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Petra Dais: Wie schmeckt Kirche?

Marburger Frauenmahl:


Wie schmeckt Kirche? Den vollen Geschmack auf der Zunge und der bittere Beigeschmack...


Viel wurde aufgetischt und es war wunderbar performativ, so dass die Fülle den Hunger auf mehr weckte und nicht den Leib ermattete. Dieses Frauenmahl hat es geschafft, den Glauben an die „Gemeinschaft der Heiligen“ zu wecken. Gegen Kirchenverdrossenheit, gegen die Haltung „Religion kann gut ohne Kirche gelebt werden“, gegen das oft so belanglose Kirchengeschwätz. Wieder zurück im Kirchenalltag wird deutlich, warum wir solche Frauenmahle brauchen, warum ihr Nachgeschmack auf unseren Zungen lebensnotwendig ist:


...und ich kaue in meinem Alltag weiter auf den Sätzen herum....

„Unsere Zusammenkunft heute und hier an diesem Ort ist exemplarisch dafür, wie unsere Zukunft auszusehen hat: Interreligiös und interkulturell in ständigem Dialog und Begegnung mit allen Menschen, unabhängig von ihrem Glauben und ihrer Lebenseinstellung. In Versöhnung und Achtung sich gemeinsam für eine bessere Welt einzusetzen.“ (Hamideh Mohagheghi)

Wenige Wochen nach diesem Frauenmahl entlässt unsere Kirchenleitung in Württemberg eine Vikarin, weil sie einen muslimischen Mann geheiratet hat. Das ist bitter auf der Zunge und ich frage: „Und warum hat meine Kirche nicht den Mut, dieses interreligiöse Paar im Pfarrhaus Willkommen zu heißen, damit es gerade dort das Modell „interreligiöses Zusammenleben“ praktiziert?

Interreligiöse Existenz – wie sehen in Zukunft unsere Gottesdienste, unsere Kirchenräume, unsere evangelischen Kindergärten, unsere evangelische Jugendarbeit ... aus? An unserem Tisch beim Frauenmahl haben wir rege von dieser Vision geträumt und Ideen gesponnen für den Umbau von Kirchen – während wir den Geschmack von Kardamon, Koriander, Kreuzkümmel und roter Beete auf unseren Zungen schmeckten.

„In der Schatzkiste der Religionen können wir gemeinsame Werte und Prinzipien entdecken, die als Grundlage unseres Zusammenleben und Zusammenwirken dienen können. Die Unterschiede sollen nicht ignoriert und abgetan werden, sie können Interesse und Neugier erwecken und für anregende und ertragreiche Diskurse sorgen.“ (Hamideh Mohagheghi)


...und ich kaue in meinem Alltag weiter auf den Sätzen herum:

„Niemand und nichts existiert in diesem Universum ohne Beziehung zu anderem. Auch wenn ich es nicht weiß, haben meine Entscheidungen und Handlungen Konsequenzen, die andere betreffen. Dies gilt mehr denn je in einer global vernetzten Welt. Wo dieses Aufeinander Bezogensein und Aufeinander Angewiesensein ernst genommen wird, wo dieses Bewusstsein auch als Handlungsmuster wirksam wird, kann man sich gegenseitig Würde zugestehen.

Darüber hinaus brauchen wir eine neue Kultur der Fürsorge, in der Lasten und Gewinn gerecht verteilt werden und ein neues Wertesystem, das vom (faktisch schon überholten) Monopol westlicher Werte, Denk- und Handlungsmuster befreit. ... Jesus (lädt) heute uns alle, aus allen Gegenden der Ökumene, der einen Welt ein, damit an uns die organische Verbundenheit mit Gott und unseren Mitgeschöpfen erkennbar wird.“ (Dr. Meehyun Chung)

Frau Chung spricht in Alltagsbildern vom „Brot, das aus vielen einzelnen Körner zu einem Ganzen wird“ und inspiriert uns an unserem Tisch zur Fragen, wie diese Bezogenheit konkret werden kann – im Denken und Handeln. Wie können Menschen, die in Entscheidungspositionen stehen, die Haltung der Bezogenheit einüben? Sind nicht Leitungspositionen per se dazu verdammt, dass der Alltag verschwindet? Hat Frau Merkel in der letzten Zeit mal ein Brot gebacken oder ein krankes Kind eine Nacht lang getröstet?

Gerade die jungen Frauen in unserem Tischgespräch sind sehr kritisch gegenüber Frauenquoten in Leitungspositionen, sie sagen: „das macht die Welt auch nicht besser, wenn Frauen etwas zu sagen haben!“ Warum macht es Sinn, dass Frauen sich zu Frauengruppen zusammenschließen, Frauenmahle feiern? Wir älteren Frauen hören verwundert, dass die jungen Frauen noch nie an einer Veranstaltung „nur für Frauen“ teilgenommen haben. Unsere Diskussion nimmt eine interessante Wende, als wir die Sätze von Frau Chung diskutieren:

Ich bin zuversichtlich, dass uns Frauen die umfassend gelebte Ökumene gelingen wird; denn wir sitzen nicht nur zu gemeinsamen Verhandlungen zusammen, sondern leben und feiern ganz praktisch im Alltag gemeinsam unseren Glauben. Weil es noch immer eine weltweite Tatsache ist, dass wir Frauen die unsichtbaren Dimensionen der Hausarbeit kennen, weil wir noch immer den größten Teil dieser unbezahlten Arbeit im Haus und für die Familie leisten, weil wir wissen, wie viel es braucht, bis ein Brot gebacken, ein Kleid genäht, ein Kranker gesund gepflegt ist, sind wir dazu aufgefordert, kritisch über die Privatsphäre hinaus gesellschaftlichen Strukturen und ihre Folgen für die Bevölkerung des Südens zu hinterfragen. Somit entsprächen wir dem Willen Gottes in der Gesellschaft... (Dr. Meehyun Chung)

Leitungsqualität, die unsere Welt bräuchte, hat mit Alltagsnähe zu tun, mit der eigenen Erfahrung von existentiellen Lebensthemen. Dafür sollten wir uns einsetzten, dass Menschen, die um existentielle Lebensfragen wissen, etwas zu sagen haben und andersherum: Jede/r Machtausübende sollte eigene Erfahrungen mit existentiellen Lebensfragen haben. Aktuelle Lebensbiografien ermöglichen das nur schwer. Das Bildungssystem in Deutschland fördert das „entweder oder“.


Die Künstlerin Gabi Erne hat mit ihren zwölf Skulpturen für die Rednerinnen diesen Mangel in unserer Welt sichtbar gemacht. Was in der Küche im Müll landet hat sie in poetische Skulpturen verwandelt. Zwiebelschalen tanzen auf dünnen Drähten, der Strunk eines Kürbis schaut vergnügt in die Runde... .

„Wenn ich den Abfall präsentiere, ist das die Wertschätzung der Hintergrundarbeit die geschieht – das ist Schönheit.“ (Gabi Erne)


An diesem Abend wurde aufgetischt, was gesagt werden muss und es wurde erinnert an Schätze in unserer Kirche. An diesem Abend haben wir sie genossen – die Fülle – wohl wissend und ahnend, dass es viel Arbeit sein wird, bis aus den Visionen Wirklichkeit wird!


Petra Dais, Pfarrerin Stuttgart. Petra.dais@ejus-online.de


Dieser Internetauftritt gehört zum Studienzentrum der EKD für Genderfragen in Kirche und Theologie (vorher: Frauenstudien- und -bildungszentrum in der EKD, FSBZ).
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