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Tischreden und Lesekost

Katja Wißmiller - Theologin

3. TISCHREDE zum Frauenmahl am FrauenKirchenFest
Katja Wißmiller @Maria von Magdala, Wettingen 2018

Vielen Dank, liebe Susanne-Andrea, für die Einladung.
Also eigentlich hast Du nicht mich eingeladen, sondern Maria Magdalena. Ich habe dieses Bild von ihr dabei von meinem Account – sie ist ja nur virtuell auf Facebook und Twitter.
Ist jemand hier, die diese Dame kennt? Ich kenne sie leider nicht. Vor sieben Jahren hat das Bibelwerk ihr Gesicht aus einer Fotoagentur gekauft. Sie leiht der Patronin der Bibelpastoralen Arbeit ihr Gesicht. Vielleicht rümpfen sie jetzt die Nase. Alles virtuell! Fake in den sogenannten „sozialen“ Medien.
Ja, stimmt, das Assoziale rauft sich hier zu Gemeinschaften zusammen (mit Betonung auf „gemein“)
Aber die mediale Gewalt gehört mit all ihrer Freiheit in eine Demokratie. Das Assoziale ist Teil davon aber Facebook und twitter sind keine rechtsfreien Räume. Es sind Räume, in denen Wirklichkeit kreiiert und unsere Gesellschaft gespiegelt wird – zersplittert, sagen die einen, vielstimmig die anderen.

Ich bin Maria Magdalena. Ich existiere, weil ich erwähnt bin. Deshalb bin ich real. Als biblische Figur und auf Facebook und Twitter.
...
Meine Geschichte ist Geschichte, aber sie ist halt noch nicht zu Ende erzählt. In jedem Jahrhundert spiegelt die Erzählung meiner biblischen Figur etwas vom vor-HERRschenden Frauenbild. Vor allem in der christlichen Religion geistere ich seit 2000 Jahren herum. Durchaus in Varianten.
Ein Beispiel: Im Frühling diesen Jahres gab es einen Film über mich im Kino. „Mary Magdalene“. Der war gar nicht schlecht – das Drehbuch kam auch aus der Feder von zwei Frauen: Helen Edmundson und Philippa Goslett.
Manche haben sich furchtbar aufgeregt, dass Jesus darin aussah wie fünfzig. Das ist ja historisch gar nicht möglich. Also ich fand Jesus in diesem Film wunderbar getroffen. Etwas verwahrlost vielleicht. Jesus ist eine Seele von Mann. Aber eben eine Seele, die den Tod vor Augen gesehen hat. Das ist eine alte Seele. Ich fand das sehr passend, dass er älter aussah.
Ich, also die Rolle der Mary Magdalene, bin in diesem Film die junge Frau an seiner Seite: die Schöne, schlanke und reinliche mit knackigem Busen unter dem Leinen... hmmm ja, ich bin auch ein Kind meiner Zeit – ich fand mich da auch sehr gut getroffen.
Doch ein alter Jesus ist eine bewusste Entscheidung der Filmschaffenden gegen sein historisches Alter. Ich warte noch auf eine Tradition, die mich als ältere und weise Frau erzählt. In der Bibel steht nichts über mein Alter – ich könnte tatsächlich auch älter sein, eine Witwe, eine kinderlose, eine Mutter ...

Was ich in diesem Film sehr mag ist die Kameraführung von Greig Fraser! IEin Beispiel, das vielleicht zu unserem Essen passt:

Die Szene am Vorabend der Hinrichtung.
Da sitzen sie am Boden sich auch so gegenüber wie wir jetzt. In der Szene sieht man zuerst: Simon. Die Kamera filmt von hinten. Man sieht nur Simon, der in der Kirche für Ämter und die patriarchale Hierarchie steht und den Petrus, den Felsen, den nichts ins Wanken bringt.

(→Einschub: Übrigens kamen bei meinem Namen, Maria Magdalena nur weinge auf die Idee, dass Magdala für „Turm“ steht, der Orientierung bietet und Schutz ... Maria der Turm – so wie Petrus der Fels. Aber ja, natürlich gibt es Orte wie Migdal, Magdala, die nach ihrem Turm benannt sind – Orte, die wie Aarburg oder Felsberg bei Chur, die etwas charakteristisches vor Ort im Namen tragen. Aber niemand kommt auf die Idee, dass Simon Petrus aus Stein am Rhein oder Felsberg bei Chur kommt.)

Aber zurück zum Film „Mary Magdalene“: Kamaraführung. Letztes Abendmahl:
Der Kameramann hockt hinter Simon. Seine Kamera hockt ihm im Nacken und kommt langsam vor hinter diesem Berg von Mann. Die Stimmung beim Essen ist Liturgie pur! Eine Abendmahls-Szene wie gemalt. Nicht so organisiert chaotisch, wie ich es eigentlich von jüdischen Festessen gewohnt bin, sondern geordnet, wie auf einem Da Vinci-Gemälde. Und dann, wenn man an Simon, dem Fels, vorbei kommt, wird der Blick frei auf Jeshua ... Jesus, der ihm gegenüber sitzt und daneben der Lieblingsjünger – ... ja, ich! Da sitze ich: Maria Magdalena. Das ist so schön bildlich erzählt im Film. Aber: ich bin in der Szene die einzige Frau. Das ist dann doch wieder sehr unrealistisch.
Aber auch das ist unser Zeitgeist. Eine Quotenfrau – o.k., aber sobald wir mehrere sind, oder die Quote gar 50% sein soll, wird zurück gerudert.
Eine Frau an Jesu Seite steigerte mit Sicherheit seine Popularität. Eine leicht anrüchige Frau machte seine Geschichte interessant. Und diese Rolle war noch frei. Für mich.

Sie wissen ja, dass mich Papst Gregor im 7. Jahrhundert zur sündigen Prostituierten erklärte. Ganz ehrlich: Das war reine PR. Ich ließ mich so „uhuereguet“ verkaufen als gefallene Frau. Man kann auch sagen: Vielleicht war es mein Glück, dass man mich so nicht vergessen hat, obwohl fast nichts über mich in der Bibel steht? Das Präfix „huere“ oder „uhuere“, das wir hier kennen, verstärkt in unserer Sprache das unmittelbar folgende Wort.
Doch als reuige Sünderin diente ich eher zur Verstärkung der Männerfiguren. Sie kamen so etwas besser weg.
Viele Frauen kennen das, dass sie karrikiert werden, in Kontrast zum Männlichen dazu dienen, entweder unantastbar heilig zu sein oder eben Menschen zweiter Klasse.
Aber wir leben in Postpatriarchaler Zeit. Daran halte ich fest. Es liegt auch an uns, hier eine neue Narrative weiterzugeben. Das Nor-male ist nicht mehr männlich, auch wenn wir Rückschläge erfahren.
Einen solchen Rückschlag erlebte ich letztes Jahr in Israel. Dort fand man in Migdal eine sehr alte Synagoge. Prompt bauten die „Legionäre Christi“ dort ein „Magdala Center“ neben und über den Ausgrabungen. Ich bin nicht die einzige Frau, mit deren Namen dort christliche PilgerInnen angelockt werden.

In der Eingangshalle zur Kirche sind große Frauennamen mit goldenen Lettern auf Marmorsäulen verewigt: Phöbe, Lydia, die Schwiegermutter des Petrus... Da hat sich bestimmt jemand auf die Schultern geklopft, wie genderbewusst gebaut wurde. Für mich sehen die Säulen eher aus wie Grabsteine. Der eigentliche Kirchenraum, der wird von 12 Männern an den Seiten dominiert: 6 überlebensgrosse Tafeln mit Ganzkörperportrait links und weitere 6 Apostel rechts. Vorn versperrt ein Schiff die Sicht durch die Glasfront, dahinter der See Genezareth. Aber eben: Auf dem Schiff viel Holz und irgendwo, Altar und Ambo, an dem ein 13. christlich geweihter Mann, das Steuer in der Hand hält oder auch die Messe.

Wie sähe die Kirche wohl aus, wenn ich als Apostelin dabei wäre? Wären es dann immer noch die symbolischen Zwölf und wer würde mir seinen Platz dann abgeben?
Dass Papst Franziskus mir vor zwei Jahren diese für die Kirche vielleicht wichtigste Rolle zurückgab, ist ein guter Schritt in die Richtung, die ich mir für die österliche Bewegung wünsche.
Als Frau zur Apostelin berufen zu sein, ist ja nichts Neues – schon Paulus hat darüber geschrieben ... aber konserviert wurden Bilder und Rollen der Figuren, die eine zeitlang in der Gesellschaft funktionierten. Aber was lange konserviert wird, schmeckt eben auch so. Durch all die Jahrhunderte mussten wir, Jesus und ich, jung bleiben. Doch das letzte Jahrhundert brach seine Rolle auf: Jesus darf sich in jedem Menschen widerspiegeln (das ist auch die biblische Antwort darauf, wo man ihn findet). Er durfte alt sein, in der Kunst sogar eine Frau und in der womanistischen Theologie sogar eine schwarze Frau. Ich möchte, dass meine Rolle auch wieder neu aus der Konserve gelockt wird. Ja, ich stecke in Konserven und ein Platz auf der Reservebank war nicht vorgesehen.
Aber keine Sorge. Ich brauche wenig Platz in der Kirche. Als Patronin, Apostelin und Zeugin der Auferstehung nehme ich keinen Platz, ich bereite ihn für jede Generation neu und möchte selbst in Bewegung bleiben.
Aber bevor ich weitergehe, nehme ich mir noch etwas Dessert und möchte mit Euch das süsse Leben geniessen, zusammen mit und im Andenken an die, die es bitter erkämpft und erstritten haben, die dafür verhöhnt, gefoltert, gekreuzigt und deren Ideen immer wieder begraben wurden.
Aber, dabei bleibt es nicht: Geniesst das Aufstehen – nach jedem Rückschlag!
„Das ist nicht das Ende. Es ist der Anfang.“

Dieser Internetauftritt gehört zum Evangelischen Zentrum Frauen und Männer gGmbH, Fachbereich Evangelische Frauen in Deutschland.
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