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Gisela Matthiae: Etwas beschwipst

Marburger Frauenmahl:


Die Frauen mal – und zwar viele, hoch über der Stadt im Landgrafenschloss zu Marburg. Innerlich glucksend habe ich mich auf den Weg gemacht, in lauter Vorfreude und mit einem erhabenen Gefühl, als würden wir an diesem Tag nicht nur darüber debattieren, wie wir Kirche in der Zukunft sein wollen, sondern sie bereits realisieren. Tun wir ja auch.


Und jetzt die Nachgedanken


Vielfalt und Differenz

Kritisierten wir früher, dass patriarchale Gesellschaften der/die/das Andere ausschließen, so üben wir inzwischen den Einschluss solcherart Geanderten. Wir legen Wert auf Vielfalt und Differenz, was sich hier an den Teilnehmerinnen und den Rednerinnen zeigte. Und so habe ich von Verschiedenen Verschiedenesgelernt: dass ich als Ehrenamtliche anderen die Ehre erweise und nicht selbst dieser Ehre hinterher eifern muss (Elisabeth Raiser). Ich will mal den Versuch machen, Pfingsten ohne die Wörter „Heiliger Geist, Vater, Sohn, dreieinig, Ostern“ zu erklären (Elke Eisenschmidt).Ich glaube, ich bin eher eine Weihnachtschristin als ein Ostermensch (Ellen Überschär), oder? Ich bin auch nach der Volksabstimmung (Ja!) gegen den unterirdischen Bahnhof in Stuttgart (Ja!) (Brigitte Lösch). Ich ärgere mich trotz ihrer neuen Chefredakteurin Ines Pohl über die Klischees zur kirchlichen Themen in der taz und habe den Verdacht, die Kirchenredakteure haben etwas gegen unsere protestantische Debattierwut bei Kirchentagen und Synoden. Weil sie so ermüdend sind und man am Ende doch kein klares Fazit hat? Auch mich hat das Zuhören ermüdet? Weil es zu einer bloßen Aufzählung werden kann? Weil ich doch nicht so lange zuhören kann und lieber selbst spreche? Weil ich vor lauter Differenz, die dann doch nie alle berücksichtigt, am Ende indifferent werde?

Beim Abschied lachte ich mit der Koreanerin Meehyun Chung darüber, dass bei der Schweizer Frauensynode lauter deutsche Frauen gesprochen haben. Ist das schon ein positives Zeichen von Leben in Vielfalt? Auf alle Fälle hat uns das Lachen verbunden und eine geteilte Erfahrung.


Kirche in der Differenz – da darf es auch mal krachen und man darf lachen (nicht nur, weil es sich reimt). Denn in der Differenz liegen auch die Widersprüche, mal die tragischen und mal die komischen.


Leistung

Es zähle nur noch das Ergebnis, sagten mir zwei Tischnachbarinnen. Ihre Studierenden seien nicht an Lernprozessen interessiert, bei denen sie sich, Vermutungen kritisch prüfend, immer mehr ihre eigenen Thesen nähern, um sie eventuell wieder zu verwerfen. Richtig oder falsch wollten sie. Und wenn sie selbst falsch lagen, lag es nicht an ihnen, sondern an den Umständen etc. Dieses strotzende Selbstbewusstsein ginge ihnen auf die Nerven. Wähnen sich diese junge Menschen, über die wir – die weitaus Älteren - bereits jetzt im Zustand der Vollkommenheit? Weil genau dieses gefordert ist? Der neue Menschentyp als Unternehmer seiner selbst? Ohne Erlösungsbedürfnis, makel- und tadellos? Zumindest im Habitus? Dabei ertappten wir uns selbst längst auf dem Pfad des Perfektionismus, ohne große Fehlertoleranz und schrieben schon unsere eigene Erfolgsgeschichte, natürlich auch diese etwas hochgestapelt. Und so schick wie wir da saßen, fühlten wir uns auch erschöpft. Dazu suche ich ein kirchliches Gegenprogramm, das nicht wieder nur mehr vom Selben ist.


Nutzlose Kirche – zum Beten, Singen, Tanzen, Spielen, Fabulieren, Schnabulieren, eine Kirche der Ratlosigkeit, des Trotzes und der Kühnheit.


Pfingstchristin

Inzwischen glaube ich, dass ich sowohl eine Weihnachtschristin auf der Suche nach dem Glanz Gottes, der aus uns allen strahlt, als auch eine Osterchristin bin, die unverdrossen an den Visionen für eine gerechte Welt Gottes festhält und sich davon leiten lässt. Aber noch mehr weiß ich jetzt, dass ich eigentlich eine Pfingstchristin bin. Wie wir da so saßen, schmausten und lauschten, den Worten und der Musik, da säuselte es sacht, da sprach ich Zeichensprache mit der Freundin drei Tische weiter und kicherte mit der Nebensitzerin. Da war ich freudig erregt und zugleich müde und erschöpft und ratlos. Da hätte ich gerne ein Tosen verspürt wie von einem Wind, der heftig daher fährt.Und alle reden durcheinander in ihrer Sprache, frei heraus, und siehe da, alle hören sich zu und verstehen sich, teilen, was sie haben und sind vom selben Feuer ergriffen. Einfach so. Da hätten alle anderen ruhig denken können, dass wir etwas beschwipst sind und wir waren es ja auch.


Dieser Internetauftritt gehört zum Studienzentrum der EKD für Genderfragen in Kirche und Theologie (vorher: Frauenstudien- und -bildungszentrum in der EKD, FSBZ).
Besuchen Sie uns unter www.gender-ekd.de.

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