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Kathrin Wallrabe: Sie hat das Wort

Hirschberger Frauenmahl:


Luthers Hochzeitsmahl – Sie hat das Wort
Vom Weggehen und Ankommen



„Uns geht es gut.“ – warum Kirchgemeinden auf dem Land nicht aussterben

Was ist Heimat? Orte der Kindheitserinnerungen, Menschen, die uns umgaben, Lieder, Feste, dörfliche Idylle. Die Kirche ist der Mittelpunkt im Dorf, das ist gut für  Ankommende, weit ist der Kirchturm sichtbar, oft umgeben von einem Friedhof, liebevoll gepflegt. Es riecht nach Heu, Katzen streunen über den Pfarrhof. Es heißt, im Osten Deutschlands wären 75 % religionslos. Die Dörfer sind von Wegzug und Überalterung betroffen, das trifft auch das kirchliche Leben. 


„Weggehen und ankommen“ war deshalb das Thema des Frauenmahls in Hirschfeld am 14. 6. 2013. Weggehen und Ankommen wurde unter dem Blickwinkel der Toleranz für ganz unterschiedliche Lebensentwürfe und Lebensbedingungen während des Frauenmahls diskutiert.


Warum bin ich von meinem Wohnort weggegangen, freiwillig oder unfreiwillig?
Wie wurde ich am neuen Wohnort empfangen, was war positiv, was war negativ, was hat mir Halt gegeben? Was möchte ich Menschen sagen, die weggehen und ankommen, welche Erfahrungen möchte ich ihnen auf den Weg zum Ankommen geben?


Die Reihe der  Frauenmahle steht unter dem Motto: „Wir sind Reformerinnen – Frauen geben Impulse für die Zukunft“. Viele Geschichte wurden traditionell aus der Perspektive von Männern erzählt. Beim Frauenmahl werden, an die Lutherische Tradition anknüpfend, Tischreden zur Zukunft von Kirche und Gesellschaft, allerdings aus der Perspektive von Frauen, gehalten. 


Catleen Rost als jüngste Frau, erzählte von ihrem Fortgehen zum Studium. Neues wagen und Heimat finden gelang ihr besonders durch den Zusammenhalt unter Christen in anderen Städten.


Frau Dietrich, als ältester Rednerin,  ging nicht freiwillig aus ihrer Heimat Schlesien. Es blühten die Schneeglöckchen im Frühjahr 1945, als sie, 13- Jährig, mit ihrer Familie fortzog. Die Wanderung in Angst, die Übernachtungen auf Heuböden, aber auch die Hebamme, die den  Flüchtlingen Bad und Bett anbot, sind noch präsent. Ankommen bedeutet sich einbringen, nicht zuletzt in der Kirchgemeinde. Jetzt in Deutschenbora genießt sie zusammen mit ihrem Mann den Ruhestand.
Munter mit dem Mut der Jugend ging Rosalie Fleischhauer aus Peru in den 70-ziger Jahren fort. „Als Frau hast du in Europa bessere Chancen.“, ermutigte sie ihr Bruder. Der Anblick der Unterhosen überall auf den Wäscheleinen in Italien ließ sie den ersten Zug nach Norden nehmen, er führte nach Nürnberg. Eine Ausbildung zur Krankenschwester, Heirat mit einem Berliner waren ihre Wegstrecken und nun verlegt sie ihren Wohnsitz nach Großschirma, Ortsteil Reichenbach. Ihre Schule in Lima verwandelt sich am Abend in einen Comodore – Speisesaal für Kinder, die auf dem Markt arbeiten. Familie Fleischhauer unterstützt diese Kinder. Die alte Heimat ist nicht vergessen, aber in der neuen fühlt sie sich getragen, wie in einer „Mutter Hand“.


Kathrin Landau fand keine Stelle in Sachsen, ging zur Ausbildung ins Sauerland, gründete dort eine Familie und kehrte mit Mann und Kindern zurück. „Uns geht es richtig gut, wir sind angekommen.“


Dies lag auch Frau von Posern, Herzogin Edwina zu Mecklinburg auf der Zunge. Sie kam aus Schleswig-Holstein und bewohnt mit ihrer Familie das ehemalige Volks/Rittergut in Hirschfeld, was sich seit den 90-zigern sich wieder im Besitz der Familie von Posern befindet. Das Ankommen zeigt sich im zunehmenden Vertrauen, “Beim letzten Kind ließ ich den Kinderwagen im Garten stehen und jetzt  als Mutter von drei Kindern kommt man sich im Dorf unkompliziert näher.“ Das ist nicht so selbstverständlich, da die DDR- Schulerziehung die Menschen im Ort anders geprägt hat, wie in der Diskussion deutlich wurde.


Menschen und ihre Geschichten kennenlernen ist auch eine der Aufgaben von Dr. Astrid Reglitz, die seit 1 ½ Monaten die Pfarrerin des Ortes ist.


Das Pfarrerleben ist auf Mobilität angelegt. Aus Nordrhein-Westfalen kommend, nach dem Studium an verschiedenen Orten, u.a. in England, ist sie mit ihrem Mann und drei Kindern angekommen. In der Gemeinde arbeitet zum ersten Mal eine Pfarrerin und die Gemeindeglieder erleben, wie Beruf und Familie im Pfarrberuf vereinbart werden. 


Alle waren die Tischgäste von Katharina und Martin Luther, die zum Hochzeitsmahl geladen hatten. Katharina, in Gestalt von Monika Hageni, erzählte aus ihrem Leben vor 500 Jahren, von ihrem Aufbrechen und Ankommen. Das Lernen im Kloster, den Mut, Neues zu wagen, aufzubrechen und sich auf  neue Aufgaben einzulassen, waren ihre Wegetappen. Es entstand ein  Bild von Katharina als gebildete und selbstständige Frau.


Luther, in Gestalt von KMD Albrecht Reuther, hatte seine Freude an diesem Abend, er griff zur Laute und später zur Orgel und genoss das herrliche Essen im Kreis seiner Gäste.


Das Landleben bietet eben viel. „Wir machen alles selbst, das unterscheidet uns von den große Städten.“ sprach Katharina und so gab es Apfelsaft aus den Gärten, selbstgebrautes Bier, herrliche Speisen, alles serviert von den Mägden in historische Kostümen, genäht von Gurdun Reuther, die als Kirchvorsteherin, unterstützt von Barbara Höring und vielen anderen Helferinnen und Helfern, das herrliche Mahl vorbereitete. Begleitet wurde das Fest von mittelalterlicher Musik, so dass auch das Tanzbein geschwungen werden konnte.  Orgelmusik und Segen in der 800 Jahre alten Kirche rundeten den Abend ab. „Uns geht es gut.“, war ein Fazit des Abends, wir sind getragen in Gemeinschaft. Die Geschichten der so unterschiedlichen Frauen, die Organisationskraft für das Frauenmal lassen lebendige Gemeinde deutlich werden.


Beim „Weggehen und Ankommen“ stehen wir in Gottes Hand. Das gibt uns die Freiheit tolerant und großzügig die unterschiedlichsten Menschen in die Gemeinde zu integrieren.   Die  Kraft der Frauen beim Gemeindeaufbau, ihre Beweggründe für das Weggehen und Ankommen wurde sichtbar. „Frauen geben Impulse für die Zukunft.“ - Wenn sie zu Wort kommen, gibt es viele Ansatzpunkte für Zukunftsplanungen in Gemeinden und Kommunen.


Leider sind Frauen in Entscheidungsgremien zu wenig vertreten.


„Sie hat das Wort“ – ist die Besonderheit beim Frauenmahl. In Hirschfeld trug die gute Zusammenarbeit zwischen Frau Reuther, Kirchgemeinde Hirschfeld, Frau Hageni, Landesfrauenrat Sachsen e.V. und der Gleichstellungsstelle der Landeskirche zum Gelingen bei. Vielen Dank allen Mitwirkenden und herzliche Einladung zum nächsten Frauenmahl im Schloss Rochlitz am 20.09.2013, Anmeldung unter 03737 – 492310, rochlitz@schloesserland-sachsen.de, weitere Infos unter www.evlks.de/FrauenderReformation.

Kathrin Wallrabe, 19.06.13


Dieser Internetauftritt gehört zum Studienzentrum der EKD für Genderfragen in Kirche und Theologie (vorher: Frauenstudien- und -bildungszentrum in der EKD, FSBZ).
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