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Susan Gildersleeve: „Brain- und Soulfood“

Marburger Frauenmahl:


Um dieselben Säulen, an denen sich einst der Schall von Luthers Ideen in einer längst Geschichte gewordenen Zeit brach, ranken sich anlässlich des Marburger Frauenmahls die Meinungen und Anliegen von circa hundert Frauen, die in diesem Kontext im Fürstensaal des Marburger Schlosses zusammenkommen.

Was es mit diesem Frauenmahl auf sich hat, dass das Essen im Titel explizit mitdenkt, fördert eine Nachahmung* Stück für Stück zu Tage. Angefangen bei der ersten großen Entscheidung über das zu Kochende, bis hin zu den kleinen folgenden hinsichtlich der Wahl der Zutaten wird deutlich, dass Entscheidungen die Perlen einer Kette bilden, die sowohl eine Speise als auch die Meinungen der hier versammelten Frauen ausmachen. Das achtsame Hantieren mit den Zutaten vermittelt den nötigen Respekt und die Zuwendung, die jede Komponente benötigt, um in ihrer Eigenheit komplett zur Geltung zu kommen. So erfordert auch das gemeinsame Essen verbunden mit dem Gespräch, Achtsamkeit und Respekt gegenüber den individuellen Ansichten der Mitglieder der eigenen Tischgemeinschaft. Erst in der achtsamen Zuwendung, dem aufmerksamen Zuhören, wird aus Zutaten ein Mahl und werden aus Wörtern Worte.

In diesem geistigen Umfeld wurde – wunderbar orchestriert im geschickten Wechsel von „Brain- und Soulfood“– viel geredet und gehört über die Frau als ewige Ehrenämtlerin und darüber, dass direkte Demokratie Partizipationselemente benötigt, um Betroffene zu Beteiligten zu erklären und ihnen echte Handlungsfähigkeit zu ermöglichen.

Die Tischgemeinschaft kam über die Beobachtung katholisch-protestantisch genutzter Kirchengebäude und die aus islamisch-protestantischen Lebensverbindungen erwachsende Notwendigkeit neuer Hochzeitsformen zu der Erkenntnis, dass gelebte Ökumene und interreligiöse Praxis sich oft aus pragmatischen Kontexten entwickeln. Die Alltagsrealität begreife Differenz zwar durchaus als Herausforderung, aber keineswegs als Hemmnis, sofern ein interreligiöser Dialog stattfindet und die Religionen ihren Wahrheitsanspruch überdenken.

In der aktiven Suche nach einer permeablen Membran zwischen Religionen im Großen und Einzelmenschen im Kleinen findet sich schließlich auch die rahmende Klammer der Veranstaltung. Die bewusste Akzeptanz von Differenz, die sich Gewinn bringend in ein Ganzes verweben lässt, ohne dabei eigene Spezifika aufgeben zu müssen – das sollte das Ziel eines Dialogs und Diskurses sein. Und wie der Rotkohl auf der Küchenarmatur hinterlässt auch das Frauenmahl einen bleibenden Eindruck und erinnert daran, dass ein gutes Mahl Zeit und Aufwand erfordert und dass alle Unterschiede nivellierender Konsens weder wünschenswert noch nötig ist, sind es doch die ganz speziellen Geschmäcker und Ansichten, die eine Speise oder eine Gesellschaft erst durch den ihnen möglichen Beitrag „rund“ machen und damit dem Gesamtkonzept Facetten verleihen, ohne die das Mahl fad wäre.

(* Als Katalysator diente Lammgulasch mit Portwein-Preiselbeer-Sauce mit Apfelrotkraut a lá Mama.)


Dieser Internetauftritt gehört zum Studienzentrum der EKD für Genderfragen in Kirche und Theologie (vorher: Frauenstudien- und -bildungszentrum in der EKD, FSBZ).
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