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Presseinfo vom 22.5.2016 zum Frauenmahl in Darmstadt 2016

Vom Teilhaben zum Teilwerden

Thema „Heimat finden – Grenzen überwinden“ beim zweiten Darmstädter Frauenmahl

DARMSTADT. Fünf Frauen aus Politik, Kirche und Gesellschaft, darunter eine junge Geflüchtete aus Syrien, hielten vor rund 80 weiblichen Gästen in der Darmstädter Stadtkirche Tischreden wie zu Luthers Zeiten.



Als sie das Thema für das zweite Darmstädter Frauenmahl im vorigen Jahr auswählten, seien Tausende Geflüchtete nach Deutschland gekommen, es habe viel Hilfsbereitschaft gegeben, sagte Anita Gimbel-Blänkle. Jedoch habe sich die Situation heute verändert, so die Pfarrerin der Stadtkirchengemeinde und Referentin im Stabsbereich Chancengleichheit der Evangelischen Kirche in Hessen und Nassau (EKHN) in ihrer Begrüßung, die das Frauenmahl mit einem Team organisiert hat. Ulrike Schmidt-Hesse, Dekanin des Evangelischen Dekanats Darmstadt-Stadt und Mitgastgeberin, stellte abwechselnd mit Anita Gimbel-Blänkle und Carmen Prasse, ebenfalls Referentin im Stabsbereich Chancengleichheit, die Rednerinnen vor. Zwischen den Reden gab es ein viergängiges Menü, das von der Baff-Frauen-Kooperation zubereitet und von Frauen aus der Martin-Luther-Gemeinde portioniert wurde.

Nach einem humorigen Grußwort von Pröpstin Karin Held, die mit Immanuel Kants „drei Stufen der Unterhaltung“ einen hohen Anspruch an die Tischgesellschaft vorgab, widmeten sich die fünf Rednerinnen dem Thema „Heimat finden – Grenzen überwinden“ aus unterschiedlichen Perspektiven. Tief bewegend war der Bericht der jungen Wateen Hadid, einer Palästinenserin, die mit ihrer Mutter vor dem IS aus Syrien floh, in einem Schlauchboot fast ertrunken wäre und noch heute unter Flashbacks, traumatischen Erinnerungen, vom Kentern leidet. Ihre Geschichte hat sie Rima Kautz, in Jerusalem geboren, aber seit 34 Jahren in Darmstadt, erzählt, die diese übersetzt und den Frauen vorgetragen hat. Jetzt lernt sie Deutsch und will studieren.

Über die Herausforderungen der Integration in Darmstadt, wo derzeit 3300 Geflüchtete leben, sprach Sozialdezernentin Barbara Akdeniz. Als „Aufgabe über Jahre hinweg“ bezeichnete sie dies, Ziel sei hier vor allem, „Integration in den Alltag zu bringen“. „Was wir können, haben wir noch lange nicht erreicht“, skizzierte sie die Situation in Darmstadt. Der Prozess der Integration jedoch durch die politischen Verhältnisse gestört. Die Sozialdezernentin sprach sich für „Sprachkurse für alle“ aus, nicht nur für solche mit Bleibeperspektive. Ihr Ziel sei es, Menschen durch „Hilfe zur Selbsthilfe“ eine „aktive Rolle“ in der Gesellschaft zu ermöglichen. Angesichts rechtspopulistischer Parteien, auch in Darmstadt, müsse man „mit offenen Augen und Zivilcourage Position beziehen“. In Sachen Gleichberechtigung und Sexismus sollte man laut Barbara Akdeniz grundsätzlich diskutieren, „nicht über Migrantinnen, sondern mit ihnen“.

Angenehm unterbrochen wurden die Vorträge durch das Orgelspiel von Christa Kirschbaum. Die Landeskirchenmusikdirektorin spielte Orgelwerke von den Komponistinnen Fanny Hensel, Elisabeth Jacquet de la Guerre, Elfrida Andrée und Pamela Decker und sang mit den Frauen zur Auflockerung.
Seit 42 Jahren lebt Souad El Kertoubi-Rais in Darmstadt. Die Marokkanerin, die eine Tajinerie führt, berichtete von „vielen guten Beziehungen“, aber auch von Verletzungen. „Es gibt immer gute und schlechte Seiten“, sagte die fünffache Mutter, „man muss aber Vertrauen haben.“ Auch wenn sie dankbar sei für ihre Lebenssituation, kämpfe sie täglich weiter, wolle sich selbst für Ausländer in der Stadt einsetzen. Als sie kam, habe sie keine Chance gehabt, Deutsch zu lernen, „jetzt gibt es viele Chancen, ich hoffe, dass viele sie nutzen.“

Sigrid Hornung richtete das Augenmerk auf eine ganz eigene Welt: die von Gefangenen. „Heimat auf 7 qm“ hatte die Gefängnispfarrerin, die seit elf Jahren im Fritz-Bauer-Haus in Eberstadt arbeitet, ihren Vortrag betitelt. In der Tat entwickelten Langzeitinhaftierte eine Art Heimatgefühl gegenüber der Haftanstalt und ihrer Zelle. Viele kämen mit der Schnelllebigkeit „draußen“ nicht mehr klar und seien froh, „wieder nach Hause zu kommen“. Heimat solle und könne dort sein, „wo man/frau sich wohlfühlt“, so Sigrid Hornung. Heimat unabhängig vom Ort vermittele auch, „wenn man als Mensch angesprochen und dementsprechend behandelt wird“. Dennoch sei wohl allen Inhaftierten die „Sehnsucht nach mehr – nach dem Leben in Freiheit, nach Familie, nach Heimat“ gemein.

Über unterschiedliche Rollenbilder und Integration unter dem Eindruck der Silvesternacht in Köln sprach Dr. Naime Cakir. Es gelte jetzt, „einen kühlen Kopf zu bewahren und für ein friedliches Miteinander einzutreten, ohne Missstände zu leugnen“, sagte die Religionswissenschaftlerin, die als erste Muslima als Referentin im Zentrum Ökumene der EKHN tätig war. „Was können christliche, muslimische und auch atheistische Frauen tun, um die Gesellschaft zusammenzuhalten?“ fragte Dr. Naime Cakir. „Vor allem, Neuankömmlingen eine neue Heimat bieten, ohne dass sich diese Anfeindungen ausgesetzt sehen müssen“, so ihre Antwort. Tendenzen, die eine Willkommenskultur kaputt machen wollen, sollten sie sich entgegenstellen und Wege finden, in der jeweils eigenen Tradition und Religion Missstände zu ändern und für Geschlechtergerechtigkeit einzutreten. Hier wies sie auch auf feministische Initiativen innerhalb des Islam hin, die es jedoch schwer hätten. „Eine feministische Diskussion ist schwierig, aber nicht unmöglich“, so Dr. Naime Cakir, „daran halten wir fest.“ Sie habe „gute Hoffnung für unser Land, es gemeinsam zu schaffen, in Frieden und Freiheit gleichberechtigt zu leben und Neuankömmlinge über Teilhaben Teil werden zu lassen“.

Vier Stunden lang seien die Frauen „durch verschiedene Welten gegangen“, sagt Dekanin Ulrike Schmidt-Hesse zum Abschluss und dankte den Rednerinnen und Organisatorinnen. Lydia Förster, Referentin im Stabsbereichs Chancengleichheit, verteilte Blumen an die Akteurinnen.

Dieser Internetauftritt gehört zum Studienzentrum der EKD für Genderfragen in Kirche und Theologie (vorher: Frauenstudien- und -bildungszentrum in der EKD, FSBZ).
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