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Birgitta M. Schulte: Mauern sprengen

Marburger Frauenmahl:

Mehr Konflikt bitte! wünschte sich nicht nur Antje Schrupp. Wenn nicht Auseinandersetzung oder Aushandeln, dann doch wenigstens Disput. Das hätte ich mir gewünscht. Oder zumindest „durcheinander Reden, alle gleichzeitig und frei heraus“. Dass alle Frauen sich dann einig gewesen wäre, hätte echtes Pfingsterleben bedeutet, wie Gisela Matthiae sich es wünschte, aber das ging ja schon rein jahreszeitlich nicht.

Was hat es gehindert? Ist der Ort, an dem Männer (Kirchen)Geschichte schrieben, zu weihevoll, einschüchternd also, als dass „Tosen wie von einem Wind“ hätte aufkommen können“? Strahlen die Mauern zu viel Statisches, als dass wir lauthals einstimmen könnten in die mutige Selbstüberredung „Wir überlassen die Zukunft von Kirche und Religion nicht wenigen AmtsträgerInnen“? Frauen haben doch schon ganz andere Mauern gesprengt.


Vielleicht konnten wir den Modus nicht schnell genug wechseln, heraus aus der ruhig-gesetzten Aufmerksamkeit, die wir bei Konzerten mit live musizierter Barockmusik zelebrieren. Vielleicht konnten wir nicht die Festlichkeit sprengen, die wir doch so genießen mochten: lange Tafeln, ästhetisch-witzig geschmückt, ein wohl komponiertes Mahl mit vielen überraschenden Gängen, poetische Ankündigungen, die dem Gaumen- einen Ohrengenuss vorausgehen ließen, originelle Kunst aus Kochresten als Zugabe zu elaborierten Tischreden.

Vielleicht konnten wir nicht so schnell vom Zuhör-Modus in den Rede-Modus wechseln. Elfmal lange Zuhören macht nachdenklich, insofern stumm.

Vielleicht konnten wir einfach nicht sprechen, weil wir den Mund voll hatten.


Vielleicht hätten „wir Christinnen“ auch nicht die einfachen Wörter gehabt, die die Mathematikerin Elke Eisenschmitt anmahnte. Vielleicht hätte es die Sprache nicht gegeben, in der wir uns mit der Jüdin und der Muslima verstanden hätten. Vielleicht hätten wir uns als Katholikinnen und Evangelische nicht verstanden. Vielleicht konnte aus einem angekündigten „Dialog“ kein Multilog werden.


Gesucht haben wir uns und gefunden ja auch am Tisch(ende) und geredet und eine Linie gemalt vom „Raus aus den Kirchenräumen, ran an die Menschen“ der Brigitte Lösch zur Wiese vor St. Paul’s in London, wo eine von uns erlebt hatte, wie die Kirche die Occupy-Bewegten gegenüber der Polizei verteidigte. „So muss Kirche reagieren!“ waren wir uns einig, nicht so passiv und inhäusig, wie manche junge Pfarr-Herren erlebt werden, die zur Zeit die Pfarrhäuser beziehen. Wir ahnten nicht, dass sich die anglikanische Kirche beinah selbst aufgelöst hätte, weil es zu den Occupy-Protesten intern sehr verschiedene Standpunkte gab.

Wir hätten die Sache gern länger verfolgt und hätten bestimmt an Weihnachten der Predigt des Erzbischof von Canterbury zugehört, der auf Occupy Bezug nahm – mit gar nicht leichter Sprache, ganz alter nämlich. Er zitierte das 350 Jahre alte Book of Common Prayer's Long Exhortation. "If ye shall perceive your offences to be such as are not only against God but also against your neighbours; then ye shall reconcile yourselves unto them; being ready to make restitution.“

Geschichte wahrzunehmen ist wahrscheinlich nicht die schlechteste Empfehlung, wenn es um die Zukunft geht. Dass aber die Zukunft von Religion und Kirche wirklich in der Zukunft liegt, dass wir sie nicht mehr erleben, sondern eher unsere (Paten)kinder, ist eine Perspektive, die einzunehmen mir wirklich wichtig erscheint. Das habe ich gelernt, im Zug auf der Heimfahrt. Denn geredet haben wir ja doch – so lange wir zusammen waren.


Birgitta M. Schulte


Dieser Internetauftritt gehört zum Studienzentrum der EKD für Genderfragen in Kirche und Theologie (vorher: Frauenstudien- und -bildungszentrum in der EKD, FSBZ).
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