haben oder weil ihre Sicherheiten nicht ausreichen. Oder sie leben in entlegenen Regionen, zu weit weg von der nächsten Bankfiliale.
Der fehlende Zugang zu verlässlichen Finanzdienstleistungen macht Frauen das Leben besonders schwer. Wo das Einkommen gerade so für die einfachsten Grundbedürfnisse reicht, bedroht schon eine kurzfristige finanzielle Einbuße die Existenz. Ohne Bankkonto können sie nicht einfach etwas Geld beiseitelegen, um für Unvorhergesehenes gewappnet zu sein. Eine Investition in ein kleines Geschäft oder den kleinbäuerlichen Betrieb stellt ein ebenso großes Problem dar wie das Schulgeld für die Kinder.
Frauen ohne Bankzugang leihen sich in solchen Situationen Geld bei Verwandten, Nachbarn oder Ladenbesitzern. Viele schließen sich in Spar- und Kreditzirkeln zusammen, deren Mitglieder kleine Beträge einzahlen, aus denen dann reihum jeweils ein Mitglied einen Kredit erhält. Diese „informellen“ Finanzsysteme auf dörflicher Ebene haben eine lange Tradition, sind aber nicht überall verbreitet und nicht immer verlässlich. So bleibt oft nur der Weg zu privaten Geldverleihern, die extrem hohe Zinsen verlangen.
Zuverlässige Finanzdienstleistungen haben daher für Frauen im Globalen Süden eine wichtige Funktion. Kleinkredite und sichere Sparmöglichkeiten eröffnen ihnen die Möglichkeit, wirtschaftlich aktiv zu sein, den Alltag leichter zu organisieren und damit ihre Lebenssituation schrittweise zu verbessern.
 
Ich hatte die Chance, das in verschiedenen Ländern zu sehen:
Zum Beispiel in Bulgarien, wo eine landwirtschaftliche Genossenschaft von drei Frauen geleitet wurde: durch einen Kredit hatten sie eine Aprikosen-Plantage angelegt und mit den Erlösen einen kleinen Dorfladen in ihrem von Landflucht betroffenen Ort eröffnet.
Oder in Kambodscha, wo sich 40 Frauen wöchentlich zu Schulungen über den Umgang mit Geld trafen und danach einen Antrag auf kleine Kredite für ein eigenes kleines Unternehmen stellten. Stolz zeigte mir eine Frau ihre Suppenküche, die sie mit 125 Dollar Startkapital aufgebaut hat. Sie verkauft nun täglich Suppe zum Mitnehmen an die Fischer.
Es war das Selbstbewusstsein und der Stolz, der mich bei diesen Frauen berührt und mit großer Freude erfüllt hat. Sie haben etwas aufgebaut. In Kambodscha zunächst im Kleinen für die eigene Unabhängigkeit und die Lebenssituation der Familie. In Bulgarien für die Beschäftigten der Genossenschaft und für die Dorfgemeinschaft.
Die Vereinten Nationen haben es sich in den neuen nachhaltigen Entwicklungszielen zum Ziel gesetzt, allen Menschen einen Zugang zu Finanzdienstleistungen und Krediten zu ermöglichen.
Genau wie der Ökumenische Rat der Kirchen bei seiner Gründung von Oikocredit 1975 sind die UN der Überzeugung, dass wir auf dem Weg zu einer gerechteren Einen Welt auch ein anderes Finanzsystem brauchen, dass insbesondere Frauen einen Zugang zu Finanzierungen ermöglicht und hier in unserer reichen Welt für ethische Geldanlagen wirbt.
Damit Frauen das umsetzen können, was sie wollen.
Mit ihrer Kraft und ihrem Engagement! Wenn nötig mit unserer Unterstützung, durch unser Bewusstsein für das was Frauen in der Einen Welt wollen, durch unser Konsumverhalten, durch unsere Geldanlagen.
Was Frauen wollen? Eine Entwicklung zu einer gerechten Einen Welt – gerecht im Verhältnis zwischen Norden und Süden und gerecht im Verhältnis zwischen Frauen und Männern.
Wir brauchen nicht erst einen Stromschlag, um zu wissen, was Frauen wollen? Wir haben uns auf den Weg gemacht, wir arbeiten daran, wir sprechen darüber. So wie hier.
Für den nächsten Gang wünsche ich gute Gespräche!

Dieser Internetauftritt gehört zum Studienzentrum der EKD für Genderfragen in Kirche und Theologie (vorher: Frauenstudien- und -bildungszentrum in der EKD, FSBZ).
Besuchen Sie uns unter www.gender-ekd.de.

www.frauenmahl.de benutzt Piwik, eine Open-Source-Software zur statistischen Auswertung der Besucherzugriffe. Mehr dazu.