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Tischreden und Lesekost

Dr. Eske Wollrad - Geschäftsführerin Ev. Frauen in Deutschland (EFiD)

Oldenburg 31.10.2012


„[...] Geschichten und Geografien [fallen] ineinander [...]: Hier mündet der Rhein in den Golf von Genua und die Elbe in den Bosporus; hier werden die ostfriesischen Inseln vom Pazifik umspült; hier kann man vom Erzgebirge aus über das Mekong-Delta blicken; hier ist der Atlantik nicht breiter als die Spree. Die Gesichter

der Menschen am Ufer sind klar zu erkennen, ihre Stimmen deutlich zu hören.“ [1]

Mit diesen Worten beschreibt die Schwarze deutsche Theoretikerin des Postkolonialismus Nicola Lauré al-Samarai eine der drängenden Herausforderungen, der sich Deutschland, der sich die Festung Europa zu stellen hat.

Die Geografie stimmt nicht mehr. Irgendwas ist verrutscht. Die Elbe mündet in den Bosporus, der Atlantik ist nicht breiter als die Spree. Ferne Kontinente rücken bis auf wenige Meter heran. Die vertrauten Geschichten werden unverständlicher, denn ständig redet irgend jemand dazwischen. „Die Gesichter der Menschen am

Ufer sind klar zu erkennen, ihre Stimmen deutlich zu hören.“

Der Traum, dass die Anderen weit weg an entfernten Ufern wohnen und ihre Stimmen unhörbar sind, ist geplatzt. Die Türken stehen nicht mehr vor Wien, sondern neben den Weißen Deutschen an der Kasse, und sie

schwenken ihren deutschen Pass. Die Elbe mündet in den Bosporus.

Die Bundeskanzlerin erklärt Multikulti eilig für gescheitert, ein CDU-Abgeordneter fordert für eine gehbehinderte Kollegin: „Wir brauchen einen Neger, der den Rollstuhl schiebt.“ [2]

Thilo Sarrazin beschreibt das ultimative Horrorszenario: „Deutschland schafft sich ab!“ Sein Buch gehört zu den meistverkauften Sachbüchern seit Gründung der BRD (1,5 Millionen Exemplare).

Geschichten fallen ineinander. Ein Gespenst geht um in Deutschland: Es heißt „Überfremdung“. Viele sehen das so. Nach Umfragen sagen fast 38% (37,7) Prozent der Deutschen in Ost ebenso wie West: Die Bundesrepublik ist durch die vielen Ausländer in einem gefährlichen Maß überfremdet. [3]

Überfremdung ist eine Gefahr, Überfremdung macht Sorge – auch unserem Bundespräsidenten. Im Frühjahr sagte Joachim Gauck in einem Interview, zwar sei die Absicht, ein einladendes Land zu sein, lobenswert, doch dabei Fremdheit und Distanziertheit zu übersehen, sei ein großer Fehler. Er betont besonders die

Unterschiede zwischen Deutschen und Menschen mit Einwanderungsgeschichte, besonders Muslimen.

Deutschland habe „ganz andere Traditionen“ und Menschen, nicht nur in Deutschland, sondern in ganz Europa, reagieren „allergisch, wenn sie das Gefühl haben, das was auf dem Boden der europäischen Aufklärung und auch auf dem religiösen Boden Europas gewachsen ist, überfremdet wird“. Das Wort

„Überfremdung“ benutzt Gauck bewusst, wohl wissend, dass es in Deutschland „verpönt“ ist, wie er sagt. Seine Kritik am Islam ist eine grundsätzliche. „Der Ansatz des Islam ist nicht durch eine Reformation gegangen wie in Europa und auch nicht durch eine europäische Aufklärung“ [...]. „Jetzt einen Zustand zu

beschreiben als wäre dieser kulturelle Schritt innerhalb der muslimischen Welt schon vollzogen, täuscht uns über diese Fremdheit, die nach wie vor existiert“, so Gauck weiter. [4]

Die Reformation als zivilisatorisches Projekt, gewissermaßen als benchmark für den Ausweis kultureller Fortschrittlichkeit! Europa, die Erwachsene, gereift durch Reformation und Aufklärung, der Islam, kindlich, unreif, zurückgeblieben.

Erfolgte nach dieser Äußerung Gaucks von der Kirche ein Aufschrei der Empörung? Eine Kritik an einem Verständnis von Reformation, als wäre diese nichts weiter als ein Programm zur Demokratisierung und Leseförderung? Es gab keinen Aufschrei.

Und das ist konsequent reformatorisch gedacht.

Die Reformation hatte alte Stereotypen aufgenommen: Konstruktionen des Islam als Macht des Antichristen und Bilder der Türken als kulturell zurückgebliebene Barbaren.

Martin Luther instrumentalisierte die ‚Gefahr’ der osmanischen Expansion kirchenpolitisch. Es gelte, zunächst den „inneren Türken“, also den Papst zu besiegen, bevor man sich daran machen könne, gegen den Großtürken von Istanbul loszuschlagen, die er beide für Inkarnationen des Antichristen hielt.

„Der religiös-theologische Alteritätsdiskurs, der die Muslime zur Antithese der europäischen Christenheit [...] machte, generierte neue Identität stiftende Selbstbilder. Das Feindbild ‚des Türken’ wurde zum integralen Bestanteil der ‚europäischen Abgrenzungsidentität.’“ [5]

Wir gegen die Anderen – genau diesen Bestandteil des reformatorischen Erbes hat Pfarrer Gauck wiederholt und neu belebt.

Zeiten fallen ineinander.

Ecclesia semper reformanda est.

Die Kirche bedarf der kontinuierlichen Erneuerung. Das gehört zu ihrem Wesen.

Heute ist sie vor eine anspruchsvolle Herausforderung gestellt, nämlich die, sich einer großen Ökumene zu verschreiben, die den interreligiösen Dialog einschließt.

Wenn sie das nicht tut, passiert das, was wir gerade im Zusammenhang mit der Initiative „Ökumene jetzt!“ gesehen haben. Dieser Aufruf, der für ein Miteinander von römisch-katholischen und evangelischen Menschen wirbt, hat ein sehr großes positives Echo gefunden. Auf dem Blog zur Initiative schreiben viele begeistert, wie

wichtig es gerade jetzt sei, sich als Christen zusammen zu schließen – gegen den Islam.

Anstelle von Abgrenzungsidentitäten, von Feindbildern und Hass brauchen wir klare Worte und einen offenen Geist. Der Bundesverband Evangelische Frauen in Deutschland hat auf seiner Mitgliederversammlung vor drei Wochen ein Papier zum Ökumenischen Profil verabschiedet, in dem es heißt.

„Angesichts der wachsenden Islamfeindlichkeit in der deutschen Gesellschaft wie in anderen europäischen Ländern gilt es [...], zwischen Religiosität und kulturspezifischen Ausdrucksformen zu unterscheiden und jeder verallgemeinernden und verzerrenden Darstellung des Islam entgegen zu treten. EFiD setzt sich für einen interreligiösen Dialog ein, der die Vereinnahmung religiöser Traditionen durch patriarchale Definitionsmacht ebenso kritisiert wie die Gleichsetzung von Religiosität mit Frauenfeindlichkeit und Rückständigkeit.“ [6]

Der Geist, der dieses Papier trägt, ist folgendermaßen beschrieben:

„EFiD versteht die Vielfalt der Religionen als eine bereichernde und anspruchsvolle Normalität. Dies macht einen ständigen interreligiösen Dialog notwendig, der sich darum bemüht, Gemeinsames zu erkennen und zu benennen, ohne Unterschiede zu leugnen – getragen von der Einsicht dass das Wahre, Gute und Gerechte niemals Besitz bestimmter Menschen oder Kulturen ist, sondern stets unverfügbar und zukünftig bleibt.“ [7]

In einer Zeit der verrutschten Geografien, der ineinander geschobenen Zeiten und Geschichten braucht es einen Geist, der auf das Unverfügbare besteht und Grenzen unterwandert.

Ich möchte schließen mit einen Graffiti, das ich neulich an einer Häuserwand las und das mein Anliegen trefflich auf den Punkt bringt:

„Deutschland den Deutschen, Indien den Indianern!“


Danke.


1 Kien Nghi Ha, Nicola Lauré al-Samarai, Sheila Mysorekar: Einleitung, in: Dies. (Hg.), re/visionen. Postkoloniale Perspektiven von People of Color auf Rassismus, Kulturpolitik und Widerstand in Deutschland, Münster 2007, 21.

2 Randoph Krüger 2008.

3 Universität Leipzig, 2004.

4 Das vollständige Interview ist zu sehen bei: http://www.youtube.com/watch?v=-_woXlCSmIw

5 Felix Konrad: Von der 'Türkengefahr' zu Exotismus und Orientalismus: Der Islam als Antithese Europas (1453–1914).

6 http://www.evangelischefrauen-deutschland.de/images/stories/efid/Positionspapiere/efid_oekumenisches_profil.pdf, S. 12.

7 Ebd.

Dieser Internetauftritt gehört zum Studienzentrum der EKD für Genderfragen in Kirche und Theologie (vorher: Frauenstudien- und -bildungszentrum in der EKD, FSBZ).
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