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Kristin Flach-Köhler: Sich einmischen

Frankfurter Frauenmahl:


Sich einmischen, von Gott reden aber nicht das Wort „Gott“ sagen
 
Erstes Frankfurter Frauenmahl mit Tischreden zur Zukunft von Religion und Kirche in der Gesellschaft.


...und ich war dabei. Keine Selbstverständlichkeit, denn die 80 Tischplätze waren schnell vergeben.


Bereits am Eingang wurden die fröhlich erwartungsvollen Frauen mit einem Glas Sekt begrüßt. An den festlich geschmückten Tischen in den von der lang ersehnten Frühlingssonne durchfluteten Räumen in Römer9, Frankfurt mit Blick auf die Evangelische Nikolaikirche und den Katholischen Dom, nahmen sie Platz und kamen rasch miteinander ins Gespräch. Für viele Frauen ein willkommenes Wiedersehen von langjährigen Mitstreiterinnen. Die Tischreden sollten Antworten geben auf die Frage: Mit welchem Beitrag sollen Religion und Kirche auf die großen gesellschaftlichen Herausforderungen reagieren? Für die Politikerinnen stand zweifelsfrei fest: Mischen Sie sich ein in die politischen Debatten! Sie haben als Kirchenfrauen etwas zu sagen. Sie können uns unterstützen. Wir brauchen eine Politik jenseits des liberalen Wachstumsdenkens auf Kosten eines Großteils der Weltbevölkerung. Wir brauchen ein Umdenken auf vielen Ebenen politischen und gesellschaftlichen Handelns.


Während in diesem Punkt Einigkeit herrschte, nahmen viele Frauen Antje Schrupps Eingangsbeitrag als Provokation auf. Ihren Gedanken widme ich diesen Blogbeitrag. Als Feministin, Theologin, Publizistin und „Bloggerin des Jahres 2012“ ist sie bekannt und vielen auch als Redakteurin der regionalen Kirchenzeitung Evangelisches Frankfurt.


Womit hat Antje Schrupp bei diesem festlichen Frauenmahl provoziert?


Die Modernisierungsschübe, so Antje Schrupp, überforderten die kirchlichen Milieus. Das Christentum entferne sich immer mehr aus der Kultur der Mehrheitsgesellschaft. Wie wollen wir aber von Gott in der Welt sprechen, wenn wir keinen Austausch mehr haben? Ihre zugespitzte These: „Wir müssen lernen über Gott zu sprechen, ohne das Wort „Gott“ zu nennen.“ Für Antje Schrupp liegt genau darin der Beitrag von Kirche und Religion. Wie können wir über Gott reden, ohne das Wort Gott zu benutzen? Ich verstehe Antje Schrupp so: Die Chiffre „Gott“ verschleiert das ganz unterschiedliche Verständnis, das ihr zugrunde liegen kann; auch Macht kann mit diesem Wort verbunden sein und Ausschließlichkeit, je nachdem, wer sie für sich in Anspruch nimmt und in welchem und für welchen institutionellen Kontext sie verwandt wird. Das lässt einen offenen Dialog kaum zu.


Der Name Gottes wurde auch in biblischer Zeit nicht ausgesprochen.


Ein  Blick in die Bibel verrät: Der Name Gottes wurde auch in biblischer Zeit nicht ausgesprochen. „Ich bin da, weil ich da bin!“ (Ex 3, 14-15) antwortet Gott Mose, befragt nach seinem Namen. JHWH habe Mose beauftragt. So beginnt die Befreiungsgeschichte des Volkes Israel aus der Sklaverei  Ägyptens. Diese vier Konsonanten JHWH lassen die Verben „sein“ (hawah) und „da sein“/“existieren“ (hajah) anklingen, ohne den Namen auf eine einzige Bedeutung festzulegen. Wenn jüdische Menschen bis heute den Namen Gottes nicht aussprechen, dann folgen sie damit dem Gebot, den Namen Gottes nicht zu missbrauchen (Ex 20,7). Auch Jesus ist in dieser Tradition aufgewachsen und wird sich daran gehalten haben. In dieser Praxis zeigt sich die Heiligkeit und Unverfügbarkeit Gottes. Gott lässt sich nicht auf einen Begriff bringen; Gott ist immer mehr und anders als wir Menschen uns vorstellen können. Luise Metzler, Katrin Keita, Fragen und Antworten zur Bibel in gerechter Sprache, Gütersloh 2009, S. 56ff.


Die Bibel in gerechter Sprache ermutigt zu eigenen Formulierungen.


Die Bibel in gerechter Sprache, 2006 erschienen und von der Evangelischen Kirche in Hessen und Nassau unterstützt, schließt sich dieser Praxis an, Ehrfurchtsworte für den heiligen Namen Gottes zu verwenden. Gott wird hier nicht, wie in den meisten deutschsprachigen Übersetzungen mit „Herr“ übersetzt. Stattdessen bieten die Übersetzer_innen dieser Bibel theologisch verantwortete Varianten an, wie z. B. die Heilige, der Ewige, die Ewige, die Lebendige, ha-Makom (der Ort), Adonaj, die/der Eine usw. In dieser Vielfalt der Gottesanreden zeigt sich, dass Gott mehr ist als das, was Menschen mit Worten sagen können, und dass jeder Versuch der Beschreibung lediglich eine Annäherung sein kann.


Menschen müssen ermutigt und befähigt werden, ihren eigenen Gotteserfahrungen Bedeutung zu geben.


Solches Bemühen, eigene Worte zu finden, für das, was einzelne mit dem Wort Gott verbinden, verstehe ich als kontextuelle Theologie. Sie hat im realen Lebenszusammenhang ihren Ort und ist es wert, jenseits kultureller, religiöser, politischer … Zugehörigkeit miteinander geteilt zu werden, um politische Debatten ganz neu zu beleben. Die Deutung des Gottesnamen kann nicht an Institutionen delegiert werden, wenn es darum geht, miteinander Welt zu denken und zu gestalten. Menschen müssen ermutigt und befähigt werden, ihren eigenen Gotteserfahrungen Bedeutung zu geben und Worte dafür zu finden und diese mit anderen auszutauschen. Was hält mein Leben zusammen? Wo habe ich das gelernt? Von was lasse ich mich leiten? An was orientiere ich mich? Was gibt mir Mut und Hoffnung? Welche Visionen von einem guten Leben für alle tragen mich in die Zukunft? Und auf wen kann ich mich beziehen und von wem oder von was sehe ich mich unterstützt? Und in all diesen Beschreibungen wird dann auch sichtbar, was Menschen mit Gott verbinden und von Gott erwarten.


Welchen Namen, welche Ehrfurchtsworte finden Sie?


Das Frankfurter Frauenmahl ist Teil einer EKD-weiten Fraueninitiative. Es knüpft an eine Tradition an aus dem Hause Luther, nämlich in Verbindung von gutem Essen und Tischreden über Gott und die Welt miteinander ins Gespräch zu kommen. Zu dieser Kooperationsveranstaltung des Arbeitskreises Frauen der Evangelischen Akademie in Hessen und Nassau e.V., dem Landesverband Evangelische Frauen in Hessen und Nassau e. V., dem EVAngelischen Frauenbegegnungszentrum Frankfurt und der Fachstelle Frauenbildung in der Erwachsenen- und Familienbildung im Zentrum Bildung der EKHN, waren gezielt Tischrednerinnen aus Kirche, Gesellschaft und Politik eingeladen.



http://www.frauenmahl.de
http://evangelischesfrankfurt.de/2013/04/politgesprache-bei-tisch
http://www.bibel-in-gerechter-sprache.de


Dieser Internetauftritt gehört zum Studienzentrum der EKD für Genderfragen in Kirche und Theologie (vorher: Frauenstudien- und -bildungszentrum in der EKD, FSBZ).
Besuchen Sie uns unter www.gender-ekd.de.

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