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Tischreden und Lesekost

Nigar Yardim - Muslimische Theologin und Erziehungswissenschaftlerin, Duisburg

„Perspektive einer Muslimin“

Zukunft der Evangelischen Kirche – Rolle der Frauen

Liebe Veranstalterinnen

Ich möchte mich ganz herzlich für die Einladung bedanken. Insbesondere auch deshalb, weil ich als „Fremde“ (anmaßend) zu Ihnen sprechen darf und Ihre Zustimmung vorausgesetzt von außen auch ein wenig kritisch werden darf.
 
Meine These:
Die Kirchen aber nicht nur die Kirchen, sondern Religionsgemeinschaften allesamt sind auf Profilsuche
Christinnen und Musliminnen sind dies vielmehr, und evangelischen Christinnen erst recht

Eine klare Positionierung der Religionsgemeinschaften so auch der Kirchen Muslimen gegenüber ist wichtig – allerdings darf diese Positionsbestimmung sich nicht in einer klaren Abgrenzung ausdrücken, sondern muss in einem Dialog auf Augenhöhe bestimmt werden. Die Position der „Anderen“ wird als Anlass genommen, die Authentizität des eigenen kritisch zu hinterfragen. Ich glaube, dass im interreligiösen Dialog der Frauen evangelische Christinnen eine bedeutende Rolle spielen werden.

Warum denke ich so?
Die enormen Veränderungen unserer Gesellschaft machen es mittlerweile möglich, dass Religion und Religiosität ohne jeglichen Bezug zur Kirche aufgebaut werden können. So entstehen z.B. in Internetforen sog.  Cyber-Religionen, die oftmals aus einer religiösen Mixtur bestehen und nicht klar einer einzigen Religion zugeordnet werden können. Aber auch das wachsende Interesse am Okkultismus z.B. fordert die Religionsgemeinschaften heraus und erweckt bei nicht wenigen von uns ein Bedürfnis nach Veränderung und Anpassung an die Bedürfnisse der Menschen. Sie bringen uns mit ihrem Verständnis von Religion, Spiritualität und Übersinnlichem in eine Konkurrenzsituation, in der es nicht mehr um den Geist der Botschaft geht, sondern um die Gunst der „Wähler“.  In solch einer Situation vermag es verlockend zu sein, das Eigene durch Abgrenzung von anderen zu definieren. Es heißt dann nicht mehr „Wir sind...“ sondern „Wir sind nicht…“. Aber gibt diese Haltung christlichen Glauben und christliches Handeln wieder?

Unsere heiligen Schriften sind für uns Quellen, aus der wir immer wieder unser Wissen schöpfen.  Wenn wir dies tun, machen wir es nicht aus einer fundamentalistischen Haltung heraus, sondern als Ausdruck einer tiefen Religiosität; im Wissen, dass die Offenbarung immer wieder (neu) befragt werden kann und uns jedes Mal einen anderen, tieferen Einblick gewährt.

Als Muslima, die mit einer Religion von Grenzen groß geworden ist, habe ich in meinen ersten Begegnungen mit evangelischen Christen und Christinnen diese als „grenzenlos“ erfahren. Jeglicher Versuch von mir einen Bezug zur heiligen Schrift herzustellen - etwa indem ich hervorhob, dass das eine oder andere Islamische in der Bibel ebenfalls zu finden ist- scheiterte, weil ich auf ein „anderes“ Schrift- und Grenzverständnis verwiesen wurde. Ich hatte den Eindruck, dass vieles verkompliziert wird, obwohl es in Wirklichkeit gar nicht so kompliziert ist. Wohl bemerkt, mit katholischen Christinnen war es auch nicht einfacher.

Mittlerweile finde ich mich selbst in Gesprächen mit Muslimen wieder, wo wir gar nicht aufhören wollen zu forschen und zu graben und zu hinterfragen. Aber manchmal sagt eine von uns: Nenn mir die fünf Säulen! So wie dieser Satz uns zum Fundament zurück bringt, behaupte ich, dass wir eine Handhabe brauchen, die uns auf den Boden der Tatsachen zurückbringt.  Denn diese Handhabe ist unsere Anleitung zum Leben, sie ist unsere Stütze, an die wir uns gerade im Konkurenzzeitalter der Religionen festhalten können.
Das Bekenntnis zu Gott, die Versorgung unseres Geistes und unseres Körpers, Da-Sein für unsere Mitmenschen und vor allem den Bezug zur Geschichte nicht verlieren, das sind Säulen, die uns aufrecht stehen lassen.
Zugegeben, das ist eine etwas andere Benennung der fünf Säulen, die sich traditioneller Weise im Glaubensbekenntnis, im rituellen Gebet, Fasten, Pilgerfahrt und der Sozialabgabe  ausdrücken. Aber was ich meine ist: Lassen Sie uns festhalten:
Wir glauben an Gott, unseren Schöpfer.

Daher ist meine Botschaft: Weder wegen der wachsenden Konkurrenz, noch aufgrund eines Anpassungsdrucks an vermeintliche Fortschritte der Zeit dürfen wir den Blick für das Wesentliche verlieren: Wir glauben an Gott. Es ist vielleicht uncool mitten in die Runde „Nenn mir die fünf Säulen“ zu rufen - aber gerade dieses Potential habe ich bei evangelischen Frauen gesehen: Sie können mitten in die Runde „Und was sagt Jesus dazu“ rufen, auch wenn sie schief angeguckt werden.  

Die Veränderungen unserer Zeit haben- und das möchte ich betonen-  auch die Bedeutung von Religion noch einmal hervorgehoben. Sie zeigen zugleich den Hunger unserer Welt nach Ritualen auf. Und Vielmehr: Viele der „alten“ Rituale , die von vielen von uns als „nicht mehr aktuell“ abgelegt worden sind, werden in neuen Deckmänteln präsentiert: Z.B. als Grenzerfahrungen. Diese brauchen wir nicht - wir haben unser Gebet, wir haben unsere Gemeinschaft, wir haben unseren Glauben an Gott. Mit Ihm stehen wir außer Konkurrenz.

Dieser Internetauftritt gehört zum Studienzentrum der EKD für Genderfragen in Kirche und Theologie (vorher: Frauenstudien- und -bildungszentrum in der EKD, FSBZ).
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