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Karin Lindner: Geschmeckte Worte

Marburger Frauenmahl:


Geschmeckte Worte – gehörter Genuss

Wo sonst werden Geist und Gaumen so gemeinsam angeregt?

Die Worte zu sich nehmen, die Speisen zu sich nehmen –was vermischt sich da beim Kauen und Verdauen?

Der Genuss der guten Gaben Go   ttes, so würde- und kunstvoll bereitet, und Zukunftsvisionen für Kirche und Religion zu Gehör bringen – hier vermischen sich leibliche Erfahrung und geistige Nahrung zu einer ganzheitlichen Sicht-, Spür-, Denkweise über unser Leben.

Solcher Art Gedanken und genüssliche Nachgeschmäcker haben mich in den Tagen nach dem Frauenmahl in Marburg begleitet. Es waren eindrucksvolle Worte und eindrucksvolle Bilder von Raum, Essen, Frauen, die mir immer wieder vor Augen, in den Ohren, auf der Zunge waren.

Dass dieses Zusammen-Erfahren war wesentliches Merkmal der Veranstaltung und machte es zu einem Gesamtkunstwerk. Die Bezüge zwischen Personen – Lebensmitteln, Essen – Gedanken, Gesamtraum – Tischgemeinschaften ließen das Marburger Frauenmahl mehr sein: mehr als ein Festessen, mehr als gute Reden, mehr als eine Veranstaltung im historischen Ambiente. Die ‚Weltsicht der Bezogenheit’ wurde so noch einmal ganz neu erfahrbar!

Ich möchte 3 Aspekte herausgreifen – teils aus Tischgesprächen, teils als eigene Reflexionen und Resonanzen:


1.Zukunft von Kirche – Offenheit, Dialog, Wahrheitsfrage, neue Sprache und Bilder

Es scheint einen Konsens zu geben, dass Kirche sich als offenes System verstehen soll. Identität scheint sich nicht mehr über Abgrenzung definieren zu wollen, sondern über ein Gemeinsames in Diversität, das haben wir von unterschiedlichen Rednerinnen gehört. Die Gewichtungen von ‚Gemeinsamem und Diversität werden dann sicherlich unterschiedlich gesehen. Ich frage mich: Wo wird diese Herausforderung wirklich bearbeitet? Reichen Milieuanalysen aus, oder müssen nicht Selbstreflexion des kirchlichen Handelns und – tiefergehend noch - unsere theologische Haltung dazu thematisiert werden? Was heißt ‚Offenheit’ und wie lebt sich wirkliche und nicht nur die von den Insidern postulierte Offenheit?

Dass die Relativität von Wahrheitsansprüchen in den Religionen von einer Muslima formuliert wurde, hat mich und uns am Tisch sehr bewegt und eben nach unserer Haltung dazu fragen lassen.

Eine neue Sprache – ohne die eingeübten internen kirchlichen Schlüsselbegriffe – kann dazu wesentlich beitragen, das machte der Beitrag von Dr.Elke Eisenschmidt eindrücklich klar.


2.Gelebte Gemeinschaft

Gemeinsam Mahl halten haben wir am Tisch als starkes Zeichen erlebt. Hier manifestiert sich leib-geistig das, was verheißen ist als einstmals große Tafel, gedeckt in Fülle für alle. Dies im historisch gefüllten Raum zu tun, wo das Verständnis des Abendmahls vor 500 Jahren Thema war, war atemberaubend. Ich hätte mir noch klarere Worte in Richtung Ökumene gewünscht: Dieses Mahl muss heute gemeinsam stattfinden: in der Ökumene der Konfessionen schon längst, als gelebtes Zeichen mit Menschen anderer Religionen immer mehr und als offenes Angebot über das eigene Milieu hinaus als die uns von den urchristlichen Gemeinden her aufgegebene Herausforderung.


3.Freiheit, Power, Provokation

Die Freiheit zu sagen, was frau denkt – in vielen Redebeiträgen war dies spürbar. Und doch hätte ich mir noch mehr Provokation gewünscht: Herausrufung, die etwas hervorruft: eine Resonanz, eine Reaktion, die dann wiederum Bewegung bringt. Viele konsensuale Richtigkeiten sind bestärkend, aber Bewegung bringt das Anstößige, das Provokative, das schon mindestens 3 Schritte weiter Gedachte und Formulierte. Noch mehr Mut und innere Freiheit wünsche ich mir da für die kommenden Frauenmahle!

Apropos Bewegung: So viele spannende Gedankenanstöße wollen nicht nur besprochen werden, sondern auch bewegt. Wir brauchen Ausdrucksmöglichkeiten, in denen Eindrücke verarbeitet, gewandelt, in Energie umgesetzt werden können. Mehr Power und Bewegung zulassen wünsche ich mir für die kommenden Frauenmahle!


Zum Schluss:

Ein großer Dank für die Ideenfinderinnen, Organisatorinnen, Gestalterinnen und Rednerinnen des Marburger Frauenmahls! Ich bin sicher, das damit eine neue Veranstaltungs-Kultur angestoßen ist!

Karin Lindner, Pfarrerin der Evangelischen Frauen in Württemberg, Stuttgart

Dieser Internetauftritt gehört zum Studienzentrum der EKD für Genderfragen in Kirche und Theologie (vorher: Frauenstudien- und -bildungszentrum in der EKD, FSBZ).
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