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Margit Fleckenstein: Ungehaltene Reden ungehaltener Frauen

Grußwort von Justizrätin Margit Fleckenstein, Präsidentin der Landessynode der Evangelischen Landeskirche in Baden, zum Heidelberger Frauenmahl am 27. Oktober 2013


Sehr geehrte Damen, liebe Frauen!

Es ist mir eine große Freude, Sie alle heute namens der Kirchenleitung in unserer badischen Landeskirche und im Herzen der Kurpfalz begrüßen zu dürfen. Ganz besonders freue ich mich darüber, unter all den Aktivitäten, die schon seit Jahren als Hinführung zum Reformationsgedächtnisjahr 2017 durchgeführt werden, das Frauenmahl nicht nur dem Namen nach, sondern ganz persönlich kennenlernen zu können. Ich war seit 1997 zwölf Jahre Mitglied im Rat der EKD und bin noch Mitglied der EKD-Synode. In diesen Eigenschaften arbeite ich seit ihrer Gründung in der Reformsteuerungsgruppe der EKD mit. Herzlichen Dank für die freundliche Einladung und Begrüßung!


Den Blick auch auf die Frauen der Reformation zu lenken, aber auch den wichtigen Beitrag ins Auge zu fassen, den Frauen, insbesondere christliche Frauen, mit Impulsen für Perspektiven bei der Bewältigung der aktuellen Fragen zur Zukunft von Religion, Kirche und Gesellschaft leisten, sollte selbstverständlich sein. Unsere Zeit ist eine Zeit des Umbruchs, die in ihrem Ausmaß durchaus der Zeit Luthers ähnelt. Diesen Blick auf die Rolle der Frauen in der sehr besonderen Gestalt eines Frauenmahls zu lenken, ist eine wunderbare Idee. Ein festlicher Rahmen, gute Gespräche, gemeinsames Essen, Begegnung und Gedankenaustausch erinnert an Shakespeares Worte: „geselliges Vergnügen, munteres Gespräch muss einem Festmahl Würze geben.“


Dass Tischreden von Frauen aus ganz verschiedenen Bereichen der Gesellschaft dem jeweiligen Frauenmahl die Würze geben, ist das Besondere dieser Idee. Ich habe unwillkürlich an Christine Brückners außerordentlich lesenswertes Büchlein gedacht „Wenn du geredet hättest, Desdemona: Ungehaltene Reden ungehaltener Frauen“. Wir werden heute gehaltene Tischreden erleben, auf die wir uns freuen können. Ob es sich um ungehaltene Frauen handelt? Ich bin gespannt, wir werden sehen.

Dem Genius loci entsprechend muss ich natürlich noch an zwei Frauen erinnern, die eng mit Heidelberg verbunden sind:

Zum ersten ist dies die berühmte Liselotte von der Pfalz. Aus ihren Briefen zitiere ich ein Wort zum zu Ende gehenden Jubiläumsjahr „450 Jahre Heidelberger Katechismus“, das wir unter dem Motto „Macht des Glaubens“ in der Landeskirche und natürlich hier in Heidelberg gefeiert haben. Ich nehme dieses Grußwort zum Anlass, Ihnen, liebe Frau Dekanin Dr. Schwöbel-Hug, und allen Mitarbeitenden ganz herzlich für ein so großes Engagement zur Gestaltung dieses Jahres zu danken.

Nun aber zum Brief der Liselotte von der Pfalz vom 16.01.1719. Sie schrieb:

„Ein Pfarrer wollte die kinder in seiner Pfarre aus dem catechismo examinieren. Die erst frage im Heidelberger Catechismo ist: Was ist dein einiger Trost im Leben und im Sterben? Wie der Pfarrer diese Frage an ein junges Mädchen that, fing sie an zu lachen, und wollte nichts antworten. Der Pfarrer sagte: antworte denn. Da sagte sie: Ei! Herr Pfarrer, weil ich’s ja sagen muß, es ist der junge Schuster in der Lämmer-Gassen.“


Zum anderen haben wir hier in Heidelberg das Evangelische Studienseminar Morata-Haus. Es liegt direkt am Neckar, gegenüber der Altstadt, an der Nordseite der Alten Brücke. Von hier aus hat man den Heidelbergblick: das Schloss, die Altstadt, die Türme der verschiedenen Kirchen, die Stadthalle, den Marstall. Das Haus bietet das Dach für das Theologische Studienhaus und das Predigerseminar Petersstift unserer Landeskirche. Es trägt den Namen von Olympia Fulvia Morata, einer gelehrten Protestantin der Reformationszeit, geboren 1526 in Ferrara, verstorben am 26. Oktober 1555 in Heidelberg - also gestern vor 458 Jahren. Sie liegt auf dem Friedhof dieser Kirche begraben. Eine Ehrentafel in der südlichen Seitenkapelle erinnert an sie. Posthum erschienen in Basel ab 1558 mehr als 50 Briefe sowie einige Gedichte, Übersetzungen und andere kleinere Schriften Moratas. Sie stand als eine von wenigen Frauen seit 1583 wegen ihrer Dialoge, Briefe und Gedichte auf dem Index Librorum Prohibitorum.


Seien Sie nun alle herzlich willkommen! Ein besonderes Dankeschön dem Organisationsteam!



Dieser Internetauftritt gehört zum Studienzentrum der EKD für Genderfragen in Kirche und Theologie (vorher: Frauenstudien- und -bildungszentrum in der EKD, FSBZ).
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